Kapselendoskopie

Es klingt wie Science Fiction: Eine Minikamera in einer verschluckbaren Kapsel durchquert den Magen-Darm-Trakt. Auf ihrem Weg fotografiert sie die Darmschleimhaut

von Dr. med. Dagmar Bischoff, aktualisiert am 10.04.2017

Diese schluckbare Videokapsel kann den Verdauungstrakt von innen fotografieren


Die Videokapsel, die den Verdauungstrakt passiert, ist ungefähr 26 mm lang und 11 mm dick. Das entspricht in etwa der Größe eines Bonbons. Neben einer Kamera enthält sie hell leuchtende LEDs zur Ausleuchtung der Darmschleimhaut, einen Sender zum Weiterleiten der Aufnahmen und Batterien.

Wann kommt die Kapselendoskopie zum Einsatz?

Diagnostik mit Hilfe einer schluckbaren Kapsel: Da keimt sicherlich bei dem einen oder anderen die Hoffnung auf, dass die unangenehmen Magen- und Darmspiegelungen zur Untersuchung des Verdauungstraktes nun überflüssig geworden sind. Das ist leider nicht der Fall. Die Kapselendoskopie kann eine genauere Untersuchung des Magens oder des Dickdarms per "Schlauch" nicht vollständig ersetzen.

Vielmehr wenden Ärzte die Videokapsel derzeit hauptsächlich zur Untersuchung des Dünndarms an. Dieser Abschnitt des Verdauungstrakts ist nämlich mit herkömmlichen Endoskopen schwer erreichbar. Zwar erobert seit kurzem die zeitaufwändige Doppelballonentoroskopie den Dünndarm, aber auch sie erreicht vom Mund ab nur die obere Hälfte des Dünndarms, und vom Anus aus nur die untere Hälfte des Dünndarms. Die Kapselendoskopie hingegen kann mit einer Anwendung den gesamten Dünndarm abbilden.

Ärzte nutzen die Kapsel zum Beispiel bei einer Magen-Darm-Blutung, deren Blutungsquelle weder mit der Magen- noch mit der Darmspiegelung gefunden wurde. Folglich vermutet man die Blutungsquelle im Bereich des Dünndarms, wo die Kapsel sie aufspüren soll. Zunehmend setzen Ärzte die Videokapsel aber auch bei entzündlichen Darmerkrankungen wie zum Beispiel dem Morbus Crohn ein. Bei Verdacht auf eine Gluten-Unverträglichkeit, eine sogenannte Zöliakie, lassen sich mit der Untersuchung bestimmte Veränderungen des Dünndarms wie eine Zottenatrophie feststellen. Außerdem können mit der Kapsel eventuell Tumore und Polypen erkannt werden, die normalerweise im Dünndarm selten sind, aber bei bestimmten Erbkrankheiten namens Polyposen mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten. Bei Polypen handelt es sich um Wucherungen der Darmschleimhaut.

Zur Untersuchung des Dickdarms ziehen Ärzte die Kapselendoskopie derzeit nur als Alternativuntersuchung heran, wenn eine Darmspiegelung nicht möglich ist.

Wie läuft die Kapselendoskopie ab?

Im Allgemeinen ist die Untersuchung für den Betroffenen leicht zu bewältigen: Die Kapsel schlucken, dem normalen Alltag nachgehen und dann auf das Untersuchungsergebnis warten. Ein Krankenhausaufenthalt ist für die Kapselendoskopie normalerweise nicht erforderlich. Der Darm muss allerdings sauber sein, um eine gute Beurteilung der Darmwände zu gewährleisten. Daher sollte der Patient die letzten zwölf Stunden vor der Untersuchung nüchtern bleiben. Die Gabe eines entschäumend wirkenden Arzneistoffes  kann die Sicht auf die Dünndarmwand weiter verbessern. Vor allem wenn auch der Dickdarm beurteilt werden soll, empfiehlt der Arzt eventuell zusätzlich vorab die Anwendung von Abführmitteln, ähnlich wie bei einer Darmspiegelung per Endoskop.

Die Kapsel mit der Kamera schluckt der Patient mit einem Schluck Wasser. Die Kapsel durchläuft auf natürlichem Wege den Verdauungstrakt und landet irgendwann in der Kloschüssel. Zwei Stunden nach Schlucken der Kapsel darf der Patient wieder klare Flüssigkeiten trinken, nach vier Stunden in der Regel kleine Mahlzeiten essen. Der Weg durch den Magen-Darm-Trakt dauert ungefähr sechs bis acht Stunden. Während dieser Zeit schießt die Kamera 50000 bis 60000 Fotos und sendet sie an das Aufzeichnungsgerät, das der Patient an einem Gürtel trägt. Die Fotos wertet anschließend ein Arzt am Computer aus. Dabei lassen sich die Fotos wie ein Film abspielen. Jede Kapsel wird nur einmal verwendet.

Was sind die Vor- und Nachteile der Kapselendoskopie?

Ein großer Vorteil der Kapselendoskopie liegt auf der Hand. Die Untersuchung verläuft in aller Regel einfach und schmerzfrei. Es ist weder ein Beruhigungs- noch ein Kontrastmittel nötig. Es gibt auch keine Strahlenbelastung wie bei Röntgenuntersuchungen.

Ein Risiko besteht bei unbekannten Engstellen im Darm. Dann kann die Kapsel stecken bleiben, und eine Operation erforderlich werden. Das passiert in weniger als einem Prozent der Untersuchungen. Ansonsten sind bei der Kapselendoskopie seit ihrer Einführung im Jahr 2001 keine nennenswerten Nebenwirkungen berichtet worden.
Aber die Untersuchungsmethode hat ihre Grenzen. Während ein wesentlicher Bestandteil der Magen- und Darmspiegelung die Entnahme von Gewebeproben (Biopsien) ist, ist die Probenentnahme bei der Kapselendoskopie nicht möglich. Die mikroskopische Beurteilung der Schleimhaut entfällt deshalb. Auch Polypen können nicht gleich entfernt werden, wie es bei der Darmspiegelung üblich ist.

Darüber hinaus ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen je nach Indikation zur Zeit noch nicht garantiert. Die Kostenfrage sollte daher vor der Untersuchung geklärt werden. Selbstzahler müssen mit ungefähr 1200 Euro rechnen.

Wann darf die Kapselendoskopie nicht eingesetzt werden?

Bei bekannten oder vermuteten Engstellen im Verdauungstrakt, welche die Kapsel nicht passieren kann, sollte keine Kapselendoskopie erfolgen. Um die Durchgängigkeit einer Engstelle zu prüfen gibt es Testkapseln, die sich nach einer bestimmten Zeit auflösen, falls sie steckenbleiben. Wird die Testkapsel aber unverändert ausgeschieden, kann die Kapselendoskopie erfolgen.

Bei ausgeprägter Darmträgheit ist Vorsicht geboten, da die Beförderung der Kapsel im Magen-Darm-Trakt dann nicht gewährleistet ist.

Ebenso verhindert gegebenenfalls eine Schluckstörung den Einsatz der Videokapsel. Bei einer fraglichen Schluckstörung kann unter Umständen ein Schluckversuch mit einem Bonbon Aufschluss bringen oder die Kapsel während einer Magenspiegelung eingebracht werden.

Wegen unzureichender Erfahrungen wird die Kapselendoskopie vorsichtshalber auch bei Schwangeren nicht eingesetzt. Träger von Herzschrittmachern und Defibrillatoren sollten vorher das Vorgehen mit dem Arzt besprechen. Eventuell wird er dann zu einer stationären Überwachung der Untersuchung raten.

Während der Kapselendoskopie sollte keine Kernspintomografie durchgeführt werden, weil bei der Tomografie starke Magnetfelder zum Einsatz kommen, welche die Kapsel beeinflussen könnten.

Beratender Experte: Oberarzt Dr. Stefan Gölder, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Medikamentöse Tumortherapie, Notfallmedizin, Ernährungsmedizin, III. Medizinische Klinik, Klinikum Augsburg

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.