Leben ohne Milz: Das müssen Sie beachten

Menschen, denen die Milz entfernt wurde, sind anfälliger für bestimmte Infektionen. Zudem können diese schwerer verlaufen. Eine Leitlinie empfiehlt drei spezielle Impfungen als Schutz
von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 13.02.2017

Manchmal muss die Milz entfernt werden – etwa nach einem Unfall

Stockbyte/RYF

Sie wiegt nur gut 150 Gramm, liegt hinter dem Magen und ist nicht lebenswichtig. Auffällig wird die Milz meist nur, wenn Krankheiten sie anschwellen lassen oder wenn sie nach einem Unfall massiv blutet, weil sich hinter der verletzten Hülle ein dichtes Netz von Gefäßen verbirgt. Lange Zeit entnahmen Chirurgen das Organ dann ohne große Bedenken. Heute wägen sie kritischer ab, ob dies unvermeidlich ist. Denn ein Fehlen der Milz kann ernsthafte Probleme verursachen.

Das Organ erfüllt hauptsächlich zwei Aufgaben: Es filtert alte rote Blutzellen und Blutplättchen aus, und es beteiligt sich an der Abwehr von Krankheitserregern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf verkapselten Bakterien, die zum Beispiel Lungen- und Gehirnentzündungen hervorrufen können.

Erhöhte Gefahr für eine Blutvergiftung

Fällt diese Schutzfunktion aus, sind Menschen stärker für Infektionen mit solchen Erregern anfällig. Schlimmer noch: Die Gefahr, dass das Immunsystem nach einer Infektion entgleist, ist bei fehlender Milz deutlich erhöht. Zwischen ein und fünf Prozent der Betroffenen erleiden eine Sepsis, im Volksmund als Blutvergiftung bekannt. Sie endet in rund der Hälfte der Fälle tödlich, und vielen Überlebenden müssen die Ärzte Gliedmaßen amputieren.

Das müsste nicht sein, würden sich die Patienten besser schützen. Doch Daten einer Studie zeigen, dass nur wenige Betroffene zusätzliche Impfungen in Anspruch nehmen, berichtet Professor Frank Brunkhorst, einer der Studienleiter. Dafür gibt es verschiedene Gründe, erklärt der Sepsisforscher vom Universitätsklinikum Jena: "In der Klinik wird die Impfung von den Kassen nicht bezahlt, und nach der Entlassung denken die Patienten und ihre Hausärzte oft nicht daran. Auch Auffrisch-Impfungen werden meist vernachlässigt."

Die Milz liegt im linken Oberbauch, teils vom Magen verdeckt

W&B/Martina Ibelherr

Impfungen gegen drei Krankheitserreger empfohlen

Drei Impfungen empfehlen die Leitlinien bei fehlender Milz besonders: Schutzspritzen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Hämophilus influenzae Typ b (Hib). Auch die jährliche Immunisierung gegen Grippe gilt als sinnvoll, weil die Influenza eine zusätzliche Bakterieninfektion begünstigt.

Am wichtigsten ist die Impfung gegen Pneumokokken: Diese Bakterien stellen in der neuen Studie den Hauptanteil jener Keime, die bei Menschen ohne Milz eine Sepsis verursachen. In einer Vergleichsgruppe aus Sepsispatienten mit intakter Milz waren sie nur bei etwa jedem Zehnten die Übeltäter.

Um dem Impfmangel zu begegnen, haben Experten einen Ausweis entwickelt (kostenlos, Bestellformular unter asplenie-net.org/notfallpass). Er soll die Patienten an Impftermine erinnern und Ärzte für das Thema sensibilisieren. Manche Kliniken legen den Pass gleich dem Entlassbrief an den Hausarzt bei.

Bei Fieber immer zum Arzt

Einen hundertprozentigen Schutz bilden allerdings auch Impfungen nicht. Deshalb sollten Menschen ohne Milz bei jeder Infektion, die mit Fieber oder anderen schweren Symptomen verbunden ist, vorsichtshalber baldmöglichst einen Arzt aufsuchen. Dasselbe gilt nach einem Tierbiss. Denn eine Sepsis kann sich sehr rasch entwickeln.

Aus diesem Grund empfiehlt Frank Brunkhorst den Patienten zudem, sich ein Notfall-Antibiotikum verschreiben zu lassen, falls ein Arzt nicht innerhalb von ein bis zwei Stunden erreichbar ist. "So kann man zum Beispiel bei Auslandsreisen die Zeitlücke überbrücken." Wenige Daten gibt es dagegen zu der Frage, ob eine Antibiotika-Einnahme besonders Gefährdete auch vorsorglich schützen kann.

Risiko für Blutgerinnsel erhöht

Noch mehr Unsicherheit herrscht über die zweite mögliche Gefahr einer Milzentnahme, ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel. Deshalb fehlen hier offizielle Empfehlungen. "Wir untersuchen nach der Operation routinemäßig das Blut der Patienten und raten dies auch den Hausärzten, wenn die Zahl der Plättchen nach dem Eingriff zu stark gestiegen ist", berichtet Dr. Oliver Haase, leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie an der Charité in Berlin. Bleibt die Plättchenzahl hoch, solle man die Einnahme von Acetylsalicylsäure erwägen. "Ich persönlich würde sie auch einnehmen", sagt Haase.

Obwohl die Sepsisgefahr in den ersten Jahren nach der Milzentnahme besonders hoch ist, besteht sie auch nach Jahrzehnten noch. Kein Anlass also, mit dem Impfschutz nachzulassen. Immerhin, sagt Oliver Haase, "verbreitet sich das Wissen um diese Gefahr nun bei allen Kollegen".  


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