Neue Strategien gegen die Alkoholsucht

Die Sucht nach Alkohol bestimmt das Denken und verkürzt das Leben. Wie Ärzte und Psychiater vorgehen, um Gefährdete früher zu erkennen und ihnen ohne erhobenen Zeigefinger zu helfen
von Barbara Kandler-Schmitt, 25.09.2015

Zuschütten: Alkoholkonsum ist eine schlechte Problembewältigung

istock/ericsphotography

Allein in Deutschland sterben jeden Tag mehr als 200 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. "Das entspricht einem voll besetzten Airbus, aber niemand regt sich darüber auf", sagt Professor Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Warum auch? Schließlich genießen rund 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung regelmäßig einen guten Tropfen oder ein kühles Blondes.

Schätzungsweise zwei Millionen Bundesbürger sind abhängig von Alkohol, so der Suchtbericht 2014 der Bundesregierung. Weitere zwei Millionen trinken ihn in gesundheitsschädlichen Mengen. Die Folgen für Lebenserwartung und Lebensqualität sind dramatisch: Alko­­­holiker verlieren durch ihre Sucht im Schnitt 15 bis 20 Lebensjahre. Doch trotz guter Therapiemöglichkeiten sind die Betroffenen stark unter­versorgt und suchen nur selten profes­sionelle Hilfe. "Alkoholkranke haben oft Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung", sagt Professor Peter Falkai, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). "Dabei ist Alkoholsucht kein Randphänomen, sondern kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor."

Nicht charakterlos, sondern krank

Alkohol ist schon seit Tausenden von Jahren für seine entspannende, angstlösende Wirkung bekannt. "In niedrigen Dosierungen aktiviert er das Belohnungszentrum im Gehirn und wirkt als soziales Schmiermittel", erklärt Mann. Doch für etwa drei Prozent der Deutschen ist früher oder später Schluss mit lustig – nämlich, wenn aus dem freiwilligen Genuss ein zwanghaftes Konsumieren zunehmend größerer Mengen wird. "Diese Menschen sind nicht charakterlos oder willensschwach, sondern krank", betont der Psychiater Peter Falkai, Vorstandsmitglied der DGPPN. "Alkoholabhängigkeit hat schwere psychosoziale und gesundheitliche Folgen und muss deshalb als behandlungsbedürftige Erkrankung gesehen werden."

Regelmäßiger Alkoholkonsum zählt zu den wichtigsten vermeidbaren Gesundheitsrisiken: Wie Wissenschaftler der Universitätsklinik Bonn im Fachblatt European Psychiatry berichten, treten insgesamt 27 körperliche Krankheiten gehäuft bei Patienten mit Alkoholsucht auf. "Fast alle Organsysteme können betroffen sein", sagt Mann (siehe Grafik unten). Wie der Suchtexperte betont, leidet zudem die Psyche: "Etwa ein Drittel aller Depressionen sind alkoholbedingt.

W&B/Astrid Zacharias

Nicht nur die Leber leidet

27 Krankheiten treten bei Alkoholsucht gehäuft auf – oft auch mehrere gemeinsam. Klicken Sie auf die Lupe, um mehr zu erfahren.

Zehn Jahre bis zur Behandlung

Die Frage, warum die einen regelmäßig Alkohol trinken können, ohne ihn zu brauchen, und andere schnell abhängig werden, beschäftigt Experten schon lange. "Eine erbliche Komponente gilt als gesichert", erklärt Falkai. Wie andere Erkrankungen trete die Alkohol­abhängigkeit familiär gehäuft auf. Auch das Vorbild der Eltern, das soziale Umfeld und die Lebensumstände spielen bei der Suchtentstehung eine Rolle. "So wie sich Hellhäutige stärker vor Sonnenbrand schützen müssen, sollten Menschen mit ererbter Empfindlichkeit besonders achtsam mit Alkohol umgehen", warnt Falkai. Grundsätzlich empfiehlt er, nicht täglich Alkohol zu trinken und regelmäßig längere alkoholfreie Phasen einzulegen. "Wer das nicht schafft, sollte sich Gedanken machen." 

Männer riskieren bereits bei zwei Gläsern Bier oder Wein am Tag Gesundheitsschäden, Frauen dürfen sich sogar nur die Hälfte genehmigen. "Viele trinken jahrzehntelang regelmäßig schädliche Mengen, ohne deshalb aufzufallen", sagt Falkai. Und so vergehen vom ersten Auftreten alkoholbedingter Krankheitssymptome bis zur Behandlung der Alkoholsucht im Schnitt zehn Jahre. "Wir hoffen, diese Zeit mithilfe der neuen Leitlinie auf fünf Jahre zu verkürzen", sagt Mann.

Erstmal weniger trinken

Die Leitlinie sieht vor, dass Haus­ärzte die Patienten künftig regelmäßig nach ihrem Alkoholkonsum fragen und die Leberwerte kontrollieren. "Oft genügen einfache ambulante Maßnahmen, um den Alkoholkonsum vom gefährlichen in den tolerablen Bereich zu senken", sagt Falkai. "Eine monatelange stationäre Entwöhnung ist nur in bestimmten Fällen notwendig."

Erfahrungsgemäß sind zunächst nur wenige Patienten bereit, dauerhaft auf Alkohol zu verzichten. Deshalb setzen Suchtexperten zunehmend auf eine Verringerung des Konsums. "Zwar ist Alkohol auch in geringen Mengen ein Gift", sagt Falkai. "Doch wenn man die Menge reduziert, halten die Organe länger durch." Dieser Strategiewechsel ist in Fachkreisen umstritten, galt doch die lebenslange Abstinenz bislang als einziges Therapieziel. "Das geht völlig an der Realität vorbei", entgegnet Falkai. "Wie soll ein Arzt, der selbst gerne trinkt, seinen Patienten ­Alkohol verbieten? Wir erreichen mehr, wenn wir die Menschen ohne erhobenen Zeigefinger dort abholen, wo sie gerade stehen."

Medikament gegen die Belohung

Suchtexperte Karl Mann war dem reduzierten Trinken gegenüber lange skeptisch, räumt nun aber ein: "Bei vielen funktioniert es tatsächlich." Eine stationäre Behandlung sei dazu nicht erforderlich: "Das können auch Hausärzte leisten." Studien zufolge lasse sich der Alkoholkonsum bereits durch wenige Beratungsgespräche auf 60 Prozent der ursprünglichen Menge senken.

Gelingt es dem Patienten auf diese Weise nicht, seinen Konsum zu reduzieren, können Ärzte den Wirkstoff Nalmefen verordnen. "Wenn das Medikament zwei Stunden vor dem zu erwartenden Konsum genommen wird, blockiert es die belohnende Wirkung des Alkohols im Gehirn, sodass es keinen Spaß macht weiterzutrinken", erklärt Mann. Studien ergaben, dass sich der Alko­holkonsum so bis auf 40 Prozent begrenzen lässt. "Besser wäre natürlich völlige Enthaltsamkeit", betont Mann. "Aber das reduzierte Trinken ist ein erster Schritt und bietet Betroffenen die Chance, mit der Zeit abstinent zu werden."


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