Der Frühling steht vor der Tür und in den städtischen Kliniken wissen sie: Jetzt geht‘s bald wieder los. Jahr für Jahr landen immer mehr Unfallopfer in den Notaufnahmen, weil sie mit E-Scootern verunglückt sind. Die meisten sind um die 30 Jahre jung, männlich, alkoholisiert. Die Diagnosen: aufgeschürfte Gesichter, gebrochene Kiefer und Nasenbeine, manchmal auch schwere Schädel-Hirn-Verletzungen.

Was auf dem OP-Tisch endet, hat oft als Partyspaß begonnen: Mit Freundinnen und Kumpels gefeiert, mit ein paar Bierchen zuviel den Heimweg angetreten. Aber nicht zu Fuß, sondern mit einem Leih-Roller, wie er in manchen Städten an jeder Straßenecke herumsteht. Theoretisch gibt es gesetzliche Vorschriften für die Nutzung dieser Verkehrsmittel: Sie dürfen nicht auf Gehsteigen fahren. Für Alkohol gelten die gleichen Promillegrenzen (und Strafen) wie beim Autofahren. Und pro Gefährt ist nur eine Person erlaubt.

Regeln werden ignoriert

Allein: In der Praxis interessiert das niemanden. Polizeikontrollen gibt es kaum und gefahren wird, wie’s gefällt. Mal auf dem Bürgersteig, mal auf der Straße gegen die Fahrtrichtung, zur Feierstunde gerne mit viel mehr Promille „intus“ als erlaubt. Und ohne Helm sowieso. Dabei könnte der die meisten schlimmen Kopfverletzungen verhindern.

Man könnte meinen, die rollenden Flitzer seien harmlose Spaßfahrzeuge, wie wir sie aus Kindertagen kennen. Weit gefehlt. Mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde machen sie ordentlich Tempo und es braucht Übung, um sie sicher zu steuern. Viele überschätzen sich – Unfälle sind fast immer selbstverschuldet. Typisch ist der Flug über den Lenker mitsamt Landung auf dem Kopf, weil eine Bordsteinkante im Weg war, nasses Laub auf dem Boden lag oder Trambahnschienen unvorsichtig gequert wurden.

Strengere Vorgaben für den Verleih könnten viele Unfälle verhindern. Ideen dafür gibt es einige. Zum Beispiel gedrosseltes Tempo in bestimmten Zonen der Stadt oder für Scooter-Neulinge auf den ersten Fahrten. Oder Reaktionstests, mit denen die Leih-App vor dem Losfahren prüft, ob Alkohol im Spiel ist. Städte könnten späte Nachtfahrten verbieten – Oslo macht das bereits vor. Auch verpflichtende, kurze Schulungsvideos oder ein Fahrsicherheitstraining sind denkbar. Verbindlich umgesetzt wurde bisher: nichts.

Ausgewiesene Parkflächen fehlen

Auch gegen das Ärgernis, dass die Scooter überall im Weg herumstehen und -liegen, unternehmen die Verwaltungen bisher erstaunlich wenig. Stattdessen muten sie Menschen in Rollstühlen, Sehbehinderten und Müttern mit Kinderwägen zu, um die Hindernisse zu manövrieren. Immerhin planen einige Städte, Parkflächen für Leihroller auszuweisen. Die App ließe das „Auschecken“ dann nur zu, wenn das Gefährt dort abgestellt wird. Höchste Zeit wird’s dafür! Und zwar bitte mit weitläufigen Sperrzonen um Gewässer. Vielerorts versenken nämlich Öko-Vandalen die Dinger mitsamt ihrer giftigen Akkus in Flüssen.

Dabei ist die Umweltbilanz der Elek­troroller selbst ohne solchen Frevel ziemlich dürftig. Studien zeigen nämlich, dass sie kaum Autofahrten ersetzen, sondern vor allem Strecken, die man zu Fuß gehen könnte. Zum Aufladen sammeln Diesel-Transporter die verstreuten Scooter ein und liefern sie wieder aus. Klimafreundlich geht anders. Bis die Bilanz der flotten Roller für städtische Mobilität, Gesundheit und Umwelt passt, muss noch viel passieren.


Quellen:

  • Stray A, Siverts H, Melhuus K et al.: Characteristics of Electric Scooter and Bicycle Injuries After Introduction of Electric Scooter Rentals in Oslo, Norway. In: JAMA Netw Open: 01.01.2022, https://doi.org/...
  • Mair O, Wurm M, Müller M et al.: E-Scooter-Unfälle und deren Folgen. In: Der Unfallchirurg: 01.01.2021, https://doi.org/...
  • Statistisches Bundesamt: Statement: "Die neue Zweirad-Mobilität: Zum Unfallgeschehen von Pedelecs und E-Scootern". https://www.destatis.de/... (Abgerufen am 03.04.2023)
  • Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München: E-Scooter-Unfälle: Mehr als ein Drittel durch Alkohol. https://www.mri.tum.de/... (Abgerufen am 03.04.2023)