Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber: Sie sind ja auf die Minute pünktlich! Dabei sagen Sie über sich selbst, Sie seien „unpünktlich, schlampig, dominant“...

Bettina Tietjen: Ja, ich wundere mich heute selbst. Ich plane meine Wege ohne zeitlichen Puffer. Sie hatten Glück, es gab nur einen ganz kleinen Stau. Dominant? Vielleicht ein bisschen rechthaberisch. Aber nur wenn ich weiß, dass ich recht habe. Und ich bin sehr unordentlich, chaotisch, das stimmt. Zum Glück habe ich meinen Mann, der sehr ordentlich ist, ich weiß nicht, wie unser Haus sonst aussehen würde.

Sie sind schlecht darin, sich von Dingen zu trennen?

Darin bin ich ganz furchtbar. Es heißt ja, wenn man etwas zwei Jahre nicht gebraucht hat, dann braucht man es nie mehr. Das stimmt bei mir absolut gar nicht. Wenn ich Dinge nach zehn Jahren zufällig wiederfinde, brauche ich sie um so mehr. Bei technischem Kram, den ich sofort entsorgen würde, ist mein Mann der Bremser, weil er meint, diese eine Schraube könne eines Tages noch mal nützlich sein.

Irgendwann kamen Ihnen Ihre alten Tagebücher in den Sinn. Waren Sie neugierig, was drin steht?

Ja, ich suchte nach einem Buchthema, fand eine Autobiografie zu langweilig und mich dafür zu jung. Ich erinnerte mich, dass die Tagebücher meiner Jugend gut formuliert waren, und dachte, daraus ließe sich etwas machen. Die Suche war sehr langwierig, aber erfolgreich.

Tagebücher sind höchst privat. Empfanden Sie es nicht als Verrat am früheren Selbst, sie öffentlich zugänglich zu machen?

Natürlich überlegte ich, ob ich das wirklich machen soll. Weil viele Dinge drinstanden, von denen ich dachte: Die muss niemand wissen. Aber ich habe eine sehr genaue Auswahl getroffen. Außerdem waren sie so druckreif formuliert, dass ich vermute, mein früheres Ich wollte sie später öffentlich machen.

„Früher war ich auch mal jung“ heißt das Buch. Keine besondere Erkenntnis, oder?

Das ist natürlich ironisch gemeint. Das Buch ist sowohl heiter als auch nachdenklich, darum wollte ich Selbstironie im Titel, ein gewisses Augenzwinkern.

Sie zitieren Ihre Tante, die sagte: „Im Inneren bleibt man 20.“

Dieser Satz hat mich nachhaltig beeindruckt, sie war schon über 80, als sie ihn sagte. Sie war weit herumgekommen und sehr cool. Ich sagte mir: Darum ist sie auch so offen und so jugendlich und verständnisvoll. Weil sie sich ihr junges Ich bewahrt hat, und das haben viele in dem Alter nicht mehr. Leider.

Wie alt fühlen Sie sich innerlich?

Ich würde es nicht an einem Alter festmachen, es ist eher die innere Haltung, die man zum Leben hat, zu sich selbst und zum Altern an sich. Die macht das Junggebliebensein aus.

In vielem möchte man gar nicht mehr 20 sein ...

Auf gar keinen Fall. Ich möchte viele Dinge, die ich in meinen Tagebüchern entdeckt habe, nicht noch einmal durchleben. Ich tat mir teilweise wirklich leid. Ich dachte: Was ist das für ein besorgtes Mädchen? Was hat die für eine Zukunftsangst? Ich hatte richtig schwere Nöte und war phasenweise unglücklich. Ich finde aber, das Zurückschauen auf die Gedanken von früher kann einen heute weiterbringen. Weil man abgeklärter ist, vieles weniger reflektiert.

Hatten Sie sich so wie in den Tagebüchern in Erinnerung?

Das ist ja das Verrückte! Ich hatte mich immer als total cool in Erinnerung, als zufrieden mit mir. So habe ich es auch meinen Kindern erzählt. Doch so war ich gar nicht! Wie ich mich heute fühle, das habe ich auf meine gesamte Jugend projiziert. Ich habe sofort meine Kinder angerufen: „Ich war ganz anders, als ich es euch erzählt habe!“

Tietjen campt: In der Sendereihe fährt die Moderatorin unter anderem mit dem Schauspieler Hinnerk Schönemann nach Mecklenburg-Vorpommern.

Tietjen campt: In der Sendereihe fährt die Moderatorin unter anderem mit dem Schauspieler Hinnerk Schönemann nach Mecklenburg-Vorpommern.

Warum enden die Tagebücher mit dem Kennenlernen von Udo, der bald darauf Ihr Mann wurde?

Das frage ich mich auch. Es hat damit zu tun, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Ich wollte immer den richtigen Partner fürs Leben finden, eine Familie gründen. Die Suche nach der großen Liebe begleitete mich durch sämtliche Tagebücher.

Wollen Sie wieder mit dem Tagebuchschreiben anfangen?

Darüber habe ich nachgedacht. So richtig brodelt es noch nicht in mir. Durch das Bücherschreiben teile ich mich ohnehin schon mit ...

Sie sind ja auch im Fernsehen. Warum brauchen Sie noch einen Kanal, sich mitzuteilen?

Das ist etwas ganz anderes. Mein sprachliches Niveau, meine Wortwahl, verflacht durch meinen Beruf. Durch das ständige Formulieren in gesprochener Sprache vor der Kamera. Sich schriftlich auszudrücken ist eine andere Art der Artikulation.

Nach Ihrem ersten Fernseh- Interview urteilte Ihr Mann: „Talken können wir noch nicht!“

Das nehme ich ihm bis heute übel (lacht).

Sie haben sich aber nicht entmutigen lassen.

Wenn Leute mir solche Sachen sagten, habe ich mich nie entmutigen lassen. Das hat gut funktioniert, und ich habe es dann ja auch gelernt.

Ein beneidenswertes Urvertrauen in sich selbst.

Das gaben mir meine Eltern mit auf den Weg. Dieses Gefühl „Ich bin gut so, wie ich bin“ haben wir versucht, auch unserer Tochter und unserem Sohn mit auf den Weg zu geben.

Wie hat das Erleben der Demenz Ihres Vaters Ihre Angst vor Demenz verändert?

Die Angst ist mir genommen worden. Weil ich bei meinem Vater sah, dass ihm eine Last von den Schultern fiel. Er war ein sehr verstandesorientierter Mensch, nicht sehr lebensfroh, dafür extrem religiös. Er hat immer mit sich gehadert, mit seinem Leben, mit seinem Sündergefühl, seinen Kriegserlebnissen. Als die Demenz anfing, hat er gekämpft und darunter gelitten.

Aber je mehr sich der Verstand verabschiedete, desto fröhlicher wurde er. Er lachte viel, fluchte, was er vorher nie tat. Und er schaute plötzlich exzessiv fern. Eine verschüttete Seite seines Ichs kam heraus, Umarmungen, fröhlich sein, auch mal miteinander weinen. Ich glaube, es kommen Dinge heraus, die in der Persönlichkeit angelegt sind.

Und Ihr Blick aufs Älterwerden?

Ist ein ganz anderer geworden! Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man im Alter leben möchte, wenn man es rechtzeitig plant. Das hat mich neugierig gemacht, obgleich ich im Moment immer noch nicht sagen könnte, wie ich leben möchte, wenn ich richtig alt bin.

„Man darf nicht nach dem Menschen suchen, der mal war, sondern sich auf den einlassen, der jetzt ist – sonst quält man sich nur.“ Ein Zitat von Ihnen.

Es gab natürlich diese Zeit, in der meine Schwester und ich versuchten, meinen Vater zu ändern. Es gab eine Phase, wo er aggressiv war, wütend auf sich und auf andere. Oder eine Phase, wo er auf meine Frage, an was er denke, sagte: „Nichts.“ Ich meinte, das ginge doch nicht, aber er sagte nur: „Doch, warum denn nicht?“ So lernte ich allmählich, mich darauf einzulassen, wie er ist.

Ich habe herausgefunden: Was kann er noch, was macht ihm Spaß? Und dann haben wir Memory gespielt, auf seine Weise: mit den Bildern nach oben. Das war eine bereichernde Zeit, ich habe viel gelernt über den Menschen an sich. Ich war gerne bei ihm im Heim. Weil ich merkte: Alles, was draußen wichtig ist, spielt da überhaupt keine Rolle.

-