Schon als Kind hatte ich oft Probleme mit den Ohren. Wenn andere im Vorfrühling oben ohne draußen herumtobten, hatte ich immer noch eine Mütze auf. Das ist bis heute so. Gehe ich bei kühlen Temperaturen ohne Kopfbedeckung raus, kriege ich sofort ein Stechen im Ohr. Außerdem schmerzen und dröhnen meine Ohren bei jedem Flug wie verrückt.

Ohrenkerze für besser belüftete Ohren

Ohrenkerzen sollen Abhilfe versprechen. Sie sollen reinigen, entspannen, Ohrgeräusche lindern. Vielleicht wirken sie auch bei meinen sensiblen Exemplaren? Die Hohlkerzen sind etwa 30 Zentimeter lang und bestehen aus einem Mix aus Bienenwachs, ätherischen Ölen und Hilfsstoffen. Man steckt sie sich ins Ohr und zündet sie an.

Durch die Hitze entsteht angeblich ein Unterdruck, der das ­Schmalz herauszieht. Gewünschter Effekt: Die Ohren werden besser belüftet und sind weniger anfällig für Entzündungen. Klingt simpel und auch logisch. Aber eine brennende Kerze im Ohr? Irgendwie finde ich diese Vorstellung nicht besonders angenehm.

Youtuberin Kim Lianne hegte ähnliche Zweifel und machte deshalb einen Selbsttest. Ich bin ihr dafür sehr dankbar, denn möglicherweise habe ich mir dadurch ein Loch im Trommelfell erspart. Bei Lianne sah zunächst alles vielversprechend aus. Nach dem Abbrennen blieb ein gelbes Häufchen übrig. Klar, Ohrenschmalz! Oder? Lianne machte den Gegencheck und brannte die Kerze ab, ohne sie sich ins Ohr zustecken. Auch da blieb am Schluss ein gelbes Häufchen übrig. Bienenwachs!

Achtung: Gefährlich!

Dr. Dirk Heinrich vom Berufsverband der HNO-Ärzte wundert sich nicht über diesen gescheiterten Versuch. „Die Sogwirkung durch das Abbrennen der Kerze ist viel zu schwach, um etwas aus dem Ohr zu befördern. Das ist physikalisch gar nicht möglich.“

Dass die erwartete Wirkung nicht eintritt, ist für ihn aber nicht das eigentliche Problem. „Ich halte diese Methode schlicht und einfach für gefährlich. Wir raten strikt davon ab.“ Heißes Wachs und Asche können irreparable Schäden im Gehörgang verursachen. Etwa ein Loch ins Trommelfell brennen. „Das heilt von selbst nicht wieder zu. Es muss operiert werden“, sagt Heinrich, der den Verkauf der Produkte für verantwortungslos hält. Oft werden diese als „Hopi-Kerzen“ vermarktet, weil angeblich Hopi-Indianer das Verfahren angewendet haben. Belege dafür gibt es aber nicht.

Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA warnt ausdrücklich vor Ohrenkerzen. Verbrennungen im Gehörgang und Mittelohr sowie im Gesicht und an der Ohrmuschel seien möglich. Kerzenwachs könne außerdem die Ohren verstopfen. Für Menschen mit Ohrenproblemen haben die FDA-Experten den gleichen einfachen Rat wie Dirk Heinrich: „Gehen Sie zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt.“ Auch ich sollte mir das hinter die Ohren schreiben.

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