Oktober 2020: Die Polizei verhaftet zwei Deutsche – sie hatten über vermeintliche Onlineapotheken gefälschte Medikamente aus Asien nach Deutschland verkauft. November 2021: Deutsche Ermittlerinnen und Ermittler zerschlagen einen Schmugglerring und stellen 26 000 gefälschte Arzneimittel sicher. Operation Pangea XIV, Mai 2021: Bei der weltweiten Aktion gegen illegalen Handel mit Medikamenten unter Leitung von Interpol beschlagnahmen Behörden neun Millionen gefälschte oder nicht zugelassene Medizinprodukte und Arzneimittel.

Solche und ähnliche Meldungen gibt es immer wieder. Laut Weltgesundheitsorganisation betreffen Arzneimittelfälschungen jede Region der Welt, auch Deutschland. Vor allem in den vergangenen Jahren hat das Problem zugenommen: So führte 2019 der Zollfahndungsdienst 1249 Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz durch. 2020 stieg die Zahl auf 1563. Und 2021 waren es 1942 Verfahren.

Falsches Krebsmedikament kann töten

Behörden und Verbände warnen schon seit Jahren vor dem Kauf gefälschter und illegaler Medikamente über das Internet. Solche Produkte kosten meist weniger als bei der Apotheke vor Ort. Doch Käuferinnen und Käufer könnten sich nicht nur durch die Einfuhr strafbar machen – sondern auch ihre Gesundheit gefährden.

Das sagt auch Nathalie Steinhauser: „Gefälschte Arzneimittel stellen ein nicht kalkulierbares Gesundheitsrisiko dar. Im schlechtesten Fall kann die Einnahme sogar lebensgefährlich sein.“

Zum Beispiel kauft ein Krebspatient über das Internet günstig ein vermeintliches Krebsmedikament – das aber ohne Wirkung ist. Oder eine junge Frau wird trotz Verhütung schwanger, weil die billige Antibabypille keinen oder nur geringen Wirkstoff enthielt. Bei nicht wirksamen Antibiotika kann sich eine Infektion weiterverbreiten. Hinzu kommt: Fälschungen werden häufig unter unhygienischen Bedingungen hergestellt. Sie können mit Bakterien oder Giftstoffen verunreinigt sein. Das kann zu neuen Erkrankungen oder lebensbedrohlichen Reaktionen führen.

System hilft bei Echtheitsprüfung von Medikamenten

Steinhauser ist Pressesprecherin bei securPharm. Alle ihre Aussagen in diesem Text sind Teil einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa), die der Apotheken Umschau vorliegen.

Bei securPharm handelt es sich um einen Verein, der ein gleichnamiges System zur Überprüfung der Echtheit von Medikamenten in Großhandel, Apotheken oder Krankenhäusern betreibt. Die deutsche Arzneimittelversorgung gilt laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zwar als eine der sichersten weltweit: In der Vergangenheit sind in Apotheken nur sehr vereinzelt Arzneimittelfälschungen aufgetaucht.

Individueller securPharm-Code für jede Medikamentenpackung

Das 2019 eingeführte securPharm-System soll die Versorgung aber noch sicherer machen: Auf jeder Packung eines verschreibungspflichtigen Medikaments findet sich ein individueller Code. In der Apotheke wird dieser direkt vor der Abgabe auf Echtheit überprüft. Das soll garantieren, dass Menschen in Apotheken nur sichere Medikamente erhalten.

Diese Prüfung ist für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) und des Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) vorgeschrieben. „Sie können davon ausgehen, dass sie in Apotheken der EU-Mitgliedsstaaten genauso sicher einkaufen wie in Deutschland. Bis 2025 kommen noch die Systeme Italiens und Griechenlands dazu“, sagt Steinhauser.

Gefälschte Medikamente sind schwer zu entdecken

Denn ob es sich beim Medikament um ein gefälschtes Präparat oder das Original handelt, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher oft kaum zu unterscheiden. Täuschend echt ahmen Kriminelle Verpackungen und Aussehen der Tabletten nach. Die Bandbreite reicht von Lifestyle-Arzneien wie Potenz-, Haarwuchs- oder Schlankheitsmitteln bis hin zu lebenswichtigen Medikamenten wie Krebspräparaten, Antibiotika, Blutdrucksenkern oder Schmerztabletten.

Laut einem Forschungsbericht des Bundeskriminalamts von 2017 ist der Profit aus dem Handel mit gefälschten Medikamenten sogar höher als beim Drogenhandel: Mit einem Kilogramm des Potenzmittels Sildenafil lassen sich auf dem Schwarzmarkt vermutlich zwischen 90 000 und 100 000 Euro erzielen. Zum Vergleich: Für Kokain erhält man 65 000, für Heroin 50 000 Euro pro Kilogramm.

Logo hilft dabei, den Internetkauf sicherer zu machen

Um den Kauf im Internet sicherer zu machen, hat die EU 2015 das EU-Sicherheitslogo eingeführt. Alle bei den Behörden registrierten Versandhändler und Apotheken in der EU, die Arzneimittel über das Internet verkaufen, müssen dieses Logo in ihrer Landessprache auf ihren Websites nutzen. Wer auf das Logo klickt, landet auf dem Versandhandelsregister. Hier kann jeder selbst prüfen, ob der Versandhändler legal Arzneimittel verkauft.

Nutzerinnen und Nutzer sollten sich aber nicht nur auf Logos verlassen. Denn: „Verbraucher sollten berücksichtigen, dass nicht nur Arzneimittel, sondern auch Gütesiegel gefälscht werden können“, schreibt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) auf ihrer Website.

Kriminelle setzen verstärkt auf Werbung in sozialen Medien

Tatsächlich warnt auch die ABDA vor seriös aussehenden Websites krimineller Internethändler. Kriminelle setzen zudem verstärkt auf soziale Medien, um ihre Angebote zu bewerben. Das sagt eine Sprecherin der Generalzolldirektion. Die Behörde spielt bei der Sicherstellung gefälschter Arzneimittel eine wichtige Rolle: Sie prüft viele Pakete, die ins Land kommen. „Die strafbewehrte Einfuhr von illegalen Medikamenten erfolgt hauptsächlich über Post oder Kurierdienstverkehr sowie per Luftfracht“, so die Zollsprecherin.

Laut einem Bericht des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) von 2020 stammen die meisten gefälschten Arzneien aus China und kommen über illegale Lieferwege nach Europa. „Seit die Zollverwaltung neben der Kontrolle von Drittlandssendungen auch die gesetzliche Befugnis zur Kontrolle innereuropäischer Postsendungen hat, werden aber auch hier vermehrt illegale Arzneimittel gefunden“, so die Sprecherin.

Worauf Sie beim Internetkauf achten sollten

Wer unbedingt Arzneimittel über das Internet kaufen muss, sollte darum aufpassen. Möchte man sichergehen, dass eine Versandapotheke legal arbeitet, kann man bei der im Impressum der Apotheke angegebenen Aufsichtsbehörde anrufen. Stutzig werden sollte man, wenn verschreibungspflichtige Präparate besonders billig angeboten und ohne Nachweis eines Rezeptes versendet werden. Wer eine fragwürdige Versandapotheke melden will, kann das online tun an die Mail-Adresse: faelschermelden@bvdva.de

Generell sollte man beim Kauf im Internet aber vorsichtig sein. Denn nach deutschem Gesetz dürfen Privatpersonen „im Wege des Post- oder Kurierversands grundsätzlich keine Arzneimittel aus dem Ausland beziehen“, schreibt der Zoll auf seiner Website. Dabei gilt: Auch Nahrungsergänzungsmittel, Vitaminpräparate oder rein pflanzliche Naturheilmittel aus dem Ausland können in Deutschland als Arzneimittel gelten. Vor allem, wenn die als Mittel zur Behandlung von Krankheiten beworben werden.

Wer beim Kauf von Medikamenten Probleme mit dem Gesetz und eine Gefährdung seiner Gesundheit vermeiden will, sollte darum laut der Zollsprecherin am besten Folgendes tun: „Ein geeigneter Weg zu sicheren und zugelassenen Arzneimitteln führt in eine behördlich registrierte Versandapotheke“, sagt sie. „Oder in erster Linie in die niedergelassene Apotheke vor Ort.“


Quellen:

  • Zoll: Ermittlungskomplex "Hydra". https://www.zoll.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Zoll: Organisierte Arzneimittelkriminalität, Vier Festnahmen, 26.000 Tabletten sowie 56.000 Euro und Luxusgüter beschlagnahmt.. https://www.zoll.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Interpol: Thousands of fake online pharmacies shut down in INTERPOL operation, Criminals continuing to cash in on COVID-19 on and offline.. https://www.bka.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Presseanfrage Generalzolldirektion

  • Presseanfrage securPharm e.V.

  • Presseanfrage Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie

  • Verband Forschender Arzneimittelhersteller

  • Zoll: Arzneimittel: Rechtliche Grundlagen. https://www.zoll.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Presseanfrage Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände

  • Bundeskriminalamt: Arzneimittelkriminalität: Ein Wachstumsmarkt. https://www.bka.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • OECD and European Union Intellectual Property Office: Trade in Counterfeit Pharmaceutical Products . In: OECD iLibrary: 2020, https://doi.org/...
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