Je länger die Corona-Pandemie andauert, desto mehr zeigt sich: Viele Patienten klagen noch Wochen oder Monate nach den ersten Covid-19-Anzeichen über Beschwerden. Inwiefern diese dauerhaft bleiben können, ist derzeit noch unklar. Weitere Untersuchungen sind hierfür nötig.

Was das genau für Symptome sind, wer davon betroffen ist, und an wen sich Patienten mit anhaltenden Beschwerden wenden können – darüber haben wir mit Professorin Uta Merle gesprochen. Merle ist kommissarische ärztliche Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen und Vergiftungen am Universitätsklinikum Heidelberg.

Professorin Uta Merle ist kommissarische ärztliche Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen und Vergiftungen am Universitätsklinikum Heidelberg

Professorin Uta Merle ist kommissarische ärztliche Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen und Vergiftungen am Universitätsklinikum Heidelberg

Frau Professorin Merle, Sie haben kürzlich 150 Patientinnen und Patienten zur Nachuntersuchung eingeladen – exakt 20 Wochen nachdem diese zum ersten Mal Covid-19-Symptome gezeigt hatten. Was kam bei den Untersuchungen heraus?

Zunächst haben wir festgestellt, dass viele der Patienten noch immer von Symptomen berichteten. Rund 40 Prozent fühlten sich noch nicht vollkommen gesund – unabhängig davon, ob sie während der akuten Erkrankung im Krankenhaus hatten behandelt werden müssen oder nicht.

Die Schwere der akuten Erkrankung war also nicht ausschlaggebend für Folgeprobleme?

Genau. Allerdings muss ich einschränkend sagen, dass ich über die ganz milden Fälle keine Aussagen treffen kann. Zur Nachuntersuchung kamen zum einen Patienten, die wir damals stationär in der Klinik versorgt hatten. Zum anderen waren das Patienten, die wir ambulant mit sogenannten Corona-Taxis betreut hatten. Sie waren zwar nicht stationär aufgenommen worden, waren aber zumindest so krank gewesen, dass wir sie zu Hause besucht hatten.

Seitdem sind knapp fünf Monate vergangen. Welche Beschwerden sind bei den Patienten geblieben oder haben sich entwickelt?

Wir haben die Patienten gezielt nach bestimmten Symptomen gefragt. Müdigkeit und eingeschränkte Belastbarkeit wurden mit Abstand am häufigsten genannt. Die anderen Symptome waren sehr unterschiedlich, sie wurden jeweils von rund einem Drittel der Befragten bestätigt. Dazu zählten zum Beispiel Husten, Luftnot, Durchfall, Gelenkbeschwerden, zäher Schleim im Hals, Haarausfall, Blutdruckschwankungen, aber auch Schlafstörungen, Wortfindungsstörungen sowie Angstsymptome. Woher die Angst rührt, ist unklar. Es könnte natürlich sein, dass die Patienten Angst vor der Krankheit haben, weil sie noch so unbekannt ist. Oder Angst ist tatsächlich ein spezifisches Symptom von Covid-19.

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Rund 60 Prozent der Patienten fühlten sich aber wieder vollkommen gesund?

Genau. Das haben die Befragten zumindest anfangs gesagt. Als wir sie genauer nach spezifischen Symptomen gefragt haben, gaben einige von ihnen dann doch Beschwerden wie zum Beispiel Abgeschlagenheit oder eine eingeschränkte Belastbarkeit an.

Nach dem Motto: Wer suchet, der findet?

Das ist natürlich die Frage: Führt nur das erhöhte Bewusstsein für das Coronavirus dazu, dass man die Folgen entdeckt? Man fragt sich, was herauskommen würde, wenn man bei einer Grippe so genau nachfragen würde. Sie kann schließlich auch ernste Folgen nach sich ziehen – wie zum Beispiel einen bleibenden Herzschaden.

Dennoch würde ich sagen, dass wir bei Covid-19 eine größere Palette an Folgeproblemen sehen, dass also ein langwieriger Krankheitsverlauf ein Merkmal von Covid-19 ist. Die Gründe dafür müssen wir allerdings noch weiter erforschen.

Spielen das Alter und Vorerkrankungen eine Rolle dabei, ob man anhaltende Symptome entwickelt?

Nein, dieses Dogma würde ich brechen. Viele unserer Patienten waren fit und hatten keine Vorerkrankungen. Und trotzdem gaben sie teils noch immer Symptome an. Sie hatten sich zum Beispiel im Skiurlaub angesteckt. Natürlich kommt ein junger und gesunder Mensch selten auf die Intensivstation, die akute Erkrankung verläuft also milder. Aber länger anhaltende Probleme wie etwa Müdigkeit und Abgeschlagenheit können auch ihn treffen.

Was raten Sie Betroffenen?

Auf jeden Fall appelliere ich an jeden, der Covid-19 hatte und länger anhaltend Probleme hat, zu einem Arzt zu gehen. Wir wissen einfach noch zu wenig über die Erkrankung und sollten das im Auge behalten.

Wer ist der beste Ansprechpartner?

Der Hausarzt ist eine gute Adresse. Außerdem bieten manche Universitätskliniken sogenannte Post-Covid-19-Ambulanzen an, die sich speziell an Covid-19-Patienten mit Langzeitbeschwerden richten. In diesen Einrichtungen sehen die Ärzte eine große Gruppe betroffener Patienten und lernen so immer mehr über die Erkrankung.

Wenn Sie selbst zurückschauen: Was haben Sie persönlich am meisten über Covid-19 gelernt?

Anfangs dachte ich: "Komm, einmal machst du es durch, dann hast du es hinter dir." Das sehe ich jetzt anders: Ich wäre froh, wenn ich es nicht bekäme. Ich glaube, wir tun gut daran, dass sich möglichst wenig Menschen infizieren, bis eine Impfung da ist. Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Es kann deutlich mehr bleiben als ein bisschen Schaden an der Lunge.

Mögliche Adressen für Post-Covid-19-Ambulanzen:

Immer mehr Kliniken bieten sogenannte Post-Covid- oder Nachsorgeambulanzen an – für Menschen mit anhaltenden Beschwerden. Informieren Sie sich am besten in dem für Sie nächstgelegenen Universitätsklinikum, ob es dort eine solche Ambulanz gibt. Für einen Termin brauchen Patienten eine Überweisung des Hausarztes.

Post-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena:

Klinik für Innere Medizin IV (Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie, Interdisziplinäre Endoskopie), Tel.: +49 (0) 3641 9-32 44 01

Klinik für Innere Medizin I (Kardiologie, Internistische Intensivmedizin, Angiologie, Pneumologie/Allergologie), Tel.: +49 (0) 3641 9-32 41 01

Mehr Informationen

Nachsorgesprechstunde für Patienten nach Covid-19 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH):

Klinik für Pneumologie – Covid-19-Nachsorgesprechstunde, Tel.: (0511) 532-5030, E-Mail: pneumologie.covid@mh-hannover.de

Mehr Informationen

Post-Covid-Sprechstunden an der Charité Universitätsmedizin Berlin:

Charité Fatigue Centrum: Sollten Erschöpfungssymptome länger als drei Monate anhalten, können Sie sich in der Sprechstunde zur weiteren Abklärung vorstellen. E-Mail: fatigue-centrum@charite.de

Mehr Informationen

Klinik für Neurologie mit experimenteller Neurologie: Hier können sich Patienten mit neurologischen Symptomen, die im Zusammenhang mit CoVID-19 aufgetreten sind, vorstellen.

Mehr Informationen

Post-Covid-Sprechstunde der Uniklinik Köln

Infektionsambulanz, Spezialsprechstunde für anhaltende Beschwerden nach einer Covid-19-Erkrankung, Tel.: +49 221 478-81393, E-Mail: covid-19-geheilt@uk-koeln.de

COVID-19-Genesene, die infolge der Infektion noch unter einer Riech- und/oder Schmeckstörung leiden, können sich in der Spezial-HNO-Sprechstunde zur Riechtestung und Beratung vorstellen: hno-corona@uk-koeln.de

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