Bei einer Erkrankung durch das Coronavirus SARS-CoV-2 zweimal täglich ein Asthmaspray inhalieren, und das Risiko für einen schweren Verlauf der Krankheit ist wie weggeblasen: ein Traum. Eine Studie aus England macht jetzt Hoffnung, dass der Wirkstoff Budesonid, der Asthma- und COPD-Patienten Linderung verschafft dazu beitragen könnte, schweren Verläufen vorzubeugen. Doch Experten warnen vor verfrühten Erwartungen.

Eine Gruppe britischer und australischer Forscher hatte für ihre Untersuchung 146 im Schnitt 45 Jahre alte Patienten mit anfangs leichten Corona-Symptomen gewonnen. Die Hälfte erhielt zusätzlich zur sonstigen Behandlung täglich zweimal Budesonid, ein kortisonähnliches Medikament. Die andere Hälfte wurde wie sonst üblich behandelt. (Bei Fieber und/oder Schmerzen wurden in beiden Gruppen Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin oder ähnliche Mittel verabreicht.).

Die Verteilung der Patienten erfolgte nach Zufallsprinzip. Allerdings wussten Patienten und Ärzte über die Art der Behandlung Bescheid.

Weniger Klinkbehandlungen nötig

Ergebnis: Aus der Budenosid-Gruppe mussten zwei Patienten die Notaufnahme aufsuchen oder in der Klinik behandelt werden, in der Vergleichsgruppe traf dies 11 Patienten zu. Das entspricht einer Risikoreduktion von 88 Prozent. Die Budesonid-Patienten erholten sich auch etwas früher, benötigten seltener Fiebermittel und hatten einen Monat nach der Behandlung deutlich seltener noch Symptome. Nur fünf Budenosid-Patienten klagten über milde Nebenwirkungen wie eine Halsentzündung oder Schwindel.

Lungenpatienten erkranken seltener

Auf die Idee zu der Studie gebracht hatte die Forscher die Beobachtung, dass Asthma- und COPD-Patienten seltener als nicht lungenkranke Menschen einen schweren Verlauf der Corona-Krankheit Covid-19 erleiden. Das ist bei teilweise bereits schwer atemgeschwächten Menschen eigentlich überraschend. Der Gebrauch antientzündlicher Asthmasprays könnte das eventuell erklären. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach twitterte daraufhin, dass es sich bei Budesonid um einen „game changer“ handle.

Fachleute bleiben zurückhaltend

Experten widersprechen. „Das ist erheblich übertrieben“, urteilt Dr. Hans Klose, Leiter der Sektion Pneumologie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Er weist daraufhin, dass an der Studie lediglich 73 Patienten je Gruppe teilgenommen hatten und die Patienten und Ärzte ihre Behandlung kannten. „Das gießt etwas Wasser in den Wein“, sagt Klose, „ich warne hier vor Schnellschüssen.“ Trotzdem hebt er die Vorteile der Budesonid-Therapie hervor: einfach umzusetzen, relativ kostengünstig und mit wenig Nebenwirkungen verbunden. „Das muss sich allerdings erst in einer Studie mit einer vierstelligen Teilnehmerzahl bestätigen“, betont der Lungenexperte.

Auch Professor Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie, möchte die Hoffnung auf Budesonid nicht überbewerten. „Im Moment kann man noch nicht von einem game changer sprechen“, sagt der Virologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Es lohne sich aber, in größeren Studien zu untersuchen, ob sich die positiven Wirkungen des Medikaments bestätigen.

Sollte das Medikament seine Wirksamkeit bestätigen, wäre das für die weltweite Behandlung von Covid-19 ein Durchbruch. Da Budesonid nicht nur kostengünstig, sondern auch gut verfügbar und stabil ist, kann es auch in Entwicklungsländern eingesetzt werden, in denen Medikamente nicht oder nicht so einfach gekühlt werden können, sagt Dr. Dennis Ballwieser, Chefredakteur der Apotheken Umschau.

Dr. Dennis Ballwieser im Podcast „Klartext Corona“ über den Wirkstoff Budesonid

Seine ganze Einschätzung hören Sie auch im Podcast „Klartext Corona“ ab Minute 10:40.

Medikamente dringend gesucht

Ein Vorteil von Budesonid ist ebenfalls, dass es den bisherigen Ergebnissen zufolge bereits in einer frühen Phase der Infektion wirkt. Laborstudien ergaben, dass es die Vermehrung der Viren in den Schleimhautzellen der Atemwege auf verschieden Weise hemmt.

Covid-19 Medikamente werden dringend gebraucht. Bisher konzentrierte die Forschung sich sehr viel stärker auf Impfstoffe. Bis zu einer weltweit durchgreifenden Wirkung der Impfung wird jedoch noch viel Zeit vergehen, und zahlreiche Menschen werden einen schweren Verlauf erleiden. Auch ist zweifelhaft, dass die COVID-19 wieder vollständig vom Erdball verschwindet. Viele Behandlungsansätze sind jedoch bisher gescheitert. Für das mit Budesonid verwandte Medikament Dexamethason ist jedoch belegt, dass es bei Erwachsenen und Jugendlichen, die wegen einer SARS-CoV-2-Infektionen eine Sauerstofftherapie benötigen einen Teil der Corona-Todesfälle verhindern kann.

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