Die Stimmung war mies auf dem Fachkongress in Venedig, 1998. Professor Ralf Bartenschlager erinnert sich noch genau: „Es herrschte Trübsal unter den Kollegen. Jedem war klar: Wenn es nicht bald klappt, können wir uns eine andere Arbeit suchen.“ Trotz jahrelanger Bemühungen hatte es bis dahin niemand geschafft, Hepatitis-C-Viren im Labor zu züchten. Das Forschungsgebiet steckte in einer Sackgasse.

Wenige Monate später lösten Bartenschlager und sein Team das Problem. Sie erzeugten ein Mini-Erbgut des Virus, das sich in Leberzellen vermehrte. Der Durchbruch. Forscher weltweit konnten nun studieren, wie sich der Krankheitserreger vervielfältigt und wie er dabei die Leberzellen verändert. „Das war eine tolle Erfahrung und es folgte eine spannende Zeit“, erzählt Bartenschlager, heute Leiter der Forschungsgruppe Virale Hepatitiden und Leberkrebs am Deutschen Krebsforschungszentrum und der Abteilung Molekulare Virologie am Uniklinikum Heidelberg.

Und er hat weiterhin Anlass zur Freude. Im Dezember 2020 erhielten die drei Entdecker des Hepatitis-C-Virus den Nobelpreis für Medizin. Manche Kollegen meinen, Bartenschlager hätte ihn ebenso verdient. Doch grundsätzlich kann diese Auszeichnung unter höchstens drei Forschern aufgeteilt werden. Bartenschlager: „Es ist wie im olympischen Sport. Der Vierte ist der Erste, der wirklich verloren hat.“

Als Verlierer fühlt er sich trotzdem nicht. „Für mich zählt vor allem, was das Forschungsfeld bewegt hat und was dabei für die Patienten herausgekommen ist. Und das sind ex­trem wirksame Medikamente gegen Hepatitis-C-Viren.“

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Arzneien statt Transplantation

97 Prozent der behandelten Patienten werden durch eine zwölfwöchige Therapie von den Erregern befreit. So die aktuellen Daten des Deutschen Hepatitis-C-Registers. Professor Heiner Wedemeyer freut sich über diesen Erfolg. „Es gibt kein anderes Beispiel dafür, dass Tabletten eine chronische Erkrankung in zwei bis drei Monaten heilen“, sagt der Geschäftsführer des Registers und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Bleibt eine chronische Infektion mit Hepatitis-C-Viren unbehandelt, droht der Leber ein zerstörerischer Prozess: Zellen sterben ab und werden durch funktionsloses Bindegewebe ersetzt. Rund jeder fünfte Patient ist 20 Jahre nach der Ansteckung an solch einer Leberzirrhose erkrankt. Das wichtige Organ kann seine Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen. Zudem ist das Risiko für Leberkrebs erhöht.

Im Jahr 2014 wurden zielgerichtete Medikamente gegen die Krankheit in Deutschland eingeführt. Sie haben bereits Verbesserungen gebracht. Inzwischen erleiden weniger Menschen Spätfolgen durch Hepatitis C. Die Anzahl der Infizierten, die eine Spenderleber benötigen, hat sich halbiert.

Die Arzneimittel sind teuer, doch das deutsche Gesundheitswesen gibt klar vor: Diagnostiziert ein Arzt eine Infektion mit Hepatitis C, verordnet er ein antivirales Präparat. Und die Krankenkassen müssen die Kosten von derzeit zwischen 26 000 und 60 000 Euro pro Patient bei zwölfwöchiger Behandlung übernehmen. Dafür entfallen die Kosten für die Therapie einer langjährigen schweren Krankheit bis hin zu Berufsunfähigkeit und Transplantation. Ein Problem bleibt aber weiter ungelöst. Experte Wedemeyer: „Hunderttausend Menschen in Deutschland leben mit einer unerkannten Hepatitis-C-Infektion.“

Symptome treten erst spät auf

Dazu zählen vor allem Personen, die sich Drogen verabreichen, homosexuelle Männer und Patienten, die vor dem Jahr 1991 eine Bluttransfusion erhielten. Erst danach wurden Blutprodukte auch auf Hepatitis-C-Viren untersucht. Generell erfolgt die Übertragung der Erreger vor allem über das Blut. Ein Teil der Infizierten bekommt dadurch akute Beschwerden. Nimmt die Infektion einen chronischen Verlauf, bleibt das häufig jahrelang unbemerkt. „Wenn Symptome auftreten, ist das Kind oft schon in den Brunnen gefallen“, sagt Wedemeyer. Die Lebererkrankung ist weit fortgeschritten.

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Demnächst zum Virencheck

Deshalb freut sich der Experte auch sehr darüber, dass Patienten nun Anspruch auf Früherkennung haben: Jeder gesetzlich Versicherte kann sich seit Oktober 2021 ab dem Alter von 35 Jahren einmalig auf Hepatitis-C-Viren checken lassen. Wer nicht gegen Hepatitis B geimpft ist, wird zusätzlich auf diesen Erreger untersucht. Der Virencheck ist Bestandteil der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung, auf die jeder ab 35 Jahren im Abstand von drei Jahren Anspruch hat. Übergangsweise kann man sich auch ohne diesen Anlass auf Hepatitiserreger untersuchen lassen. Der Arzt nimmt dazu Blut ab und lässt es im Labor analysieren.

Die Früherkennung soll dazu beitragen, ein wichtiges Etappenziel der Weltgesundheitsorganisation zu erreichen: Demnach sollen in jedem Land 80 Prozent aller chronisch Hepatitis-C-Infizierten bis zum Jahr 2030 eine Therapie erhalten haben. Diesem Ziel hat sich auch die Bundesregierung verpflichtet.

Mit Medikamenten allein wird sich das Hepatitis-C-Problem aber wohl nicht aus der Welt schaffen lassen. Davon ist zumindest Ralf Bartenschlager überzeugt: „Wenn wir die Viren global ausrotten wollen, werden wir zusätzlich einen Impfstoff benötigen.“ Doch dafür gebe es kaum Forschungsmittel und Interesse seitens der Pharmaindustrie.

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