Eine „Schublade“ ist ein schlechtes Zeichen. „Lässt sich der Unterschenkel weiter als üblich gegen den Oberschenkel nach vorne ziehen, nennt man dies eine vordere Schublade. Das spricht für einen Riss des vorderen Kreuzbandes“, erklärt Professor Christian Wirtz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn.

„Das Band ist extrem wichtig für die Stabilität des Kniegelenks“, so der Experte. Es ist bei manchen Aktivitäten großen Belastungen ausgesetzt – vor allem bei Kontaktsportarten wie Fußoder Handball. Sportunfälle sind denn auch die häufigste Ursache für Verletzungen am Kreuzband.

Reparieren mit einer Sehne

Diese Bänder wurden schon um 3000 vor Christus auf ägyptischen Papyrusrollen erwähnt. Und bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten sich Orthopäden an deren Reparatur – zunächst per Naht. Heute wird das gerissene Band durch eine Sehne ersetzt. „Entweder nimmt man die Sehne eines Oberschenkelmuskels des Patienten oder einen Teil der Kniesehne“, sagt Professor Wolf Petersen, Präsident der Deutschen Kniegesellschaft (DKG), einer DGOU-Sektion.

Ersatz des vorderen Kreuzbands im Knie

Ersatz des vorderen Kreuzbands im Knie

Solche chirurgischen Eingriffe finden in Deutschland etwa 35 000-mal pro Jahr statt. Während früher ein verletztes Kreuzband immer ersetzt wurde, gibt es inzwischen allerdings eine echte Alternative: Abwarten und Physiotherapie, um die Muskeln zu stärken und die Koordination zu verbessern. „Nicht immer ist eine Operation tatsächlich nötig“, betont Petersen. „Medizinische Kriterien und die Lebensumstände des Patienten gilt es bei der Entscheidung mit einzubeziehen.“

Wann ist ein Kreuzband-Ersatz sinnvoll? Und wer kann ohne Kreuzband gut leben? Eine kompakte Entscheidungshilfe gibt es auf der folgenden Seite. Unter Pro stehen die Argumente, die für eine Operation sprechen. Unter Contra sind jene Punkte gelistet, die einen Eingriff unnötig machen können.

Empfindliches Gelenk

Allein Bänder und Muskeln geben dem Knie Halt. Deshalb ist es verletzungs­­anfälliger als zum Beispiel das Hüftgelenk.

Kreuzband Knie Illustration

Kreuzband Knie Illustration

Muss die Entscheidung direkt fallen?

Geht der Riss mit weiteren Verletzungen ­am Knie einher, sollte raschoperiert werden. Ansonsten aber haben die Patienten ­durchaus einwenig Zeit. „Meist lässt sich nach vier bis sechs Wochen die Stabilität gut beurteilen und eine Entscheidung treffen“, sagt Experte Wolf Petersen. Dann sei das Knie abgeschwollen und reizfrei. Spätestens sollte der Entschluss allerdings nach sechs Monaten fallen. Denn dann setzt – bei instabilen Knien – der Verschleiß des Gelenkknorpels bereits ein.

Vorteile

Die Verletzung ist komplex. Der Fuß steht am Boden, das Körpergewicht ruht auf dem Bein, das Knie ist gebeugt, der Körper dreht sich – und das Kreuzband reißt: Ärzte sprechen dann von einem Rotationstrauma. Es kommt beispielsweise beim Fußball häufig vor. „Oft sind dann auch weitere Strukturen im Knie verletzt“, weiß Orthopäde Wirtz. Etwa ein Seitenband oder ein Meniskus, also einer der beiden Stoßdämpfer im Knie. Oder der Gelenkknorpel erleidet einen Schaden. Finden sich bei der Kernspin-Untersuchung solche Begleitverletzungen, sollte rasch operiert werden. Wirtz: „Am besten innerhalb weniger Tage.“

Das Knie wird auch künftig intensiv belastet. In Arbeit und Freizeit beanspruchen wir die Knie – jedoch in sehr unterschiedlichem Ausmaß. „Körperlich anstrengende Berufe erfordern ein stabiles Knie. Wer im Sitzen arbeitet, ist weniger darauf angewiesen“, so Orthopäde Petersen. Ein Extrembeispiel sind Profisportler. „Sie sind auf belastbare Kniegelenke angewiesen und müssen möglichst schnell wieder einsatzfähig sein.“ Daher raten Orthopäden Menschen mit körperlich fordernden Berufen und ambitionierten Amateursportlern meist zu einer OP. Nach acht bis zwölf Wochen lässt sich der Beruf meist wieder ausüben. Richtig fest ist das neue Band aber erst nach rund sechs Monaten. Dann haben sich seine Fasern an die neue Aufgabe angepasst.

Das Knie ist sehr instabil. Knickt das Gelenk bei Belastungen weg, sprechen Krankengymnasten von einem Wackelknie. Dieses unangenehme und schmerzvolle Nachgeben spüren manche Verletzte nach einer ersten Rehabilitationsphase von einigen Wochen. „Meist erst dann, wenn der Beruf oder der übliche Sport wieder aufgenommen wird“, berichtet Wirtz. Dann muss der Patient sich fragen: Wie stark bin ich beeinträchtigt? „Spielt jemand gerne Tennis und bei jeder Rückhand gibt sein Knie nach, ist die Antwort klar“, sagt Wirtz.

Sein Tipp: sich Zeit lassen mit der Entscheidung. Die OP ist noch bis zu sechs Monate nach dem Unfall sinnvoll.

Contra

Das Kniegelenk ist wieder stabil. Sind nach einigen Wochen – bei schmerzfreiem Knie – Alltags- und Freizeitaktivitäten wieder problemlos möglich, ist eine OP womöglich nicht nötig. Wie gut es dem Knie tatsächlich geht, lässt sich messen. „Spezielle Sprungtests testen die Stabilität des Gelenks im Vergleich zur gesunden Seite“, erklärt Petersen. Mitunter gelingt es mit Physiotherapie, das fehlende Band auszugleichen – mit mehr Muskelkraft und verbesserter Koordination. „Erreicht ein Patient etwa 90 Prozent der neuromuskulären Fähigkeiten der gesunden Seite, reicht das aus“, so Petersen.

Das Alter des Patienten spricht gegen einen Eingriff. Der Knorpel, die gleitende Zellschicht im Gelenk, dünnt mit den Jahren aus. Bisweilen zeigen sich sogar Risse oder Löcher. „Finden sich bei der Kernspin-Untersuchung neben der Kreuzbandverletzung auch größere Verschleißschäden am Knorpel, spricht dies eher gegen eine Operation“, sagt Wirtz. Denn dann kann das neue Kreuzband Gelenkverschleiß ohnehin nicht mehr verhindern. Für den Orthopäden liegt die kritische Altersgrenze um die 50 Jahre. Jüngeren rät er meist zum Eingriff, Älteren eher davon ab – allerdings gilt auch für sie: Instabile Knie sollten operiert werden.

Die Angst vor Komplikationen ist sehr groß. Jede OP birgt Gefahren, unter anderem Wundinfektionen, Nachblutungen oder Narkosezwischenfälle. „Das Risiko ist zwar verschwindend gering, aber es ist nicht gleich null“, betont Wirtz. Und auch im Anschluss läuft nicht immer alles nach Plan: Mitunter bleibt die Beweglichkeit eingeschränkt, oder das neue Kreuzband reißt bei einer unbedachten Bewegung. „Jeder Patient muss über diese Risiken Bescheid wissen, wenn er eine Entscheidung fällt“, so der Orthopäde.