Diabetes Ratgeber

Die Furcht zu unterzuckern; das beklemmende Gefühl, der Diabe­tes bestimme das ganze Leben: Diabetes hat häufig nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folgen. Menschen mit Diabetes leiden etwa rund doppelt so häufig an Depressionen wie Menschen ohne die Stoffwech­selerkrankung. Umgekehrt haben depressive Menschen ein höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken. Denn in depressiven Phasen fällt es besonders schwer, Sport zu treiben oder gesund zu essen. Doch gerade das sind wichtige Faktoren, um das Risiko für die Entstehung von Diabetes Typ 2 zu senken.

Auch die Hormone spielen eine Rolle. Menschen mit Depressionen schütten mehr vom Stresshormon Cortisol aus. Cortisol ist einer der wichtigsten hormonellen Gegenspieler von Insulin. Es schwächt dessen Wirkung ab und erhöht den Blutzuckerspiegel. Depressionen bringen zudem häufig das Diabetes-Management durcheinander. „Dann sind rationale Entscheidungen bei der Diabeteskontrolle schwer umsetzbar“, sagt Klaus-Martin Rölver, Psychologe am Diabeteszentrum Quakenbrück.

Anzeichen einer Depression

Menschen mit Depressionen leiden unter einer tiefen Niedergeschlagenheit. Die depressive Stimmung ist stark ausgeprägt und hält oft mindestens zwei Wochen an.

Betroffene fühlen sich innerlich leer und können keine Freude mehr empfinden. Depressive Menschen fühlen sich ständig geistig und körperlich erschöpft. Müdigkeit wird zum Normalzustand. Typisch für Depressionen sind zudem neben anderen Symptomen Selbstzweifel, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und der Verlust des sexuellen Interesses.

Eine gute Taktik: laufen

Gegen die Erkrankung gibt es eine Reihe bewährter Wege. „Als Diabetes-Patient kann man einer Depression mit einer Änderung des Verhaltens begegnen“, sagt der Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Dieter Braus, Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik Eichberg in Eltville.

Bei einer leichten Depression könne man gerade am Anfang selbst gegensteuern. „Wenn man merkt, dass man gedrückter Stimmung ist und die Freude an alltäglichen Dingen verliert, beginnt man dreimal am Tag mit einem strammen Spaziergang“, sagt Braus. „30 Minuten bewirken schon etwas — am besten draußen in der Natur.“ Helfen können auch Achtsamkeitsübungen, bei denen man etwa auf den eigenen Atem achtet. „Wenn man das konsequent umsetzt und auch auf eine gute Diabetes-Einstellung achtet, schafft man häufig den Weg aus diesem Zustand.“

Selbst bei mittelschweren Depressionen könne ein solches Programm helfen. Halten die Symptome an, sollten sich Betroffene an die Diabetologin oder den Hausarzt wenden, die, wenn nötig, zu Psychiatern oder Psychotherapeutinnen weitervermitteln können, rät Klaus-Martin Rölver. Man kann mit vielfältigen Therapieangeboten im stationären oder ambulanten Bereich der Doppelerkrankung begegnen.

Bewegung in der Natur kann dunkle Gedanken vertreiben.

Bewegung in der Natur kann dunkle Gedanken vertreiben.

Gegen schwere Depressionen helfen Antidepressiva, häufig in Kombination mit Psychotherapie. Bei der Einnahme müssen Menschen mit Diabetes jedoch einiges beachten. „Ihnen sollten Medikamente verordnet werden, die sich nicht ungünstig auf den Blutzuckerspiegel auswirken“, sagt Dieter Braus. Manche Antidepressiva fördern eine Gewichtszunahme. Das sollten Betroffene gegenüber ihrer Ärztin oder ihrem Arzt ansprechen.

Psychiaterinnen und Psychiater haben mit einer medikamentösen Therapie von Depressionen mehr Erfahrung als Hausärzte. Beide Berufsgruppen dürfen aber Medikamente gegen Depressionen verordnen. Da die Wartezeiten für einen Termin in einer psychiatrischen Praxis häufig lang sind, ist es sinnvoll, sich zunächst an die Hausärztin oder den Hausarzt zu wenden. Er stellt dann auch eine Überweisung aus.

Diplom Psychologe Klaus-Martin Rölver

Diplom Psychologe Klaus-Martin Rölver

Dem Leben Struktur geben

Wenn Medikamente nicht wirken oder eine Depression immer wiederkehrt, ist ein Psychiater erforderlich. Auch bei Suizidgedanken sollten sich Betroffene dringend rasch an eine psychiatrische Praxis oder Klinik wenden. Das Rückfallrisiko ist bei Depressionen relativ hoch.

Um hier vorzubeugen, helfen eine gute Struktur im Alltag, regelmäßige Bewegung, Achtsamkeitsübungen oder Yoga. Daneben können Angehörige gut unterstützen. Etwa, indem sie dem Erkrankten helfen, den Tag zu planen, und auf feste Rituale und Abläufe achten. Dabei geht es nicht nur um den täglichen Spaziergang. Angehörige können auch besprechen, welche ganz alltäglichen Arbeiten der Erkrankte übernehmen kann, etwa einkaufen gehen oder jeden Morgen das Frühstück herrichten.

Lernen, den Blick zu ändern

Oft herrschen in einer Depression negative Gedanken vor. Hier können Angehörige unterstützen, indem sie die Aufmerksamkeit gezielt auf die kleinen Dinge des Lebens lenken, die positiv sind und Freude schenken.

Das Wichtigste in Kürze

Wirksame Therapien: Depressionen lassen sich gut behandeln, etwa mit Medikamenten, Psychothera­pien und auch mit Bewegung.

Anzeichen für einen Rückfall: Betroffene sollten schnell mit dem Hausarzt, Psychiater oder Psychotherapeuten sprechen.

Helfer für die Hosentasche

Apps (etwa Moodgym und Deprexis), die von Kranken­kassen unterstützt werden, können helfen, frühe Hinweise auf eine wiederkehrende Depression zu erkennen. Betroffene können dann gegensteuern