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„Wir hatten beide keinen Orgasmus, trotzdem hat es gutgetan.“ Drei Ältere berichten, wie viel Zeit, Mut oder Überwindung es sie gekostet hat, wieder Nähe und Intimität zuzulassen – und was sie dadurch gewonnen haben.

Charlotte*, 70, ergriff die Initiative: Ein One-Night-Stand auf Kur

Im schlimmsten Jahr meines Lebens ließ mich zuerst mein Mann im Stich und dann mein Herz. Ich hatte einen Infarkt und kam auf Kur. Und bin fast gestorben vor Langeweile. Ich war einsam. Meine Freundin schickte ein Buch: Einen Roman über eine Affäre in einer Kurklinik. Zwei Wochen lang träumte ich von der Wiederbelebung durch den attraktiven Romanhelden. Doch mir gegenüber im Speisesaal saß nur Hannes: blond, klein, Antiheld. Egal. Ich wollte mit ihm ins Bett. Einmal im Leben etwas Verrücktes tun. Wieder in den Arm genommen werden. Herzklopfen haben ohne Panik. Von den anderen wusste ich, dass der Kurschatten kein Mythos ist, die hatten mehr Übung. Vorsichtshalber kaufte ich Kondome.

An meinem letzten Abend saß ich alleine auf dem Zimmer. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, als ich an Hannes’ Tür klopfte: „Ich möchte deine Nummer“, sagte ich. Er gab sie mir – und ließ mich wieder gehen! Also schrieb ich ihm eine Whatsapp: „Wir hätten uns ja mal küssen können, das scheint hier üblich zu sein.“ Er antwortete sofort: „Nee, ist nicht erlaubt.“ Ich schrieb: „Wieso nicht was Verbotenes machen?“ So ging das eine Weile: Ich drängelte, er zögerte. Bis zu dieser Nachricht: „Okay, ich komm rüber und fühle deinen Puls.“ Oh Gott!

Jetzt wurde ich doch nervös. Ich machte noch Musik an, da stand er schon vor meiner Tür. Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, aber nach zwei Sätzen küsste er mich. Das konnte er. Wir knutschten wie Teenager, dann lagen wir auf dem Bett. Er fragte: „Wir schlafen aber jetzt nicht richtig miteinander?“ Und ich: „Na sicher!“ Aber er war gehemmt, hatte Angst um sein Herz und vor mir. Es war alles andere als berauschend, wir hatten beide keinen Orgasmus – trotzdem hat es gutgetan. Später lagen wir Arm in Arm auf dem Bett und redeten.
Hannes war der erste Mann, mit dem ich offen über das sprechen konnte, was mir gefällt. Dass ich mich das getraut hatte, hat mich beflügelt. Auch wenn er überhaupt nicht mein Typ war, verbinde ich mit diesem Mann mein verrücktes und mutiges Ich. Bis heute. Wir sahen uns nie wieder, aber ich werde ihm immer dankbar sein.

Wieder Sex – was Sie wissen sollten:

Was tun bei Erektionsstörungen?
Auf jeden Fall beim Urologen oder Internisten abklären lassen. Manchmal sind auch Ängste oder Depressionen die Ursache.

Was hilft bei Scheidentrockenheit?
Gleit- und Befeuchtungsmittel. Bei wechseljahrsbedingter Trockenheit östrogenhaltige Cremes oder Zäpfchen.

Brauchen wir ein Gleitgel?
Aus medizinischer Sicht nur, wenn die Vagina sich trocken anfühlt.

Wie schütze ich mich vor sexuell übertragbaren Krankheiten?
Durch Kondome. Regelmäßige Kontrollchecks bei wechselnden Partnern empfohlen!

Rudi*, 66, sagte „Nein“ zum Gästezimmer – aber nicht zu Brigitte

Meine Frau ist 2017 an einem Hirntumor gestorben. Da war ich 61. Mein Schmerz war groß, ich wollte niemanden sehen. Bis die Schwester meiner Frau mich bei einem Datingportal anmeldete – sie lebt seit Jahren von ihrem Mann getrennt. Zuerst hatte ich Angst. Für mich hatte es nur meine Frau gegeben, seit ich 20 war. Irgendwann ließ ich mich auf ein Treffen ein. Es war furchtbar! Aber plötzlich wollte ich nicht mehr allein sein. Das Portal schlug mir „Aschenbrödel“ vor. Wir telefonierten zwei Stunden, trafen uns beim Italiener und redeten bis Mitternacht. Das war im Juni 2019.

Als Brigitte mich beim zweiten Date küsste, brach etwas in mir auf. Es war unbeschreiblich, wieder begehrt zu werden. Eine Woche später bekochte sie mich, wir tanzten im Wohnzimmer. Sie fragte, ob ich bleiben will und bot mir ihr Gästezimmer an. Ich sagte: „Nein.“ Zum Gästezimmer, nicht zu Brigitte. In dieser ersten Nacht war ich sehr gehemmt. Ich hatte mich verliebt, wollte nichts falsch machen. Brigitte war toll, ermutigte mich, weiterzumachen. Es erregte mich, dass sie das Streicheln und Küssen so genoss. Irgendwann setzte mein Kopf aus, und ich kam vor ihr. Ich werde nie dieses Gefühl am nächsten Morgen vergessen: „Das ist wieder Leben“, war mein erster Gedanke.

Brigitte*, 62, war beim ersten Sex weniger nervös als Rudi

Ich war 50, als mein Mann starb. Ich wollte erst einmal mein Leben wieder neu ordnen und meine Freiheit genießen. Acht Jahre war ich Single und blühte auf. Doch an Silvester 2018 war er wieder da: der Wunsch nach Nähe. Beim kostenlosen Datingportal kamen nur unver- schämte Anfragen. Ich schloss ein Probeabo bei einer seriösen Plattform ab und traf Rudi.

Er gefiel mir sofort. Vor allem seine leise Stimme. Ich wünschte mir so sehr einen zärtlichen Mann. Bei unserem dritten Treffen habe ich Rudi ständig Wein nachgeschenkt. Ich wollte nicht, dass er fährt. Ich wollte ihn. Der letzte Sex mit meinem Mann war fast zehn Jahre her, aber ich war weniger nervös als Rudi. Einen Orgasmus hatte ich nicht, aber ich habe es so genossen. Rudi blieb die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag. Seitdem sind wir ein Paar. Das ist jetzt fast vier Jahre her. Sex ist uns immer noch wichtig. Rudi hat seine Hemmungen abgelegt, im Bett ist er wilder als ich. Aber Rudi geht auf mich ein, war- tet, nimmt Rücksicht auf meine kaputten Knie. Wir lieben die Abwechslung. Nur eine Stellung mag ich nicht: Wenn ich auf ihm bin, fühle ich mich nicht schön.

*vollständie Namen sind der Redaktion bekannt

Fachliche Beratung:

Dr. med. Roswitha Engel-Széchényi ist Fachärztin für Frauenheil- kunde und Sexualmedizin in Stuttgart

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