Baby und Familie

Das Bild, das wir vom Glück nach der Geburt haben, ist oft recht eindimensional: Die strahlende Mama mit dem Baby im Arm, der glückliche Papa. Die Wohnung ist aufgeräumt, das Stillen klappt, die frischgebackenen Eltern entspannt. So weit die Theorie. In der Praxis sieht es oft anders aus, viele Mütter können davon erzählen. Vielleicht war die Geburt schwierig oder ging besonders schnell. Da ist das Gefühl von Kon­trollverlust oder Angst, die unglaub­liche Erschöpfung nach einer langen Geburt. Vielleicht wurde das Paar unter der Geburt öfter allein gelassen und wusste nicht, was zu tun ist. Die Geburtsverletzungen sind gravierend, der Milch­einschuss in vollem Gang.

Babyblues oder Depression?

Auf einmal ist man rund um die Uhr für ein hilfloses Wesen verantwortlich. Viele Mütter fühlen sich überfordert, erschöpft, weinen viel. Von diesem Babyblues ist ein großer Prozentsatz der Wöchnerinnen in der ersten Woche nach der Geburt betroffen. Die Stimmung ist labil, viele fühlen sich grundlos traurig oder machen sich Sorgen. „Während diesen Heultagen fließt alles: Tränen, Wochenfluss, Muttermilch. Auslöser ist in den meisten Fällen die Hormon­umstellung“, sagt Hebamme Chris­tiane Hammerl aus Berlin.

Während der Babyblues kurz nach der Geburt auftritt und nach zehn bis zwölf Tagen abklingt, kann die postpartale Depression im ersten Jahr entstehen und länger dauern. Häufig geht ein Babyblues vorweg. „Insgesamt erleben 12 bis 15 Prozent aller Mütter in Deutschland eine depres­sive Episode, die mit den Geburtsumständen in Zusammenhang gebracht wird“, sagt Anke Förster, Psychotherapeutin an der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Dresden. Dort gibt es auch eine Mutter-Kind-Tagesklinik.

Sie weiß: Für Frauen, die in ihrem Leben schon einmal mit Depressionen zu tun hatten, ist die Zeit nach der Geburt eine sensible Phase. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Depression auftritt, ist jetzt erhöht. „Auch psychisch sehr ge­sunde Menschen können eine post­pa­rtale Depression bekommen, finden aber meist gut wieder heraus“, sagt Expertin Förster.

Eine Depression ist häufig eine Episode, die man mit Unterstützung, zum Beispiel einer Therapie, überstehen und verarbeiten kann. Bei einer Erkrankung wie der postpartalen Depression spielen häufig verschiedene Auslöser zusammen. „Neben der hormonellen Umstellung kann auch eine Unterfunktion der Schilddrüse die Probleme verursachen. Und ja, belastende Geburten mit Schmerzen und Blutverlust werden mitunter als traumatisch erlebt und können dann zum Auslöser werden“, sagt Anke Förster.

Verzögerte Bindung

Eine postpartale Depression dauert länger als zwei Wochen, die genaue Länge ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Die Symptome sind komplexer als beim Babyblues. Die Betroffenen fühlen sich traurig, niedergeschlagen, freudlos und erschöpft. Sie verspüren keinen Antrieb, sind häufig gereizt. Was für ­viele Frauen besonders schambesetzt ist: Sie empfinden ihrem Kind gegenüber wenig, fühlen sich deshalb als schlechte Mutter.

Hinzu kommen Ängste, die das Kind betreffen, viele wollen mit ihrem Neugeborenen nicht allein sein. „Häufig haben die Frauen auch Panik, was aus ihnen werden soll, wenn Partner oder Partnerin wieder zur Arbeit geht. Sie sind mit dem Baby überfordert und haben Schuldge­fühle, dem Kind nicht gerecht zu werden. Manche empfinden eine emotionale Taubheit. Die Frauen haben dann ein verzögertes Bindungserleben zu ihrem Kind“, erklärt Anke Förster. Betrof­fene können häufig nicht benennen, warum es ihnen schlecht geht. Dann ist es wichtig, dass sie ­Hilfe erhalten, zum Beispiel bei einer Therapeutin oder in einer Tagesklinik.

In die Dresdner Mutter-Kind-Tagesklinik kommen Betroffene meist mit einer Überweisung der Gynäko­login oder des Gynäkologen, durch die Empfehlung einer Hebamme oder auch auf eigene Initiative. In Gesprächen schätzen die Therapeutinnen und Therapeuten die Depression ein: Reicht eine ambulante Therapie? Oder profitieren Mama und Baby vom Angebot der Tagesklinik? Dann kommen sie sechs bis acht Wochen lang täglich in die Klinik. Zu Gruppen- und Einzelpsychotherapie, Babymassage und Achtsamkeitsübungen.

Psychopharmaka werden in Absprache mit spezialisierten Psychiaterinnen und Psychiatern verschrieben. „Viele Frauen haben Bedenken. Doch bestimmte Antidepressiva lassen sich gut mit dem Stillen vereinbaren und man darf nicht vergessen, dass eine unbehandelte Depression auf Dauer ungünstige Auswirkungen hat“, sagt Anke Förster.

Ein Fragebogen hilft

„Wenn ich beim Wochenbettbesuch merke, dass die Mutter ihr Baby nicht um sich haben möchte, werde ich hellhörig. Häufig schämen sich die Frauen dafür, traurig zu sein“, sagt Christiane Hammerl. „Ich erkläre ­ihnen, dass es bei anderen Familien genauso ist. Zu wissen, dass man mit dem Problem nicht allein ist, hilft den Betroffenen häufig schon.“

Die Hebamme arbeitet mit dem Edinburgh Depressions-Fragebogen. Die Mütter kreuzen zum Beispiel an, wie oft sie sich in den letzten sieben Tagen glücklich fühlten oder wie häufig sie weinen mussten. Kommt Hebamme Chris­tiane Hammerl zu dem Schluss, dass es sich um eine postpartale Depres­sion handelt, zieht sie mit dem Einverständnis der betroffenen Mutter deren Frauenarzt oder Frauenärztin hinzu. „Es braucht Zeit, als Familie anzukommen, Glück zu empfinden und das Baby zu lieben“, betont Christiane Hammerl. Und manchmal braucht es auch Zeit, sich vom perfekten Bild zu verabschieden – und zu sehen, dass Glück sich auf viele verschiedene Weisen einstellen kann.

Hier finden Betroffene Hilfe

Wenn Mütter den ­Verdacht haben, dass sie an ­einer postpartalen Depression ­leiden, sind dies die ­richtigen Ansprechpartner:

  • Nachsorgehebamme, Gynä­kologe, Hausarzt oder Psychotherapeut
  • die Wochenbett­depression-Hotline in Frankfurt/Main, Tel.: 015 77/47 42 654 (das Angebot gilt für das Rhein-Main-Gebiet)
  • der Verein "Schatten und Licht". Auf seiner Homepage (www.schatten-und-licht.de) gibt es eine Liste von Experten und Selbsthilfegruppen.
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