Baby und Familie

Für manche fühlt es sich an, als würde eine Schar Ameisen über die Gliedmaßen krabbeln, an­dere vergleichen es mit feinen Stromstößen: Besonders im letzten Drittel der Schwangerschaft entwickelt rund ein Viertel der Frauen Symp­tome eines Restless-legs-Syndroms (RLS) oder es kommt zu einer Verschlechterung bereits bestehender Beschwerden.

Die Beine, vor allem die Unterschenkel, scheinen dann ein Eigenleben zu führen und lassen sich willentlich nicht ruhig halten. Während man die Häufigkeit dieser Erkrankung in der Gesamtbevölkerung auf ein bis zehn Prozent schätzt, sind Schwangere deutlich häufiger davon geplagt. Viele Frauen kennen die Beschwerden gar nicht und können die unangenehmen Symptome nicht einordnen. Sie halten die Unruhe in den Beinen für stressbedingt oder verwechseln sie mit Wadenkrämpfen, die häufig in der Schwangerschaft auftreten.

Restless Legs: Ruhiger Schlaf wird dann unmöglich

Dabei lässt sich das RLS ganz klar diagnostizieren, sobald typische Kriterien erfüllt sind: "Charakteristisch ist, dass die Beschwerden gegen Abend und in der Nacht auftreten oder sich verstärken", sagt Prof. Dr. Claudia Trenkwalder, Chefärztin am Zentrum für Bewegungsstörungen der Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel. "Die Patientinnen beschreiben meist ab dem späten Nachmittag ein unangenehmes Gefühl in den Beinen, ein Stechen, Kribbeln oder Brennen, das nur in Ruhe auftritt. Bei Bewegung bessern sich die Symptome sofort." Besonders belastend: Abend­liche Ruhephasen und erholsame Nächte werden praktisch unmöglich.

Nach der aktuellen Studien­lage gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass die Hälfte aller Schlafstörungen während der Schwangerschaft mit einem RLS zusammenhängt. Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder Meditation verschlimmern den Bewegungsdrang meist noch und befeuern die Unruhe.

Betroffene Frauen vermeiden oft auch lange Flugreisen, Autofahrten, Kino- und Theaterbesuche. Was die Beine ausgerechnet während der Schwangerschaft in Unruhe versetzt, ist nicht vollständig geklärt. "Es wird diskutiert, ob die hormonellen Veränderungen in der Schwangerschaft einen Einfluss auf das Dopamin haben, ­einen Botenstoff im Gehirn, der unter anderem für die Bewegungskon­trolle zuständig ist", sagt Dr. Christian ­Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte aus Hannover.

Als nahezu gesichert gilt ein Zusammenhang der zuckenden Beine mit einer Unterver­sorgung an Eisen. Der schwangerschaftsbedingte Eisen­mangel ist normal, daher gehört die Kontrolle des Blutfarbstoffs Hämo­globin zur Schwangerschaftsvor­sorge. Ist der Hämoglobin-Wert zu niedrig, kann das auf eine mangelhafte Versorgung mit Eisen hinweisen. Bei ausgeprägten RLS-Beschwerden ist zudem die Bestimmung des Eisenspeicherwertes (Ferritin), des Transporteisenwertes (Transferrin) sowie der Transferrinsättigung sinnvoll. "Über diese Messwerte wird ein Eisenmangel besonders deutlich", so Trenk­walder.

Betroffene sprechen dies mit ihrem Gynäkologen oder ­ihrer Gynäkologin ab. Bei anhaltenden Beschwerden und begründetem Verdacht auf einen Eisenmangel übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten für die Wertebestimmung.

Eisen kann gegen Restless Legs in der Schwangerschaft helfen

"Nied­rige Eisenwerte in der Schwangerschaft werden grundsätzlich behandelt, denn sie erhöhen das Risiko für Entwicklungsstörungen des ­Babys und für Frühgeburten", betont Gynäkologe Albring. Dann helfen Eisen­präparate und eine eisenreiche Nahrung. Schlägt diese Maßnahme nicht schnell genug an oder sind die Beschwerden unerträglich, können Eiseninfusionen sinnvoll sein. Dabei müssen immer Nutzen und Risiken abgewogen und die Therapie gut überwacht werden, da unter anderem schwere allergische Reaktionen möglich sind.

Während man die Erkrankung üblicherweise mit Medikamenten gut in den Griff bekommt, sind die Möglichkeiten in der Schwangerschaft stark begrenzt. Christian Albring schließt eine medikamentöse Behandlung Schwangerer aus, doch Expertin Trenkwalder hält sie in Ex­tremfällen für eine Option. "Kann ­eine Schwangere aufgrund starker, anhaltender Beinunruhe überhaupt nicht schlafen und kommt niemals zur Ruhe, löst das extremen Leidensdruck aus. Für Mutter und Kind birgt dies genauso bestimmte Risiken wie eine Medikamenteneinnahme. In solchen Fällen könnte man über eine niedrig dosierte Behandlung mit Beruhigungsmitteln nachdenken, die krampflösend und schlaffördernd wirken", so die Neurologin.

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RLS: Sanfte Bewegung hilft

Glücklicherweise erlebt ein Großteil der Frauen nur einen leichten Verlauf. Da Bewegung die Unruhe sofort vertreibt, ist eine sanfte Sportart wie Walking in den Nachmittags- und Abendstunden ideal. "Alles, was die Durchblutung der Beine verbessert, bringt zumindest phasenweise Linderung", rät Neurologin Trenkwalder. "Aber trainieren Sie nicht zu intensiv, das macht es eher schlimmer."

Manche Betroffene berichten über den wohltuenden Effekt von Beinmassagen, zum Beispiel mit einer kühlenden Salbe, oder von kalt-warmen Wechselfußbädern. Auf Koffein sollten RLS-Patientinnen vor allem am Nachmittag und Abend verzichten. Meist verschwinden die Beschwer­den kurz nach der Entbindung wieder. "Allerdings können sie in Folgeschwangerschaften oder im höheren Lebens­alter wieder auftreten, da offen­sicht­lich eine genetische Veranlagung besteht", sagt Trenkwalder.

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