Baby und Familie

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Corona-Impfung seit Mitte August auch für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren – nachdem sie das mehrere Wochen lang nicht generell getan hatte. Bis zu dieser neuen Bewertung hatte die Politik öffentlich Druck aufgebaut: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) beispielsweise sprach von einer „schwierigen Haltung“ der Stiko. Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) war sich nach der Studienlektüre sicher, dass die Impfung Kindern helfen würde. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte, die Stiko möge wie die „Profis“ der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) arbeiten und die Impfung endlich empfehlen.

Nachdem politische Meinungsführer während der Pandemie gebetsmühlenartig gepredigt hatten, wie wichtig es sei, auf die Wissenschaft zu hören, mussten sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Stiko nun als „Amateure“ mit einer „falschen Haltung“ bezeichnen lassen.

Wie trifft die Impfkommission Entscheidungen?

Viele Eltern hat diese Kritik an der Stiko verunsichert. Doch gerade jetzt lohnt es sich zu verstehen, wie die Kommission ihre Entscheidungen fällt, denn schon werden Impfstoffzulassungen auch für jüngere Kinder erwartet: Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit der Corona-Impfstoffe bei Kindern unter zwölf Jahren bis ins Säuglingsalter sind bereits in der Auswertung. Werden die Impfungen zugelassen, muss die Stiko auch hier über eine mögliche Empfehlung entscheiden.

Warum die Stiko länger mit ihrer Empfehlung für Kinder ab zwölf gewartet hat, als es einigen Politikern lieb war, erklärt Dr. Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt und Mitglied der Stiko in Berlin: „In der Corona-Pandemie lief alles beschleunigt. Doch bei Kindern waren die Studien anfangs zu klein, um seltene Komplikationen erkennen zu können.“ Gleichzeitig sei das Risiko für sehr junge Menschen, schwer an Covid-19 zu erkranken, gering. „Daher wollten wir die Sicherheitsaspekte einer Impfung für die Altersgruppe von 12 bis 17 genauer betrachten und Daten aus anderen Ländern abwarten, in denen wegen höherer Krankheitslast schon länger geimpft wurde.“

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Stiko: Wer sitzt im Gremium?

Um die Entscheidungen der Stiko verstehen zu können, hilft ein genauer Blick auf das Gremium: 1972 wurde es gegründet, 1994 am Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelt. Seit 2007 sind die Impfungen, die die Kommission empfiehlt, üblicherweise Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Die Expertinnen und Experten der Stiko kommen aus unterschiedlichen medizinischen Disziplinen, zum Beispiel aus der Virologie, der Kinder-, der Allgemein- oder der Inneren Medizin. Aktuell besteht die Runde aus acht Frauen und zehn Männern, die vom Bundesgesundheitsminister alle drei Jahre neu berufen werden. Einer von ihnen ist Martin Terhardt. Die ehrenamtlich arbeitenden Expertinnen und Experten treffen Entscheidungen, die politisch und weltanschaulich unabhängig sein sollen.

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Grundlage für die Stiko: Evidenzbasierte Medizin

Um zu einem Ergebnis zu kommen, orientieren sich die Mitglieder an den Kriterien der sogenannten evidenzbasierten Medizin. Die Basis für die Empfehlungen bilden darum die besten verfügbaren wissenschaftlichen Daten, die es zu einer Krankheit und zu einem Impfstoff gibt. Dabei besteht eine Herausforderung für die Stiko-Mitglieder darin, jene Studien zu identifizieren, die nach wissenschaftlichen Kriterien eine hohe Qualität haben.

Auch mathematische Modellrechnungen fließen in die Recherche mit ein, etwa wie sich die Auslastung der Intensivbetten während der Pandemie durch eine Impfung von Kindern verändern würde. Die Stiko wägt sämtliche Erkenntnisse ab, fasst sie in einem wissenschaftlichen Text zusammen und erläutert sie dabei. Dieser Prozess dauert in der Regel ein bis drei Jahre, bei Covid-19 ging das wegen der Dringlichkeit wesentlich schneller.

Bei Impfungen für Kinder legt die Stiko höhere Sicherheitsanforderungen zugrunde als bei Impfungen für Erwachsene. „Kinder haben noch sehr viel mehr Lebenszeit vor sich. Impfrisiken haben demnach ein viel höheres Gewicht“, begründet Stiko-Mitglied Terhardt. Ein 60-Jähriger nehme mögliche Nebenwirkungen einer Impfung im Vergleich zu einem lebensgefährlichen Krankheitsverlauf eher auf sich. Andersrum wolle man ein Kind mit einer wahrscheinlich milden Erkrankung keinem unnötigen Impfrisiko aussetzen, wenn entsprechende Daten fehlten.

Corona-Impfung: Andere Maßstäbe der Politik

Die Politik kann die Empfehlungen der Stiko umsetzen. Sie muss sich aber nicht daran halten. Im Falle der Corona-Impfung für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren hatten die Gesundheitsminister des Bundes und der Länder Anfang August zunächst beschlossen, Jugendlichen auch ohne generelle Impfempfehlung der Stiko ein Impfangebot zu machen. Das ging, denn für die Politik bindend ist nur, dass ein Impfstoff von der zuständigen Behörde eine Zulassung bekommen hat – in Europa von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA).

Für diese Zulassung reichen jedoch schon Studien mit wenigen Tausend Teilnehmenden, die vor allem die Wirksamkeit der Immunisierung belegen. Das Problem: Bei diesem Vorgehen fallen nur recht häufige Nebenwirkungen auf. Für die Stiko jedoch ist etwas anderes entscheidend: Der mögliche Nutzen einer Impfung muss für den Einzelnen die potenziellen Gefahren überwiegen. In der Corona-Pandemie war aus Sicht der Politik Eile geboten. Die Befürchtung, dass ungeimpfte Kinder sich im Herbst in großer Zahl infizieren und erneute Schulschließungen drohen, ist groß.

Inzwischen liegen weitere Studien aus Israel und den USA vor. Diese – zusammen mit dem erhöhten Risiko durch die Delta-Variante – haben die Stiko bewogen, nun eine generelle Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige zu geben. Wenn die Stiko eine Impfempfehlung ändert, liege das an einer neuen Datenlage und nicht daran, dass sie sich politischem Druck beuge, beteuern die Mitglieder der Stiko. Die Kommission wolle durch maximale Offenheit, Ehrlichkeit und Klarheit überzeugen, sagt Stiko-Mitglied Terhardt. Deshalb können sämtliche Protokolle mit Erklärungen online nachgelesen werden. Mögliche Interessenskonflikte von Stiko-Mitgliedern werden in einer Selbstauskunft auf der Homepage veröffentlicht. Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen – und durch Transparenz und Kompetenz zu überzeugen.

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