Baby und Familie

Professor Mir, Sie organisieren das Benefizturnier Kicken mit Herz. Was macht Ihnen eigentlich mehr Spaß: Kinderkardiologe sein oder Fußball spielen?

Thomas Mir: Die Kombination von beidem ist das Beste. Wenn man ­Kinderkardiologe ist und aus seiner Arbeit heraus den schönsten Sport der Welt machen kann, dann ist das einfach großartig!

Und Sie Herr Hallaschka, sind Sie lieber Fußballspieler oder …

Steffen Hallaschka: Kinderkardiologe? (lacht) Lieber Fußballspieler!

Mir: (lacht) Gott sei Dank!

Hallaschka: Im Ernst, ich habe mich mittlerweile ja aus dem aktiven Sport zurückgezogen. Ich hatte bei Kicken mit Herz eine Karriere von zwei oder drei Jahren, in denen ich versucht habe, gewinnbringend Teil des Ganzen zu sein. Leider endete das immer so, dass ich ungefähr zehn Minuten wie ein Bekloppter am linken Flügel rauf und runter gelaufen bin, um auf Ballhöhe zu bleiben, aber am Spiel nicht so viel Anteil hatte. Trotzdem lag ich hinterher fertig in der Ecke, mit Muskel­kater und Atemnot. Dann habe ich gesagt, ich mache lieber das, was ich auch normalerweise als meinen Beruf betrachte: Ich moderiere die Veranstaltung.

Sie spielen also gar nicht selbst mit in der Promi-Mannschaft?

Hallaschka: Nein, ich habe vor einigen Jahren sozusagen um meine Ent­lassung aus dem Dienst gebeten.

Mir: Wir waren sehr froh, dass er selber darum gebeten hat. Er war linker Verteidiger im Promi-Team. Ich war Linksaußen in der Ärztemannschaft, und wir prallten immer aufeinander.

Hallaschka: Wenn du Linksaußen spielst und ich linker Verteidiger bin, dann prallen wir überhaupt nicht auf­einander. Weil: Dein linker Flügel ist doch mein rechter.

Mir: Ja, da sehen Sie das Problem: Wir mussten die ersten Jahre erst mal erklären, wo sich Linksverteidigung und Rechtsverteidigung aufzuhalten hat.

Das klingt ja nach ernsthaften Differenzen …

Hallaschka: Die Entscheidung, dass ich am Spielfeldrand kommentiere und moderiere, war dem sportlichen Niveau der Veranstaltung jedenfalls sehr zuträglich.

Mir: Ja, das war die richtige Entscheidung, Steffen. Aber zum Glück geht es ja bei unserer Veranstaltung am Ende gar nicht um Fußball!

Sind Sie sicher?

Mir: Absolut! Die Wahrheit ist: Die Leute kommen zusammen, um zu sehen, wie sich die Spieler zum Affen machen, Ärzte wie Prominente. Unsere Ärztemannschaft heißt Placebo Kickers. Placebo ist ein Medikament, das keinen Wirkstoff hat, und wir sind Ärzte, die eigentlich nicht Fußball spielen können.

Hallaschka: Da muss ich schon wieder einlenken: Das Turnier ist nicht ambi­tionsfrei. Die Placebo Kickers trainieren sogar jede Woche. Die üben sogar Kombinationen. Wir haben wirklich zwei Mannschaften, die es jedes Jahr immer wieder wissen wollen.

Und dieses Jahr immerhin schon zum 13. Mal …

Mir: Ja, Wahnsinn! Dass Kicken mit Herz so ein Erfolg wird, hätten wir nie erwartet. Beim ersten Mal, 2008, dachten wir: Da kommen vielleicht 200 Leute. Aber dann mussten wir 20 Minuten vor Spielbeginn die Tore zumachen, weil es so brechend voll war.

Was war denn damals der Anlass für die erste Veranstaltung?

Mir: Wir hatten Schwierigkeiten, ein bestimmtes medizinisches Gerät, ein sogenanntes Spiroergometer, zu finanzieren. Damals war das noch sehr, sehr teuer und gerade in der Kinderheil­kunde noch nicht sehr etabliert. Es ergab betriebswirtschaftlich für ein Krankenhaus keinen Sinn, so etwas anzuschaffen. Wir brauchten es aber für eine sehr spezielle und seltene Patientengruppe.

Und dann sind Sie auf die Idee gekommen, das Geld mit einem Benefizturnier einzutreiben?

Mir: Genau. Es gab ein paar Kontakte in die Hamburger Promiszene und dann war das wie ein Schneeballsystem: Der eine kannte den anderen und so entstanden die Hamburg Allstars, das Promi-Team: Schauspieler, Musiker, Ex-Fußballprofis. Für die Promis war das auch eine Challenge. So nach dem Motto: Ach, ihr Ärzte, was wollt ihr denn? Wir putzen euch vom Platz weg für den guten Zweck!

Welche Projekte konnten Sie mit dem eingenommenen Geld in den letzten Jahren unterstützen?

Mir: Unser größtes Projekt war das Familienbaumhaus, das wir 2015 auf unserem Klinikgelände mitfinanziert haben. Das sind drei Familienappartements zum Wohnen für Angehörige von Kindern mit Herzerkrankungen. Die sind ja manchmal Wochen oder Monate in der Klinik.

Hallaschka: Für die Eltern ist das ein Mörderstress, dass sie auf dem Klinikgelände keinen Privatraum haben. Das ist schon irre zu sehen, dass Mütter und Väter teils monatelang aus der Reisetasche leben, jeden Tag ihr Klappbett abends aufbauen und morgens wieder zusammenstecken. Zum Teil mit wildfremden Leuten in einem Zimmer. Da geht Privatsphäre verloren, wo Familien sie am allernötigsten bräuchten.

Wieso braucht es für solche Projekte Spendengelder?

Mir: Weil unser System so etwas nicht leistet, vielleicht auch gar nicht leisten kann. Und wir dürfen ja auch grundsätzlich nicht meckern: Wir ha­ben in der Kinderherzmedizin für alles, was wir brauchen, den höchsten Standard: tolles Personal, tolle Geräte. Aber das gewisse Extra, das, was noch möglich wäre, das können wir nur mit Spenden realisieren.

Was ist denn das gewisse Extra?

Mir: Unser Motto heißt: Der Patient ist die Familie. Ist das Kind krank, ist die ganze Familie betroffen. Das bedeutet, wir müssen uns um alle kümmern, auch um Eltern und Geschwister. Aber dafür brauchen wir Geld. Ein kind- oder familiengerechtes Umfeld ist in keinem einzigen Krankenhausplan mitgedacht.

Was wünschen Sie sich?

Mir: Es muss klar sein, dass man mit kranken Kindern keinen Gewinn macht. Solche Dinge wie das Familienbaumhaus oder Spieltherapeuten, Klassenräume in Kliniken für schulpflichtige Kinder, psychologische Unterstützung für den Rest der Familie, so etwas sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht, und deshalb finanzieren wir diese Projekte und kümmern uns um die laufenden Kosten, zum Beispiel um die unseres Familienbaumhauses.

Hallaschka: Es ist ja kein Geheimnis, dass ein Kind bessere Chancen hat, gesund zu werden, wenn der psychische Druck drum herum verschwindet. Der Spieltherapeut, der mal den Kopf durch die Tür steckt und sagt: „Wollen wir mal eine Runde ins Spielzimmer gehen?“ – das sind kleine Dinge, die so eine Veränderung im Tag bedeuten können.

Das überzeugt offenbar auch die prominenten Mitspielerinnen und Mitspieler …

Hallaschka: Klar! Helfen ist der größte Spaß. Wir bekommen durch Sponsoren, Spenden und Eintrittsgelder mittlerweile sechsstellige Summen zusammen, mit denen wir richtig was erreichen können. Wir sehen, wo das Geld ankommt. Und wenn man dann vom Platz auf die Tribüne guckt, dann sieht man die Familien, die ihre Kinder-Herzgeschichte haben. Viele von ihnen sind jedes Jahr als Zuschauer dabei. Und wir spüren förmlich die Begeisterung bei den Herz-Kindern, wenn sie mit uns ins Stadion einlaufen dürfen.

Mir: Die meisten Promis fragen schon Anfang des Jahres, welchen Termin sie sich frei halten müssen.

Hallaschka: Ich glaube auch, dass die Ex-Fußballprofis das ganz reizvoll finden, mit den coolen Popstars Fußball zu spielen. Und die coolen Popstars finden es charmant, dass sie mal mit den Big Shots aus dem Fußball auf dem Platz stehen können. Mit Felix Magath zum Beispiel. Der trainiert die Allstars.

Welche Mannschaft hat’s denn besser drauf?

Mir: Die Placebo Kickers.

Hallaschka: Die Allstars. Die es aber ihrerseits sehr gut verstehen, die Stimmung nicht zu verderben. Und sich deshalb jedes Jahr bemühen, für einen ausgeglichenen Spielverlauf zu sorgen.

Mir: Bislang steht es aber erst 8:4 für die Allstars.

Hallaschka: Die eigentliche Stärke der Placebo Kickers ist, dass sie ihr eigenes Gegurke immer gleich medizinisch versorgen können.

Mir: Im Notfall würden wir uns auch um die Promis kümmern.

Und wer gewinnt dieses Jahr?

Mir: Die Placebo Kickers.

Hallaschka: (lacht) Ich sage jetzt einfach auch die Placebo Kickers, weil Tom Mir sonst den ganzen restlichen Tag schlechte Laune hat.

Mir: (lacht) Eigentlich ist es auch egal. Am Ende des Tages steht es in jedem Fall zwölf zu null für die Kinderherz­medizin. Und das zählt.

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