Wahrscheinlich lag es an der schlichten Gestaltung: eine Fensterbank mit Pillendöschen und Medikamentenschachteln, umrahmt von zwei Porzellangefäßen mit chinesischem Dekor. Jedenfalls war mir das Schaufenster der Heilpraktiker-Praxis in unserer Nachbarschaft lange nicht aufgefallen. Kürzlich blieb ich dann doch stehen.

Was ist Spagyrik?

Eine Tafel gab Auskunft über das Behandlungsangebot: Traditionelle Chinesische Medizin, Homöopathie – das kennt man. Aber spagyrische Therapie? Nie gehört. Ein Anruf beim Heilpraktiker hinter dem Schaufenster. Der Mann ist freundlich und klärt mich auf. Spagyrik habe eine jahrtausendealte Tradition. Der Begriff stammt von Paracelsus (1493–1541), dem Arzt, dem wir auch die Aussage verdanken, dass die Dosis das Gift macht.

Das Prinzip der Spagyrik: Man nehme Stoffe aus der Natur – pflanzlich, tierisch oder mineralisch – und verarbeite sie so, dass das „Wesentliche“ herausgetrennt wird, bei Pflanzen etwa mittels Destillation. Am Schluss wird alles – das Destillat und die Rückstände der Pflanze, die zuvor verbrannt werden – wieder vereint. So können spagyrische Arzneimittel entstehen. Es gibt Fertigpräparate, manche Apotheken fertigen die Arzneien auch nach individuellem Rezept.

Angeblicher Effekt der Mittel: Sie sollen Körper, Seele und Geist in Einklang bringen. Der Heilpraktiker aus meiner Nachbarschaft spricht von Erfolgen bei chronischen Infekten und bei Ängsten im Zuge der Pandemie.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Die Forschung weiß von all dem nichts. Die weltgrößte Datenbank für medizinische Fachliteratur findet zwölf Artikel zum Thema Spagyrik – in fast 80 Jahren. Immerhin: Einer erweckt den Eindruck, als handle es sich um eine wissenschaftliche Studie. 2016 beobachtete ein deutsches Forschungsteam, dass ein spagyrisches Präparat Erkältungssymptome lindert.

Doch die Untersuchung erlaubt keinen Rückschluss auf die Wirksamkeit des Mittels: So fehlt eine Vergleichsgruppe von Kranken, die den Schnupfen ohne spagyrische Hilfe durchstanden. Wie kommt es, dass trotzdem so viele Menschen von Methoden wie der Spagyrik überzeugt sind?

Ausführliche Beratungstermine

Der Heilpraktiker erzählt, dass die erste Konsultation rund anderthalb Stunden dauere. Er wolle auch die Persönlichkeit, die „Konstitution“, seiner Patientinnen und Patienten erfassen. Und da liegt für mich eine Erklärung. Hausärztinnen und -ärzte haben im Schnitt pro Termin knapp acht Minuten. Kein Wunder, dass sich manche Menschen von Angeboten angesprochen fühlen, bei denen Zeit en masse da ist – auch wenn man dafür selbst zahlen muss.

Stoffgemische ohne geprüfte Wirkung brauche ich nicht. Aber ich wünsche mir ein Gesundheitswesen, in dem Ärztinnen und Ärzte Zeit haben, auf Körper, Seele und Geist einzugehen.

Haben Sie sich auch schon einmal über fragwürdige Therapien gewundert?

Dann schreiben Sie: kritisch-hinterfragt@apotheken-umschau.de

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