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Was ist die schönste Zeit im Jahr? Kinder haben da in aller Regel schnell eine Antwort parat. Aber was genau macht den Zauber von Weihnachten aus – der auch im Erwachsenenalter auf die ein oder andere Weise weiterwirkt? „Wohl die wenigsten Menschen können das in Worte fassen“, sagt Eckehard Pioch, Psychoanalytiker und Vorstand der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Vieles kommt aus dem Unbewussten. Oft gibt es da dieses Bild von Weihnachten, das aus Kindertagen rührt. Gerüche und Melodien, die sofort Erinnerungen wecken.

Rituale geben Halt

Über die Jahre hat sich das Fest zwar verändert, neue ­Erinnerungen sind hinzugekommen. Doch selbst wenn die Realität anders aussieht als einst und pure Harmonie zu Weihnachten oft mehr Wunsch als Wirklichkeit ist: Die Sehnsucht nach unbeschwerten Festtagen sitzt tief.Für viele Menschen spielen dabei die Jahr für Jahr immer gleichen Abläufe eine wichtige Rolle. „Rituale haben eine enorme, haltgebende Kraft“, sagt Gerontologin Petra Dlugosch aus Geroldshausen. Entsprechend schwer fällt es, wenn eine Veränderung ansteht. Wenn das Weihnachtsfest erstmalig nicht mehr so gefeiert werden kann wie bisher. Zum Beispiel wegen einer Erkrankung, weil der Partner verstorben ist, der Freundeskreis sich verändert hat oder die Kinder plötzlich weit weg sind.

Große Familie, viele Wünsche

Die 66-jährige Petra Dlugosch weiß, aus eigener Erfahrung, welches Spannungsfeld mitunter entsteht.„Ich habe vier Geschwister, alle haben Kinder, die zwischenzeitlich selbst Kinder haben.“ Sie überschlägt, kommt auf fast 40 Personen. Wie wird man den unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen all dieser Menschen gerecht?

Die wohl wichtigste Erkenntnis: „Ändern sich die Rahmenbedingungen, heißt das nicht zwangsläufig, dass Rituale gänzlich aufgegeben werden müssen“, so Dlugosch. Vieles kann aufgebrochen und angepasst werden. Ein Heiliger „Abend“, der schon vormittags starten darf, verläuft vielleicht entspannter. Wird im Restaurant gegessen, kann ja der Sektempfang davor im heimischen Umfeld stattfinden.

Experte Eckehard Pioch findet es unmöglich, pauschal zu sagen, was unter veränderten „Weihnachts-Umständen“ besser ist: im Rahmen des Möglichen wie gewohnt weiterzumachen. Oder mutig zu sein und etwas ganz Neues auszuprobieren.

Zäsur machen – und loslassen

Tatsächlich könne es nach einem individuellen Abwägen manchmal sinnvoll sein, eine Zäsur zu machen und loszulassen. „Ganz einfach, weil ein Festhalten noch viel schwieriger wäre.“ Die Weihnachtspyramide, die so viele Jahre auf dem Wohnzimmertisch gestanden hat, macht zwar möglicherweise die Stube feierlich. Aber ihr Anblick führt gleichzeitig zu einer tiefen Traurigkeit, weil das gute Stück Erinnerungen an den verstorbenen Partner weckt. Ähnlich überfordernd kann es sein, weiter mit befreundeten Paaren zu feiern – und selbst allein zu sein.

Generell gilt: Je konkreter etwas im Vorfeld gefühlsmäßig erfasst wird, desto eher gelingt es, ­stimmige Situationen herzustellen, in denen man sich wohlfühlt. Was macht dieses Weihnachten in der Vorstellung mit mir? Wo genau sitzt der Schmerz? Wo wird es an diesem Tag möglicherweise erneut einen Abschied geben? Aber auch: Wo könnte etwas Neues entstehen? Eine kleine Fantasiereise vorab kann die Richtung weisen. Man ahnt, wie die andere Gestaltung des Festtags oder gar der Ortswechsel sein wird. Weil schon beim Gedanken daran Leichtigkeit aufkommt. Oder eben genau das Gegenteil: Beklemmung.

Eine gute Planung findet Gerontologin Dlugosch ­insbesondere für Menschen mit Demenzerkrankungen wichtig: „Tatsächlich reagieren diese Menschen besonders stark auf Vertrautes, schon der Anblick einer Christbaumkugel an Tannengrün kann für tiefes Wohlgefühl sorgen.“ Bleibt die Frage, wie ein entsprechender Rahmen gesteckt werden kann, inwieweit zum Beispiel möglichst durchgängig immer jemand für den Erkrankten da ist. Etwa für Spiele oder das Anschauen von alten Fotos.

Alternatives Feier-Modell

Im Zweifel empfiehlt die Expertin auch hier alternative Feier-Modelle zu finden: „Einem Menschen mit Demenz ist es salopp gesagt egal, ob die Weihnachtsgans am 25. Dezember auf dem Tisch steht oder eine Woche vorher.“ Und der Rest der Runde könne das Fest dann frei von schlechtem Gewissen und im eigenen, entspannten Rhythmus begehen. So oder so: Eckehard Pioch empfiehlt, alle Beteiligten sollten nachsichtig mit sich sein und bei neuen Weihnachtsritualen Schritt für Schritt vorgehen. Nicht gleich ein neues, möglichst perfektes Weihnachten ansteuern. Sondern eher ein Etappenziel vor Augen haben, auf dem sich weiter aufbauen lässt, wenn man dem Neuen eine Chance gibt und dafür auch ein zweites Mal hinschaut. Möglicherweise gibt es neben dem, was weggefallen ist, bei genauem Hinsehen ja auch etwas, was hinzugekommen ist. Nach dem Motto: Die Bescherung ist ohne die Kinder schnell vorbei, das ist schade. Andererseits bleibt jetzt für das Weihnachtsoratorium mehr Zeit und Ruhe.

„Es macht mir nichts aus, diesmal alles anders zu handhaben“ – mit dieser Haltung hingegen würden sich die meisten Menschen etwas vormachen, glaubt Pioch. Und überhaupt: Wieso darf nicht beides nebeneinander bestehen? Da war etwas, was schön für mich war, und jetzt kommt etwas Neues – das anzuerkennen bereitet den Weg für ein Weitergehen erfahrungsgemäß besonders gut.

Die Neugierde aktivieren

Fakt ist zwar: die Beweglichkeit, im Innen wie Außen, nimmt im Alter tendenziell ab. Es gibt aber etwas, was uns an dieser Stelle in die Hände spielt: Erfahrung. „Menschen tun sich leichter mit Abschieden, wenn sie Möglichkeiten haben, sich zu trösten“, weiß Eckehard Pioch.

Patientinnen und Patienten in Umbruchsituationen gibt er manchmal den Tipp, sich selbst „in Persönlichkeitsanteilen“ zu denken. Der eine Anteil ist möglicherweise voller Schmerz, verunsichert. Aber es gibt da noch einen weiteren Anteil: die Neugierde. Mag sein, dass die sich im Moment ein wenig versteckt. Aber wenn man sich daran erinnert, wie sie in der Vergangenheit gewirkt hat bei den vielen ersten Malen, die man bereits erlebt hat, fällt es leichter, sie zu aktivieren.

„Wenn die Neugierde es schafft, in eine Art inneren Dialog zu treten und die Wehmut einzufangen, sind die Betroffenen auf einem guten Weg“, weiß der Fachmann. So kann möglich werden, was manch einer vielleicht beim Gedanken an die bevorstehenden Festtage nicht zu träumen wagt: ein wirklich schönes, gelungenes Weihnachten – auch wenn vieles diesmal ganz anders ist.

Sabine Graf, 60, unterstützt ein Team von Helfern, die eine Feier für Bedürftige ausrichten

„Heiligabend werde ich müde, aber glücklich in mein Bett fallen“

„Am 24. Dezember zu Mittag treffe ich mich mit anderen Ehrenamtlichen. Wir dekorieren, rücken Tische, bereiten Essen vor. Ab 16 Uhr kommen die ersten Gäste: Bedürftige, die auf der Straße leben oder einfach niemanden haben. Der CVJM Amberg richtet dieses Fest schon seit vielen Jahren aus. Und ich bin seit vergangenem Jahr als Helferin dabei. Denn auch ich bin allein. Früher habe ich mit meiner Familie sehr harmonisch die Feiertage verbracht. Doch wir haben uns überworfen. In den Folgejahren war Weihnachten dann sehr schlimm für mich. Es ist schön, für andere da zu sein – diese Dankbarkeit, wenn ich einem Gast Leberkäse mit Kartoffelsalat reiche, mit ihm plaudere, einfach nur zuhöre. Das macht mich glücklich. Ich habe gelernt zu akzeptieren: Die Feiertage sind ganz anders als früher, aber sehr, sehr schön.“

Thomas, 68, und Heike de Kiff, 64, sind auch in der Weihnachtszeit auf Achse

„Die erste Adventszeit im Camper fühlte sich schon komisch an“

„Seit dreieinhalb Jahren leben wir im Wohnmobil, die meiste Zeit verbringen wir im Süden Europas. Unser Haus in Deutschland vermieten wir an Feriengäste. Wir haben losgelassen – und ganz viel bekommen. Aber die erste Adventszeit in Portugal war schon komisch. In Deutschland hatten wir Weihnachten stets mit unseren beiden Töchtern und deren Familien verbracht, mit Weihnachtsgans und Gesellschaftsspielen. Und dann sitzt du im T-Shirt auf einem Campingplatz. Wir zauberten ein Fünf-Gänge-Menü in unserer Mini-Küche im Wohnmobil. Die Stimmung war anders – und dennoch besonders. Auch nicht weniger feierlich. Unsere Töchter samt Anhang reizt es außerdem, auch mal am Strand zu feiern. Nächstes Jahr ist Premiere. Da wollen wir alle zusammen zu Weihnachten mit dem Wohnmobil auf die Kanaren.“

Brigitte Sensenschmidt, 74, und ihr Mann haben in einer Seniorenwohnanlage in Bonn ein neues Zuhause gefunden

„Das Fest in unserem Haus war Abschied und Neubeginn zugleich“ “2021 bin ich mit meinem Auto bei Glatteis in einen Bus gekracht. Dabei habe ich mir eine inkomplette Querschnittslähmung im Halswirbelbereich zugezogen. Bald war klar: Im Haus bleiben, wo mein Mann und ich 47 Jahre lang gelebt hatten, wäre uns auf Dauer zu anstrengend. Als im Dezember eine Wohnung in der Seniorenwohnanlage unserer Wahl frei wurde, musste alles schnell gehen. Drei Tage vor Silvester sind wir dort eingezogen. Unser letztes Weihnachtsfest im Haus mit den Enkeln war daher etwas ganz Besonderes. Drei Kinder hatten wir an diesem Ort großgezogen, ein schönes Miteinander erlebt. Als wir die Gläser hoben, fühlte ich große Dankbarkeit. Im vergangenen Jahr waren mein Mann und ich dann an Heiligabend zum ersten Mal allein – und nicht weniger froh. Eine wunderschöne Adventszeit lag hinter uns, mit Feiern in der Seniorenwohnanlage, festlichem Essen, schönen Begegnungen und viel Kultur.“

Christine Stegemann, 73, schätzt die weihnachtliche Atmo­s- phäre im Klosterdorf St. Ottilien

„Im Kloster fühle ich mich wunderbar geborgen“

„Als mir nach dem Tod meines Mannes dieses Prospekt in die Hände fiel – ein Kurs über Weihnachten im Kloster –, fühlte ich Erleichterung. Die Vorstellung, an den Festtagen allein zu sein, war schlimm. Bei der Anfahrt zum Kloster war mir mulmig zumute. Und als ich den großen Kirchturm sah, war ich kurz davor, wieder umzudrehen. Zum Glück habe ich es nicht getan! Die meisten der 40 Teilnehmenden waren älter und viele hatten – so wie ich – den Partner verloren. Als Gruppe haben wir mehrmals täglich die Stundengebete der Mönche besucht. Wir haben zusammen gegessen, Vorträgen gelauscht, gesungen. Das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von Dietrich Bonhoeffer hat mich besonders berührt. Genau so habe ich mich gefühlt: wunderbar geborgen. Weihnachten verbringe ich seit diesem Jahr immer im Kloster.“

Alleine an Weihnachten? So machen Sie es sich schön:

Schon als wir Kinder waren, steckte viel Aufwand hinter dem Fest – nur haben wir das damals nicht gesehen. Damit Weihnachten keine ­Enttäuschung wird, sollten wir uns eingestehen, dass sich der Zauber nicht von allein einstellt. Die Ge­staltung eines schönen Fests sollten Sie selbst aktiv in Angriff nehmen.

Was wünsche ich mir? Wie sehen meine Erwartungen aus? Und: Wie können diese auch dann erfüllt werden, wenn sich die Umstände geändert haben? Manchen Menschen hilft es, das anstehende Weihnachtsfest im Rahmen einer kleinen Fantasiereise in Gedanken ­durchzuspielen: Was fühlt sich gut an? Was weniger?

Wer allein ist, muss nicht einsam sein. Menschen, die fürsorglich mit sich umgehen, schaffen es eher, der Situation Positives abzu­gewinnen. Daher: Gestalten Sie die Stunden ganz ­bewusst. Ziehen Sie sich etwas Schickes an, gönnen Sie sich ein schönes Essen, wählen Sie schöne Musik und einen Lieblingsfilm aus. Oder nehmen Sie sich vor, mit lieben Menschen zu telefonieren.

Theaterstück, Weihnachtskonzert, Musical: Werfen Sie einen Blick in die Zeitung, an den Feiertagen locken viele Veranstaltungen. Es gibt Angebote von Vereinen und Wohlfahrtsverbänden. Kirchen organisieren Spätgottesdienste. Das Projekt KeinerBleibtAllein vernetzt an Weihnachten über soziale Medien Alleinlebende, online unter keinerbleibtallein.net


Quellen: