Die Blutgerinnung muss man sich vereinfacht so ähnlich vorstellen wie ein Dominospiel. Die Dominosteine im Blut sind Pro­­teine, die nacheinander aktiviert werden und am Ende den „Blutkleber“ Fibrin bilden.

Bei Menschen mit Hämophilie ist diese Reaktionskette gestört. Im Fall von Hämophilie A bildet die Leber zu wenig eines Dominosteins, des Faktors VIII. Bei Hämophilie B mangelt es an Faktor IX. Betroffen sind hierzulande geschätzt 10 000 Männer. Der verantwortliche Gendefekt betrifft das X-Chromosom. Davon haben Männer nur ­eines. Bei Frauen gleicht das zweite X-Chromosom den Fehler meistens aus.

Bisher spritzen sich Betroffene den gentechnologisch hergestellten fehlenden Faktor meist selbst in eine Vene, in schweren Fällen alle zwei bis drei Tage. Das kann wehtun, die Venen sind nicht immer gut zu finden: Manche kommen gut damit zurecht, andere belastet die Therapie stark.

Warum wird jetzt darüber geredet?

Hoffnung liegt daher auf einer neuartigen Gentherapie, an der mehrere Firmen schon seit etwa 30 Jahren forschen. Nun scheint ein Durchbruch nahe.

Kürzlich präsentierte eine internationale Gruppe von Forschenden die Studienergebnisse bei 134 Patienten. Ihr Bedarf an Faktor-VIII-­Präparaten hatte sich bei einer einmali­gen Infusionsbehandlung (siehe Info­grafik Seiten  68/69) um 98,6 Prozent verringert, die Zahl der Blutungen um 83,8 Prozent, stärker als bei den üblichen Injektionen. Der Pegel zeigte nicht das Auf und Ab wie zwischen den Spritzen. Individuell war das Ergebnis variabel, bei zwölf Patienten schlug die Therapie kaum an. Die europäische Arzneimittelbehörde reagierte schnell. Bei Redaktionsschluss stand die Zulassung kurz bevor. Billig wird das aber nicht: In den USA wird die Firma laut Wallstreet Journal pro Patient zwei bis drei Millionen Dollar verlangen.

Was bringt das genau?

„Für viele wäre das eine große Befreiung“, sagt Ingrid Pabinger, Professorin für Hämostaseologie an der Medizinischen Universität Wien. Sie verhehlt auch nicht die Nachteile: So litten etwas mehr als ein Drittel der Patienten an Kopfschmerzen und Erbrechen. Bei 85 Prozent stiegen vorübergehend die Leberwerte: ein Zeichen für eine Reaktion der Leberzellen, die mit Kortison im Schnitt sieben Monate lang behandelt werden musste. Mit entsprechenden Nebenwirkungen wie Akne, Gewichtszu­nahme und Gesichtsrundung.

Ein weiterer möglicher Nachteil: Wer sich schon einmal mit dem Virus, das für den Gentransport verwendet wird, infiziert hat, spricht wahrscheinlich kaum auf die Therapie an. Der Grund: die Bildung von Antikörpern. Das betrifft in Deutschland laut einer Erhebung etwa 28 Prozent. Für sie wird es aber möglicherweise in absehbarer Zeit ­alternative Gentherapien geben.

Ebenso für Betroffene, bei denen der Effekt nachlässt. Denn es ist unklar, wie lange diese Art der Behandlung wirkt. „Es ist keine Heilung, aber eine Wirkung und Therapiefreiheit über Jahre“, so Pabinger. Die Leber erneuert sich ständig, Zellen mit dem Faktor-VIII-Gen sterben ab. So fiel der Faktorpegel binnen zwei Jahren um gut die Hälfte. Daten von wenigen Studienteilnehmenden über fünf Jahre hinweg lassen aber hoffen: Fast alle benötigten noch keine Spritzen.

„Wenn die Gentherapie funktioniert, ist es die beste Behandlung, die wir momentan haben“, urteilt Dr. Robert Klamroth, Chefarzt der Klinik für Angiologie und Hämostaseologie am Klinikum im Friedrichshain.


Quellen:

  • Ozelo, M.C. et al.: Valoctocogene Roxaparvovec Gene Therapy for Hemophilia A. In: New England Journal of Medicine 17.03.2022, 386: 1013-1025
  • Hermans C.: Haemophilia gene therapy: experiences and lessons from treated patients. In: Orphanet Journal of Rare Diseases 04.04.2022, 17: 154-156
  • George L.: Hemophilia gene ther apy: ushering in a new treatment par adigm?. Hematology update - American Society of Hematology: https://doi.org/... (Abgerufen am 04.07.2022)
  • Science Media Center: Gentherapie gegen Bluterkrankheit Hämophilie A. web: https://www.sciencemediacenter.de/... (Abgerufen am 01.07.2022)
  • International Society on Thrombosis and Haemostasis: Valoctocogene Roxaparvovecʼs Treatment Durability in Hemophilia A in Question. https://www.cgtlive.com/... (Abgerufen am 29.06.2022)
  • European Medicines Agency: First gene therapy to treat severe haemophilia A. web: https://www.ema.europa.eu/... (Abgerufen am 24.06.2022)
  • Klamroth R.: Global Seroprevalence of Pre-existing Immunity Against AAV5 and Other AAV Serotypes in People with Hemophilia A. In: Human Gene Therapy 01.02.2022, 33: 432-441
  • Wall Streat Journal: BioMarin Explores Pricing Experimental Gene Therapy at $2 Million to $3 Million. web: https://www.wsj.com/... (Abgerufen am 14.07.2022)
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