Eine Praxis zu gründen birgt immer Risiken. Die Dermatologin Dr. Stefanie Derendorf ist sogar vollstes Risiko gegangen, denn: Sie hat mitten in der Corona-Pandemie eine Hautarztpraxis eröffnet. Und dabei nicht nur ihr Berufsleben komplett umgestellt, sondern auch ihr Familienleben neu organisiert. In dieser Folge geht es darum, wieso es sich lohnt, manchmal mutig zu sein und was Stefanie Derendorf jungen Praxisgründerinnen rät.

Lieber Lesen als Hören? Das Gespräch in Schriftform

Julia Rotherbl - Eine Praxis zu gründen ist immer ein gewisses Risiko. Meine heutige Gästin ist sogar vollstes Risiko gegangen. Sie hat eine Hautarztpraxis eröffnet mitten in der Corona-Pandemie und hat nicht nur ihr Berufsleben komplett umgestellt, sondern auch ihr komplettes Familienleben neu organisiert. Und davon erzählt sie uns heute. Herzlich willkommen, Dr. Stefanie Derendorf und herzlich willkommen auch all unseren Zuhörerinnen. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und hoste diesen Podcast, der heißt - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Kapitel 1: Warum eine eigene Praxis – mitten in der Pandemie?

Julia Rotherbl - Hallo Steffi, ich freue mich sehr, dass du heute da bist. Ich freue mich auch ganz besonders, weil Steffi und ich nämlich eine gemeinsame Vergangenheit haben, über die ich nachher kurz noch erzähle. Hi Steffi.

Dr. Stefanie Derendorf - Hallo Julia, ich freue mich auch. Wie schön dich zu hören!

Julia Rotherbl - Steffi und ich waren gemeinsam auf der Grundschule und auch gemeinsam auf dem Gymnasium und hatten auch einen gemeinsamen Plan. Wir wollten nämlich eigentlich beide Journalistinnen werden. Steffi hat sich dann doch für die Medizin entschieden und hat vor kurzem eine eigene Hausarztpraxis aufgemacht. Steffi, dazu würde mich interessieren - es ist ja so, hinter uns allen liegen zwei Jahre Corona mit vielen beruflichen und privaten Herausforderungen und du hast jetzt genau in dieser Zeit diese Praxis aufgemacht. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Stefanie Derendorf - Ja. Ja stimmt. Eigentlich waren wir so ein bisschen antizyklisch da in der Zeit, wo alle anderen gesagt haben, wir beobachten jetzt, was passiert und wie es läuft, kam es bei mir genau anders rum. Aber ich muss auch sagen, dass bei mir die private Situation dazu geführt hat, dass ich genau während Corona beschlossen habe, was zu ändern. Weil mein Mann ist seit ein paar Jahren – er hat auch umgeschult, aber schon vor ein paar Jahren - der ist Fotograf, Galerist und genau in der Phase, als Corona war, sind bei ihm alle Aufträge weggefallen, weil er nämlich auf Messen ausgestellt hat als Galerist. Und ich war damals in der Praxis angestellt, Teilzeit als Mama. Ich hatte eine einjährige Tochter, eine Dreijährige in der Zeit und bei uns war es so, dass wir gesagt haben, wir müssen irgendwie schauen, wie es weitergeht bei uns. Und in meiner Praxis damals gab's auch einen Umbruch. Die beiden Chefinnen haben sich getrennt und wollten eine Aufteilung der Mitarbeiter erreichen. Und da hatte ich ehrlich gesagt keine Lust mitzumachen. Und so entstand der Plan, eigentlich genau in der Lockdown-Phase zu sagen, dann mach ich etwas Eigenes jetzt gerade auf. Genau.

Julia Rotherbl - Also ihr habt euch dann auch dazu entschieden, eure Familienkonstellation zu verändern.

Dr. Stefanie Derendorf – Komplett. Also eigentlich war ich bis dahin die, die - ja gut, ich hatte erst zehn Stunden gearbeitet, dann 15, dann waren es irgendwann mal 20 auch - aber ich war natürlich die, die daheim war, wenn die Kinder krank waren. Ich war die, die sich um alles gekümmert hat, um die Arzttermine und um Kita-Feste. Ich war auch im Vorstand der Kita. Also bis dahin war ich die, ja, die sich so ein bisschen zurückgenommen hat. Und mein Mann hat ja damals wirklich viel auch im Ausland gemacht. Und die Entscheidung war dann eigentlich, dass wir unsere Positionen in der Hinsicht wechseln, ja. Und ja..

Julia Rotherbl – Wer hat es zuerst ausgesprochen?

Dr. Stefanie Derendorf – Ich glaube ich.

Julia Rotherbl – Und wie war die Reaktion am Anfang?

Dr. Stefanie Derendorf – Also mein Mann war da ziemlich cool. Weil er ja auch meinte, er hat ja keine Chance. Es war ja nicht so, dass er irgendwie kündigen musste oder irgendwie weniger arbeiten musste nur wegen mir, sondern es hat sich ja durch Corona so ergeben, ja. Und er fand das auch toll, weil ich meine, ich habe eine super Ausbildung und ich liebe meinen Job und er fand auch, ich meine Dermatologie - ich bin ja Dermatologin - ist ein super Beruf, wo man sich niederlassen kann. Und es war ja eh immer im Hinterkopf, dass ich es mache und die Zeit war halt dann dafür da. Und das hat ihn auch entlastet. Ich glaube schon, dass es ihn eigentlich vom Druck her entlastet hat.

Julia Rotherbl – Wie geht man sowas denn an? Wie muss ich mir das vorstellen? Erster Schritt, eine Immobilie finden. In München!

Dr. Stefanie Derendorf – Das dachte ich auch. Ich schaue jetzt einfach mal nach einer schönen Immobilie und dann hatten wir aber tatsächlich Beratung. Also ich, wir hatten ziemlich viele Gespräche mit Steuerberatern. Die machen auch wirklich so eine Existenzgründungs-Beratung und ich hab natürlich erst mal überlegt alleine oder mit wem mach ich denn das. Und dann habe ich verschiedene Kolleginnen oder alte Freunde aus der Ausbildungszeit gefragt und das war auch eine längere Phase, bis ich dann wusste, mit wem ich das machen kann und möchte. Und man muss wirklich viel Beratung machen, weil ja auch überhaupt - wie viele Stunden musst du arbeiten? Was musst du suchen? Wo suchst du was, wer finanziert dich? Also ich muss sagen allein die Beratung hat bestimmt ein halbes Jahr gedauert, bis wir überhaupt mal Zeit hatten, Immobilien anzugucken.

Julia Rotherbl – Okay. Und ja du hast ja schon gesagt, es hat - oder hast jetzt angedeutet - das hat dich auch ein bisschen was überrascht. Was waren denn so Dinge, wo du gedacht hast, ‚Boah das hätte ich jetzt vorher nicht gedacht, dass das in dieser Gründung auf mich zukommt‘?

Dr. Stefanie Derendorf – Ja diese ganzen Termine. Also ich war wirklich neben meiner Arbeit nur unterwegs. Ich hatte super, super, super viele Termine mit Versicherungen, Banken mit - ich kann‘s gar nicht mehr sagen, es so viel ist. Ich habe letztes Mal die E-Mails gelöscht von der Zeit. Also es war unglaublich. Wie so eine Vollzeitjournalisten wahrscheinlich eher! Aber nicht als Ärztin. Da hat man ja nicht so viel E-Mail-Kontakt nun mal, aber es war unglaublich. Mit Architekten und dann eben auch mit ganz vielen Immobilen-Büros. Du musst ja erst einmal eine Immobilie finden, die überhaupt Ärzte rein lässt. Weil viele möchten das ja gar nicht. Ich hab meine komplette Freizeit - und das meine ich jetzt wirklich - komplett für diese Sache geopfert. Also auch die Wochenenden, ja.

Julia Rotherbl – Und das heißt deine Kinder haben quasi diese Umstellungen gehabt, und dann warst du auch wirklich tatsächlich fast gar nicht mehr greifbar. Wie haben die das denn so mitgemacht?

Dr. Stefanie Derendorf – In der Zeit, ja. In der Zeit war ich wirklich eigentlich nur noch zum Bettbringen da. Und schon beim Frühstück eigentlich die erste, die aufgestanden ist und wieder weg war. Ich finde, sie haben es gut mitgemacht, weil sie den Papa so sehr hatten. Ich habe ja jetzt keine Fremdbetreuung gehabt, ja. Und da war ich erstaunt. Obwohl sie jetzt im Nachhinein, jetzt wo ich wieder ein bisschen mehr Zeit mit Ihnen habe, merke ich gerade, dass Sie doch schon darunter gelitten haben und dass Sie sich wahnsinnig freuen, dass Sie mich wieder mehr haben. Aber sie haben es super gemacht und ich hatte auch keine Zeit für schlechtes Gewissen, muss ich ehrlich sagen, weil ich - das musste halt laufen. Wir waren ja schon mittendrin, ja.

Julia Rotherbl – Es ist ja so. Die Partnerin, mit der du das gemacht hast, die war ja zu der Zeit sogar schwanger. Also die hat in der Gründungsphase ihr Baby bekommen. Wie hat denn euer Umfeld generell so reagiert, dass ihr quasi in so einer Phase, wo viele genau das Gegenteil machen - also erst mal ein bisschen aus dem Job aussteigen, also die Kinder haben dann Prio - dass ihr quasi das eigentlich genau anders gemacht habt?

Dr. Stefanie Derendorf – Ich muss sagen, die meisten fanden das super, ja. Also ich kann mich noch erinnern an die ersten Bewerbungsgespräche, die wir hatten, Alex und ich. Da war die Alex, hatte ihr Baby und hat es gestillt nebenbei. Wir saßen hier in der Baustelle, weil da wurde hier die Immobilie umgebaut. Also wirklich Schmutz ohne Ende, sie mit einem Neugeborenen – stillend. Und wir saßen auf dem Boden, weil wir auch noch kein - Wir hatten Kaffee, so einen Pappkarton-Kaffee und hatten die Gespräche geführt. Und ich weiß, dass diese Mädels, die sich da beworben haben, damals – es waren nur Mädels - alle so begeistert waren und meinten, sie möchten unbedingt für uns arbeiten, weil sowas haben sie noch nie erlebt und das finden sie einfach großartig. Genau. Und auch die Bank zum Beispiel - mussten wir ja auch denken - was halten die denn davon oder so. Alle durch die Bank, also durch die Bank fanden es super, ne. Erstaunlicherweise haben die uns alle unterstützt.

Kapitel 2 – Der Rollentausch

Julia Rotherbl – Die Reaktionen, die dein Mann bekommen hat, waren die ähnlich positiv? Also zum Hintergrund. Ich hatte ja diesen Rollentausch auch. Also bei uns hat der Mann die erste Zeit mit dem Baby zu Hause verbracht, hat auch die Eingewöhnung in die Krippe übernommen und war schon so irgendwie so der kleine Alien. Also es gab natürlich überall viel mehr Mütter als, als Väter. Wie hat denn dein Mann das erlebt?

Dr. Stefanie Derendorf – Ich glaube ähnlich. Also ich, ich finde, ich glaube vor allem auch selbst, dass er damit klarkommen musste, dass er sich auf einmal auf eine andere Position begibt, hätte ihm glaube ich davor auch, hätte er auch nicht gedacht. Da musste er auch schon ein bisschen drunter leiden. Und auch so im Kindergarten war er da mit den Kita-Mamas immer auf dem Spielplatz die Zeit. Wie du auch sagst. Und war beim Arzt und so. Ich glaube, dass er es ein bisschen schwieriger hatte, als er dachte. Aber ich glaube vor allem das Psychische war am Anfang für ihn nicht einfach, obwohl er es toll fand, was ich machte. Aber diese Umstellung zu sagen, jetzt übergebe ich gerne mal die Hauptverantwortung an meine Frau, da hatte er mehr mit zu arbeiten als ich.

Julia Rotherbl – Jetzt ist es ja so, die Pandemie hat sich jetzt, also die Lage hat sich jetzt ein bisschen verändert. Dein Mann hat jetzt vielleicht wieder mehr Möglichkeiten. Wie stellt ihr euch das in Zukunft vor, diese Arbeitsaufteilung?

Dr. Stefanie Derendorf – Ja, das sind wir leider ein bisschen am Arbeiten. Weil natürlich habe ich jetzt den Vorteil, die Praxis läuft. Wir werden jetzt ein Jahr alt und sie läuft sehr gut und ich habe jetzt auch noch eine Kollegin mit einem Board geholt, eine dritte Kollegin, sodass es ein bisschen Entlastung auch in der Verwaltung ist. Und natürlich ist mein Plan und auch der von meinem Mann, dass er genauso seinen Job wieder machen kann. Bei ihm ist es zum Glück so, dass er die meiste Zeit im Homeoffice machen kann, also er arbeitet Zuhause. Dann kann er auch die Kinder früher abholen, wenn was ist. Aber er hat diese Wochen, in denen er weg ist, komplett ... Die Messen fangen wieder an und in diesen Wochen organisieren wir uns tatsächlich mit Babysittern und mit Eltern und mit, ja, Nichten, meine Nichten springen da ein und ich arbeite in Teilzeit, teilweise ein bisschen weniger auch, dass ich dann halt früher nach Hause gehen kann, um sie abzuholen. Also das muss man dann immer organisieren. Aber es geht.

Julia Rotherbl – Okay. Also bei uns ist es schon so, muss ich sagen, wenn dann irgendwie jemand - im schlimmsten Fall das Kind - unvorhergesehener Weise krank wird, dann hat man das Gefühl ‚Boah das ganze Lebensmodell, diese ganze Orga, die implodiert jetzt so!’ Also das ist schon alles dann immer so auf Kante gestrickt. Bei euch nicht so?

Dr. Stefanie Derendorf – Doch, doch, doch, auf jeden Fall. Also als diese Krankheitstage jetzt auch waren. Und dann bat Axel eben - also mein Mann heißt Axel - der war jetzt mal weg und dann musste ich die Kleine tatsächlich mit in die Arbeit nehmen, weil ich wusste gar nicht, wie ich das lösen kann. Natürlich, Patienten absagen wär auch eine Möglichkeit, aber im ersten Moment war nur so, es geht nicht. Ich muss jetzt hier her kommen und ich hab eine OP. Ich habe irgendwelche wichtigen Eingriffe und dann saß sie hier halt auch mal krank, tatsächlich, doch. Ja. Also jetzt langsam sind wir an dem Punkt, dass wir tatsächlich auch absagen, weil meine Kolleginnen sind ja auch Mamas, ja. Weil die Männer auch nicht immer einspringen können. Aber es ist echt so. Eigentlich darf es nicht passieren. Also man muss, ja. Es geht. Aber es darf eigentlich nicht sein, dass die Kinder krank werden.

Kapitel 3: Wie es ist, seine eigene Chefin zu sein

Julia Rotherbl – Du hattest jetzt gesagt, die Praxis ist jetzt ein Jahr alt. Was ist denn jetzt so in diesem Jahr für dich so der größte Unterschied zwischen angestellt sein und die eigene Chefin sein? Vielleicht so der größte Gewinn und vielleicht auch der größte Nachteil?

Dr. Stefanie Derendorf – Ja, der größte Nachteil war bestimmt auch Corona, weil man jetzt einfach diese Ausfälle hatte. Und man leidet auf einmal, nicht nur ... Ich meine, tatsächlich hat es einen Vorteil gehabt, wenn man angestellt war und mal krank ist, dann macht man sich nicht so ein Kopf. Jetzt ist es so, dass man tatsächlich denkt, ja es macht ja kein anderer. Und es geht halt auch ins Finanzielle dann gleich. Und ich glaube, da muss man ein bisschen cooler werden. Und auch wenn Mitarbeiter fehlen. Es kommt noch viel mehr Zusatzaufwand dazu, der einen schon belastet. Aber ich muss trotz allem sagen, dass ich es bis heute noch keinen Tag bereut habe. Also ich finde trotzdem Arbeiten als Selbstständige irgendwie viel schöner.

Julia Rotherbl – Kannst du sagen warum? Weil du mehr gestalten kannst? Weil…

Dr. Stefanie Derendorf – Ja irgendwie wahrscheinlich schon. Also ich überleg grad selbst, wieso es so ist. Aber ich gehe wahnsinnig gerne in die Arbeit und ich liebe meine Praxis. Vielleicht auch deswegen. Die Mitarbeiter, die wir uns ausgesucht haben, finde ich alle toll. Und ja, man kann halt auch einfach jetzt sagen wenn einen was stört, dann verbessert man es auch gleich oder wenn man etwas haben möchte, dann kauft man sich das halt jetzt auch. Und das sind so Dinge, die machen, die machen den Arbeitsalltag schon um einiges nochmal angenehmer.

Julia Rotherbl – Ich finde es ja auch cool, wie du vorher erzählt hast mit dem Baby und dem Stillen. Also du kreierst natürlich dann auch so eine Atmosphäre, die du selber kreieren willst und ne Familienfreundlichkeit, das ist natürlich super. Das erlebt man wahrscheinlich jetzt, wenn man angestellt ist, nicht automatisch.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja ja genau.

Julia Rotherbl – Wenn jetzt eine von unseren Zuhörerinnen auch diesen Traum hegt, irgendwann mal eine eigene Praxis aufzumachen, was wären deine wichtigsten Tipps oder dein wichtiger Tipp?

Dr. Stefanie Derendorf – Es ist schon eine Sache, die man sich gut überlegen muss. Das muss ich ehrlich jetzt im Nachhinein sagen. Ich glaube man braucht auf jeden Fall genug Leidenschaft und genug Durchhaltevermögen. Weil es gibt schon Momente. Ich habe einige gesehen, die wieder aufgehört haben mit der Idee. Also man braucht die Zeit, man braucht den Willen und man braucht schon jemanden, der einem ein bisschen den Rücken freihält. Also in dieser Phase. Es geht, danach ist wieder alles machbar. Aber hätte mein Mann damals nicht die Zeit gehabt, mich so zu entlasten, hätte ich es wahrscheinlich nicht durchziehen können. Obwohl ich wollte, also... Ich würde schon sagen, man muss bestimmt ein Jahr einplanen, viel Zeit, viel Energie mitbringen und dann wird es was ganz Großartiges. Bin ich überzeugt.

Spiel: Was würdest du sagen...?

Julia Rotherbl – Ich würde dann jetzt die Anja zu uns holen. Anja ist die Redakteurin dieses Podcasts und spielt mit uns jetzt ein kleines Spiel.

Anja Kopf – Genau. Hallo!

Julia Rotherbl – Hallo Anja.

Dr. Stefanie Derendorf – Hallo Anja, hallo!

Anja Kopf – Ich bin hier in diesem Podcast jetzt seit ganz vielen Folgen schon die Spieleleiterin für unser manchmal Warm-Up-, manchmal Zwischenpausen-Spiel, das ich liebevoll „Bitte vervollständigen Sie diesen Satz“ nenne. Ihr beide dürft Sätze vervollständigen, die ich rausgesucht habe.

Julia Rotherbl – Steffi, ich kenne die Sätze auch nicht. Wirklich nicht, ich schwöre!

Dr. Stefanie Derendorf – Gut, ja, ja!

Anja Kopf – Und man muss auch tatsächlich sagen, langsam wird's schwierig für Julia was rauszusuchen, weil die ja jedes Mal mit dabei ist, dass es noch etwas Neues wird. Aber ich hoffe, ich habe es auch diesmal geschafft. Genau. Aber der erste Satz, Steffi, der geht auch direkt an dich.

Dr. Stefanie Derendorf – Okay.

Anja Kopf – Der da lautet ‚Im Job punkte ich mit der Fähigkeit…’

Dr. Stefanie Derendorf – ...dass ich mich schnell an neue Situationen anpasse. Und jetzt speziell auf meinen Job als Ärztin würde ich sagen, dass ich sehr auf Patienten eingehen kann und sehr empathisch bin.

Anja Kopf – Es sind sehr viele Punkte, die du da hast, voll gut.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja!

Anja Kopf – Julia für dich ‚Mein bester Arbeits-Life-Hack ist…’

Julia Rotherbl – Oh Gott. Das ist jetzt echt schwer. Mein bester Arbeits-Life-Hack…

Dr. Stefanie Derendorf – Ich bin froh, dass du die Frage bekommen hast und nicht ich.

Julia Rotherbl – Also tatsächlich habe ich jetzt vor kurzem angefangen, Telefonate im Auto zu führen. Das finde ich total gut. Also wir sind jetzt nach Corona wieder öfter in Präsenz im Job und ich habe schon ein bisschen Anfahrt ins Büro und bisher war das immer so leere Zeit. Also klar, man konnte irgendwie Podcasts hören oder, oder, oder Nachrichten oder so aber man konnte jetzt nicht wirklich arbeiten Und jetzt verlege ich quasi Telefonate in diese An- und Abreisezeit. Das finde ich super. Dann nutzt man das irgendwie noch.

Anja Kopf – Das würde ich als Live-Hack verstehen, richtig.

Julia Rotherbl – Gut, super, vielen Dank.

Anja Kopf – Steffi, für dich ‚Das größte berufliche Risiko bin ich eingegangen als...’

Dr. Stefanie Derendorf – ‚...als ich meine Praxis gegründet habe, vor einem vor einem Jahr oder vor zwei Jahren, besser gesagt’. Genau.

Anja Kopf – Das war jetzt eine naheliegende Antwort aber ich habe mir gedacht, ich mache mal was Leichtes.

Dr. Stefanie Derendorf – Danke!

Anja Kopf – Und vor allem, es ist ja auch gut ausgegangen wie wir ja schon gehört haben.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja, das stimmt.

Anja Kopf – Julia ‚Wenn mir jemand sagt, dass Männer und Frauen längst gleichberechtigt sind, ist meine Reaktion...’

Julia Rotherbl – Je nachdem wer es mir sagt, also entweder laut lachen, mir überlegen, ob ich jetzt die Diskussion wirklich führe oder ich hole einfach ein paar Zahlen raus! Ja.

Anja Kopf – Ein paar Zahlen haben wir ja jetzt im Podcast auch schon immer mal wieder gedroppt. Man sieht ja, zur Gleichberechtigung ist noch ein langer Weg.

Julia Rotherbl – Wobei bei den Praxisgründungen liegen die Frauen in Deutschland mittlerweile sogar vorne.

Dr. Stefanie Derendorf – Echt?

Julia Rotherbl – Hab ich letztens gelernt, ja. Da gibt's jetzt neue Zahlen, dass die Praxen, die aktuell neu eröffnet werden, das sind 60 Prozent Inhaberinnen.

Dr. Stefanie Derendorf – Also ich kenne auch einige jetzt gerade, die neu gründen in meinem Alter. Ich bin auch fasziniert.

Julia Rotherbl – Das variiert natürlich je nach Bereich. Aber ja, tatsächlich über alle Bereiche betrachtet liegen die Frauen hier vorne.

Anja Kopf – Da passt doch der letzte Satz, der an dich geht Steffi, relativ gut. ‚Frauen in Führungspositionen…’

Dr. Stefanie Derendorf – ‚...aber ich viel zu wenige erlebt, muss ich leider sagen und hätte ich gerne gehabt.’ Aber ich kann dazu wenig sagen. Ich hatte sie nicht! Genau. Was schade ist. Gerade in der Dermatologie. Ist ein sehr weibliches Fach.

Anja Kopf – Aber wie wir gerade kurz hatten, sie werden dann wohl mehr, zumindest wenn man an die Praxisgründungen denkt.

Dr. Stefanie Derendorf – Das stimmt, ja.

Julia Rotherbl – Genau, man macht sich dann zur eigenen Chefin.

Dr. Stefanie Derendorf – Das, das natürlich schon, also ich habe jetzt eher auf die Klinik bezogen. Aber natürlich. Wenn man Chefin in der Praxis... Die fand ich toll. Ich hatte zwei Chefinnen, die fand ich super.

Kapitel 5: Jetzt werden Frauen gefördert!

Julia Rotherbl – Du, Steffi, du hast das jetzt gerade so ein bisschen auch schon angedeutet mit der Klinik. Das wäre nämlich auch eine Frage, die ich an dich hatte. Also so eine Karriere in so einem Klinik-, Universitätsumfeld kam für dich nicht in Frage. Hattest du nie so als Wunsch im Kopf?

Dr. Stefanie Derendorf – Ich glaub, ich hätte es schon vielleicht vor ein paar Jahren gewollt. Aber es gab keine Möglichkeiten. In der Zeit, als ich da war, gab es ganz viele, gerade neue Oberärzte, die die Stellen bekommen haben. Und die waren alle jetzt vielleicht fünf bis zehn Jahre älter als ich. Und es war relativ klar, das sich da in den nächsten 20 Jahren nichts mehr bewegt. Und so eine Chefarztstelle, das ist wieder eine ganz andere Nummer. Da müsste man auch mehr in der Forschung an der Uni schon von Anfang an bleiben. Was ich nicht wollte, aus anderen Gründen aber. Und deswegen hat sich das einfach für uns, auch für meine Kolleginnen - wir waren ja mehr aus der Abteilung - war dann nicht relevant. Hätten wir woanders hingehen müssen, wahrscheinlich.

Julia Rotherbl – Aber das hatte jetzt - du hattest es ja auch vorher gesagt – du hattest quasi, wenn man die Praxis jetzt rausnimmt, vorher keine Chefinnen. Das hatte aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, dass du sagst, du hast da jetzt quasi keine Chancen für dich gesehen.

Dr. Stefanie Derendorf – Nee, nee, nee. Also ich hatte einen Chef und dann hatte ich auch eine Frau als Oberärztin. Also das wäre da schon gegangen. Ich hatte schon das Gefühl, dass du als Frau ne Chance hast. Was ich ehrlich sagen muss und das war vielleicht auch schon wieder zehn Jahre her - ich hoffe, es hat sich jetzt geändert - dass damals als Frau wenn du Kinder bekommst, du keine guten Chancen hattest. Also die Oberärztinnen bei mir in der Klinik hatten keine Kinder, weil es auch damals noch so war. Du konntest nicht zurückkehren nach einer Elternzeit und Vollzeit. Du musst das wieder Vollzeit arbeiten.

Julia Rotherbl – Ich höre auch öfter, das ist gar nicht zu dem Punkt kommen muss, dass die Frau ein Kind hat, sondern dass eigentlich schon viele Chefs und Chefinnen schon vorher dran denken. „Oh, die könnte jetzt vielleicht irgendwann ein Kind bekommen. Will ich jetzt wirklich noch befördern?“ Jetzt hast du ja so ein bisschen quasi den Platz gewechselt und bist jetzt diejenige, die Bewerbungsgespräche führt und die jemanden einstellen kann. Ist es jetzt auch so ein bisschen in deinem Kopf, selbst wenn du es nicht in deinem Kopf haben willst? Aber…

Dr. Stefanie Derendorf – Also es ist total lustig, weil wir haben hier lauter junge Frauen eingestellt, die alle im besten Alter sind um Kinder zu kriegen. Frisch, frisch verheiratet und eine, die so jetzt auch schon uns mehrfach gesagt hat, dass sie ein Kind will. Und wir müssen da drüber schon schmunzeln, dass sie auch so offen mit uns damit umgehen. Aber ich meine, wir präsentieren uns ja auch als Mütter und als dass wir hier auch das Ganze irgendwie versuchen wollen, dass es machbar ist. Und wenn wir jetzt da... Nee, ich muss tatsächlich sagen, es stört mich gar nicht. Und die erste MFA, die ich hier eingestellt hatte, hatte auch ein kleines Baby, war alleinerziehend. Also ich sehe da echt, das ist jetzt ein bisschen unsere Aufgabe, dass wir da wirklich drüber hinwegsehen sollten.

Julia Rotherbl - Ich finde es ja auch spannend, quasi wenn man dann, weil man ja als Mama natürlich das Vorbild für seine Töchter und seine Söhne natürlich auch ist. Und du hattest bei einem unserer Telefonate - ich hoffe, ich darf das jetzt erzählen – gesagt, deine Tochter hat dir letztens gestanden, sie würde lieber ein Mann sein, weil dann müsste sie später nicht so viel arbeiten.

Dr. Stefanie Derendorf – Genau.

Julia Rotherbl - Also stellst du auch fest, dass das tatsächlich auch quasi dass, dass deine Töchter da jetzt eine andere Wahrnehmung haben von diesem Mann-Frau-Karriere-Beruf-Ding?

Dr. Stefanie Derendorf – Komplett. Komplett. Also ich glaube, die sind ja schon editiert, wenn sie diese Conny-Bücher oder Kinderbücher sehen, wo dann die Mama daheim bleibt und der Papa in die Arbeit geht. Das ist für die vollkommen falsche Welt, weil mein Mann arbeitet zwar, er ist zuhause, ja, und wie gesagt... Also meine Tochter erzählt mir auch ständig, was sie beruflich machen will später, also sie will Paläontologin werden und dass sie später mal viel arbeiten müssten und dass sie später mal studieren und alles. Also es ist für sie vollkommen klar, dass es anstrengend wird, wenn sie eine erwachsene Frau ist. Aber ich glaube auch dass sie es cool finden. Ja.

Julia Rotherbl - Also wir erleben das auch bei unserer Tochter. Die findet es teilweise ganz komisch, dass sie von den, jetzt Mitschülerinnen und Mitschüler, aber vorher einfach von den Kindern aus dem Kindergarten, das sie dann teilweise die Väter nicht kennt.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja.

Julia Rotherbl - Also sie stellt dann ganz krude Vermutungen an, das die.. also das gipfelt dann natürlich darin, dass die gar nicht am Leben sind. Weil sie das natürlich total komisch findet, dass es Väter gibt, die auf keinem Fest quasi, die weder bringen noch abholen. Also das findet sie ganz komisch und das ist natürlich, kommt natürlich daher, dass sie das ganz anders erlebt. Und das finde ich eigentlich total schön, wenn man dann auch merkt, dass es nicht nur quasi so eine Vorbildfunktion in so einem professionellen Umfeld ist, sondern auch vielleicht für die zukünftige Generation.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja. Ich glaube, das Schöne ist, dass in ihren Köpfen da überhaupt keine Diskussion mehr stattfindet, ob Mann und Frau irgendwelche Rollen haben, sondern das ist einfach vollkommen klar ist und das finde ich so schön. Ich glaube, die werden eher mal, wenn sie mal über das Thema Gleichberechtigung stolpern, sagen ‚Was? Wieso?’ Weil bei uns einfach wirklich, ja, das Problem nicht besteht. Und ich hoffe das es auch mitnehmen und auch darauf auch Lust haben, dass es in ihrem Leben später auch so sein wird.

Julia Rotherbl - Gut, ich glaube ich bin tatsächlich mit meinen Fragen am Ende.

Dr. Stefanie Derendorf – Ich muss noch... ich muss nochmal sagen, ich bin total stolz auf dich, was du geschafft hast auch. Darf ich das sagen? Weil ich kenne die Julia ja wirklich, wie du schon gesagt hast, sehr lange und wir beide hatten damals, es war fünfte, sechste Klasse, da haben wir beide beschlossen Journalistinnen zu werden und ich bin stolz, weil du hast es durchgezogen. Wir haben beschlossen, wir werden Journalistinnen und du hast es gemacht und ich nicht. Also, Wahnsinn!

Julia Rotherbl - Aber du hast auch ganz viel durchgezogen.

Dr. Stefanie Derendorf – Ja, also ehrgeizig waren wir beide immer schon.

Julia Rotherbl - Ja das stimmt. Vielen Dank, dass du das jetzt gesagt hast. Das ist total schön, Danke.

Dr. Stefanie Derendorf – Das musste ich sagen. Gerne.

Julia Rotherbl - Vielen Dank, dass du mein Podcastgästin warst und wir uns auf diesem Weg irgendwie auch wiedergefunden haben.

Dr. Stefanie Derendorf – Danke Julia. Es war super, super schön auch mit deiner Redakteurin Anja. Es ist super viel Spaß gemacht und ich bin ganz stolz auf uns beide.

Julia Rotherbl – Boah war das grad ein süßer Moment, oder? Und ihr durftet alle dabei sein. Ich kann eigentlich ziemlich schlecht umgehen mit Lob und Komplimenten, hat man vielleicht auch ein bisschen gemerkt. Aber ich finde trotzdem, dass sowas zeigt, wie wichtig es ist und wie schön es ist, wenn sich Frauen gegenseitig supporten, empowern, unterstützen und ja - sich auch mal sagen, dass sie stolz aufeinander sind. Sollten wir vielleicht alle öfter machen. Ganz viel Love, Support und Empowerment gibt's in jeder Folge dieses Podcasts. Wir erscheinen alle 14 Tage immer montags und alle Folgen findet ihr auf gesundheit-hören.de, Apple Podcasts oder Spotify.

Redaktion: Anja Kopf, Julia Rotherbl
Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Yves Seissler

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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Frau Doktor, übernehmen Sie! | Über Frauenkarrieren in der Medizin

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