Führungsposten ja, aber in Teilzeit? Das geht, sagt Dr. Helen Budiman. Sie ist Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kreisklinikum in Ebersberg und versucht in dieser Position, Arbeit in Teilzeit zu ermöglichen. Dabei geht es nicht nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch darum, sich mehr an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden zu orientieren.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Wie es ist, einzige Chefärztin an einer Klink zu sein
  • Arten von Teilzeitmodelle in der Klink
  • Warum werden flexible Arbeitszeitmodelle kritisch gesehen?
  • Eigene Erfahrungen als Ärztin und Mutter
  • Rat für Frauen, die sich in der Familienplanung befinden
  • Warum es in der Gynäkologie so wenig Frauen in Spitzenpositionen gibt

Mehr Informationen zu unserem Gast: https://www.klinik-ebe.de/medfachabteil/hauptabteilungen/gynaekologie/aerzte.php

Helen Budiman - Ich kann ja niemanden zwingen, dass er in Vollzeit arbeitet. Wenn dann in der Familie die absolute Katastrophe herrscht und jeder unglücklich ist.

Brandvoice - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Eine Frau in einer Führungsposition - leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, auch nicht in der Medizinbranche, mit der ich mich jeden Tag beschäftige. Über 60% der Studierenden in Deutschland sind in der Medizin weiblich, aber in den Chefetagen spiegelt sich das überhaupt nicht wider. In vielen Bereichen sitzen da nur knapp über 10% Frauen. Wie kann das sein? Das will ich herausfinden. Mit Frauen, die mir über ihren persönlichen Karriereweg erzählen. Herzlich willkommen beim Podcast Frau Doktor, Übernehmen Sie!

Brandvoice - Ein Podcast von Gesundheithören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge zu Gast ist Helen Budiman. Sie ist Gynäkologin, Chefärztin der Geburtshilfe und Gynäkologie in der Kreisklinik Ebersberg in Oberbayern in der Nähe von München. Und sie hat eine Weiterbildung zur gynäkologischen Onkologin, betreut also unter anderem Krebspatientinnen. Und was ich sehr spannend finde, Sie ist momentan die einzige Chefärztin an der Kreisklinik. Unterhalten wollen wir uns heute über Teilzeitmodelle in der Klinik. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind, Frau Budiman.

Helen Budiman - Vielen Dank. Ich freue mich über die Einladung.

Julia Rotherbl - Wir starten mit unserem Warm-Up. Das nennt sich Der Sprücheklopfer und es funktioniert so - Ich lese Ihnen jetzt Sätze vor, die man als Frau im Laufe seiner Karriere schon mal zu hören bekommt. Wenn es bei Ihnen auch so ist , dann klopfen Sie, also wenn Sie einen der Sätze erkennen und wir sprechen kurz drüber. Der erste Satz ist - Frauen sind längst gleichberechtigt.

Helen Budiman - (klopft)

Julia Rotherbl - Okay. Kurzes Zögern.

Helen Budiman - Ja, den Spruch hab ich schon gehört. Der kam von einem ehemaligen Oberarzt von mir an der Universitätsklinik, der damals kritisch erwähnt hat, warum es denn noch sowas wie ein Mentoring-Programm gäbe Für Frauen in der Medizin. Die Frauen wären doch schon eh längst gleichberechtigt und der Großteil der Medizinstudentinnen wären weiblich et cetera. Der hat aber nicht zu Ende gedacht im Sinne von fast 60% der Medizinstudenten sind weiblich. Aber wenn man dann weiter nach oben geht , dann sind Ich weiß nicht wie wenige Frauen in Führungspositionen. Also in der Medizin ist die Frau nicht gleichberechtigt wie die Männer.

Julia Rotherbl - Der nächste Satz ist - Die meisten Frauen wollen doch überhaupt nicht Chef sein.

Helen Budiman - Den habe ich so nicht gehört, ne.

Julia Rotherbl - Und dann ist ständig das Kind krank.

Helen Budiman - (klopft) Ja. Den Satz habe ich schon auch gehört. An einer Universitätsklinik , die geprägt war von hierarchischen Strukturen und da gabs es einen männlichen Ordinarius natürlich. Das heißt, natürlich, aber es war halt damals so. Und es gab fast nur Oberärzte und die Kollegen, die dann Oberärztinnen hätten werden sollen, die wurden meiner Ansicht nach nicht bevorzugt. Da wurde eher dem Mann der Vorzug gegeben. Und wenn die Frauen dann noch Kinder bekommen haben , dann war irgendwie klar , dass sie nicht mehr als vollwertiges Mitglied gelten und auch öfter mal eben weil die Kinder krank sind, ausfallen. Also ja , diesen Spruch habe ich schon gehört.

Julia Rotherbl - Und dann gehen wir kurz zum letzten Spruch - Führung in Teilzeit, das funktioniert nicht.

Helen Budiman - (klopft) Ja, den Spruch habe ich auch gehört.

Julia Rotherbl - Und in welchem Zusammenhang?

Helen Budiman - Meine ehemalige Chefin, die wollte alters- und krankheitsbedingt zurückstecken und wollte mich damals als leitende Oberärztin, als ihre Co-Chefin etablieren. Aber das wollte die Verwaltung nicht. Die hat gesagt, Führung in Teilzeit ist nicht möglich.

Julia Rotherbl - Ist Chefärztin in Teilzeit tatsächlich nicht möglich?

Helen Budiman Also ich vertrete die Meinung, dass es schon möglich ist. Aber man muss als Chef schon Präsenz zeigen. Man muss wissen, was in der Klinik vor sich geht, weil man hat letztlich die die Verantwortung über alles was vorgeht Und ich glaube nicht, dass man eine Chefarzttätigkeit zu 60% ausfüllen kann. Ich glaube schon, dass es möglich ist, hier und da einen Bürotag einzulegen und oder auswärts Termine wahrzunehmen und dann nicht immer präsent in der Klinik zu sein.

Julia Rotherbl - Ich glaube, mit dem Warmup sind wir fertig. Ich würde gerne kurz erzählen von unserer ersten - in Anführungszeichen - Begegnung. Die hat stattgefunden quasi auf dem Papier bzw. ich glaube In Social Media. Ich habe einen Artikel von Ihnen gelesen oder über Sie gelesen in der Lokalzeitung, als Sie diese Stelle angetreten haben. Also als Sie Chefärztin geworden sind. Und unter anderem stand in diesem Artikel, dass nur ein Viertel aller gynäkologischen Onkologen Frauen sind. Und ich glaube, es stand eben auch drin, dass Sie momentan die einzige Chefärztin an der Krebsklinik sind. Und das ist mir so im Gedächtnis geblieben, dass ich gedacht habe, als wir diesen Podcast aufgesetzt haben Frau Budiman muss ich anschreiben.

Helen Budiman - Was sie getan haben!

Julia Rotherbl - Genau. Weil ich Ihnen genau diese Frage stellen wollte, wie sich das anfühlt.

Helen Budiman - Also zum einen kannte ich die Kollegen schon, weil dadurch, dass ich in der Klinik was ja nicht üblich ist. Aber dadurch, dass ich in der Klinik schon als Oberärztin und dann als leitende Oberärztin tätig war, hatte ich schon durchaus Kontakt mit den Chefarztkollegen. Aber es war auf einer anderen Ebene dieser Kontakt, weil die waren Chefärzte, ich war die Oberärztin und als ich dann auch Chefärztin wurde , wurde ich eigentlich sehr freundlich vom Kollegium aufgenommen. Im Rahmen meiner Bewerbung für die Chefarztstelle - die ja durchaus ausgeschrieben wurde - Ich hatte ja auch Mitkonkurrenten auf diese Position - Da musste man auch eine Runde vor den Chefärzten durchlaufen, die durchaus ihre kritischen Fragen gestellt haben. Aber die dann einstimmig wohl oder nicht ganz einstimmig, aber zur Mehrheit für mich gestimmt haben als die Nachfolge von meiner Vorgängerin. Und insofern hatte ich da schon eine gewisse Wertschätzung erlebt. Und es war nicht so, dass die kleine Oberärztin jetzt plötzlich auf Chefin macht. Und wenn wir unsere regelmäßigen Chefarztkonferenzen abhalten - das ist meistens einmal im Monat - dann ist es auch ein kollegiales, nettes Miteinander. Also es es gibt schon immer ein paar Platzhirschen die glauben ihre Meinung ist jetzt die Meinung, die die meisten haben sollten. Aber die lassen schon auch mit sich reden und die kämpfen immer um ihre Pfründe. Und ich halte mich da immer ein bisschen zurück weil erstens ich dadurch, dass ich die Geburtshilfe mit bespiele, die sehr wichtig ist für die Klinik, und dadurch , dass ich so autark bin, muss ich mich auch nicht so in diese Kämpfe mit rein versetzen. Und wenn es Konflikte gibt , dann werden die offen angesprochen und dann entscheidet vielleicht auch die Mehrheit. Also ich hab da keine Probleme mit den Kollegen.

Julia Rotherbl - Frau Budiman, Sie fördern als Chefärztin ja gezielt Teilzeitmodelle. Wie ist denn momentan die Situation in Ihrer Abteilung?

Helen Budiman - Im Moment ist die Situation so. Ich habe vier Oberärzte und Ärztinnen. Es sind zwei Männer zwei Frauen und drei davon sind in Teilzeit beschäftigt. Von den Assistenzärztinnen - das sind nur Frauen , die ich habe - das sind insgesamt acht - arbeiten sechs in Teilzeit. Das sind teils Mütter, teils sind es keine Mütter. Es sind die unterschiedlichsten Gründe, weswegen die Kollegen gerne in Teilzeit arbeiten.

Julia Rotherbl - Wie sind denn die Teilzeitmodelle bei ihnen? Gibt's quasi ein Modell , das alle machen , also was weiß ich Jeder arbeitet einen vollen Tag und dann wieder dafür einen in der Woche nicht. Oder gibt's da unterschiedliche Ansätze?

Helen Budiman - Es gibt unterschiedliche Gründe, warum die Kolleginnen in Teilzeit sind. Bei dem einen sind es die Kinder, eine andere Kollegin arbeitet einen Tag in der Woche noch in einer Praxis. Die braucht ihren fixen Tag, damit sie ihre Patienten planen kann. Und die andere hat Kinder, die arbeitet 80%. Und die haben aber alle ihren fixen freien Tag. Bei dem einen ist es der Mittwoch, bei der anderen ist es der Donnerstag. Das ist gut über die Woche verteilt, sodass immer drei da sind. Das funktioniert auch. Also es wäre nicht möglich, diese Teilzeitbeschäftigung so auszufüllen, dass man fünf Tage die Woche von, keine Ahnung, 8 bis 13 Uhr anwesend ist. Das geht nicht.

Julia Rotherbl - Haben Sie das ausprobiert? Also sagen Sie aus Erfahrung , dass es nicht geht. Oder...

Helen Budiman - Wir haben das nicht auf Oberarzt Ebene, aber wir haben es auf Assistenzarzt Ebene ausprobiert. Und ja, es ist schon möglich, weil die meisten Teilzeit Mütter und das sind ja meistens die Mütter , die dann in Teilzeit sind, sehr gut organisiert sind. Also die takten ihren Tag durch, das kennt man ja, die wissen genau wann sie was machen müssen weil es dann um die und die Uhrzeit das Haus verlassen müssen um ihre Kinder zu holen. Die sind super organisiert. Aber die haben halt immer dieses latent schlechte Gewissen dass wenn sie gerade in einer OP stehen oder gerade eine Geburt betreuen halt um 13 Uhr die Kollegin anrufen müssen damit die übernimmt. Das taugt niemanden. Weder der Patientin noch der Kollegin, noch der Kollegin, die dann kommen muss zum Ablösen.

Julia Rotherbl - Es gibt ja, so hab ich das jetzt, so erlebe ich es zumindest in Recherchen zu dem Podcast, nicht so viele Kliniken, die auf Oberarztebene tatsächlich so viele Teilzeitstellen anbieten, wie z.b. bei Ihnen in der Abteilung. Warum ist das eigentlich so? Warum werden so flexible Arbeitsmodelle in dieser Krankenhauslandschaft so kritisch gesehen?

Helen Budiman - Also ich bin vielleicht deswegen auch die Ausnahme was diese Teilzeitmodelle und die Akzeptanz dieser betrifft, weil ich selbst in Teilzeit gearbeitet habe. Ich habe selbst zwei Kinder und ich war zu Beginn nach zwei Jahren Elternzeit zu 60% in der Klinik beschäftigt, dann zu 90% und dann mit der Chefarztstelle wieder in Vollzeit. Aber solang das erste Kind klein war, hab ich einfach meine Arbeitszeit reduziert, weil ich gesehen habe, dass es notwendig ist. Und das ist nun mal die Realität heutzutage. Ich kann ja niemanden zwingen, dass er in Vollzeit arbeitet. Wenn dann in der Familie die absolute Katastrophe herrscht und jeder unglücklich ist. Und es ist alles eine Frage der Organisation, sowohl im privaten Bereich - also die Leute müssen ja auch eher ihr Umfeld strukturieren - als auch im Klinikbereich. Man kann dann ja die Sprechstunde so ein einbestellen, dass diese Frauen zu dem Oberarzt nur dann kommen, wenn er halt da ist und nicht reinschneien wenn er nicht da ist. Das ist alles eine Frage der Organisation. Und wie gesagt, das ist die Realität und ich kann niemanden zwingen. Und um ein gutes Personal zu bekommen und auch zu halten, muss man eben Kompromisse eingehen. Und ich habe wirklich richtig gute Oberärzte. Das sind keine Kompromisse die ich da eingegangen bin mit den Kollegen, die können was und die möchte ich unbedingt halten, weswegen ich das denen gerne ermögliche. Weil ich weiß , die gehen jetzt nicht in Teilzeit, um einmal in der Woche irgendwie Party zu machen von früh bis spät, sondern weil sie eben einen Grund dafür haben.

Julia Rotherbl - Genau. Es ist ja so , dass sie gesagt haben, sie wollen eben beim Personal keine Kompromisse machen. Aber viele nehmen das tatsächlich, viele Vorgesetzte nehmen das scheinbar tatsächlich in Kauf. Dass die Frauen, nachdem sie Mütter geworden sind, dann z.b. in die Praxen wechseln, in die ambulante Versorgung wechseln. Kann sich das System das eigentlich leisten, so viele Frauen zu verlieren?

Helen Budiman - Nein , das System kann sich es eigentlich nicht leisten, weil wir verlieren dadurch viele Frauen, gute Frauen, die gute Operateure und gute Kliniker sind in die Praxis. Ich möchte jetzt nicht die Tätigkeit in der Praxis schmälern oder runter reden, aber es ist nochmal eine ganz andere Tätigkeit. Und eine Praxis kann man mit einer normalen Facharztausbildung erfüllen oder gut ausüben und in der Klinik - nicht jeder kann Oberärztin werden. Und wenn die Frauen dann sehen , wenn sie ein Facharzt haben, das ihr Leben mit der Klinik und dem Familienleben nicht vereinbar ist, dann gehen die in die Praxis, dann habe ich die verloren. Deswegen muss ich es ihnen möglich ermöglichen, dass sie in der Klinik bleiben können.

Julia Rotherbl - Wie war denn Ihre Erfahrung, als Sie dann zum ersten mal Mutter geworden sind und gesagt haben Ich möchte Teilzeit arbeiten? Wie ist das angekommen?

Helen Budiman - Ja, es ist bei meiner Chefin nicht besonders gut angekommen. Ich meine es ist auch eine Frau , die die Teilzeit ermöglicht hat. Das gab's bei ihr schon auch. Auch wenn sie der Generation davor entstammt, wo noch die Denke vor allem herrschte, dass ein Arzt zu 100% immer anwesend sein muss. Es ist nicht gut angekommen, weil ich natürlich schon viele Bereiche übernommen hatte oder dafür verantwortlich war. Alleine die jetzt nicht so einfach zu, also ich war nicht besonders leicht zu substituieren, aber es hat mich natürlich gefreut und geehrt , dass sie mich unbedingt zurückhaben wollte. Aber ich habe ja schon gesagt es geht nicht anders. Ja, also meine Partnerin, die konnte auch nicht von heute auf gleich in Teilzeit gehen. Das wollten wir auch nicht deswegen. Ich wollte bei meinem Kind bleiben und für das da sein. Und deswegen musste sie das halt so akzeptieren, wie es war.

Julia Rotherbl - Wie ist es denn heute? Sie arbeiten ja heute Vollzeit. Wie organisieren Sie das heute?

Helen Budiman - Heute also, um eine Familie mit zwei doch eher kleinen Kindern zu organisieren, braucht es schon ein großes Netz an Unterstützern. Sagen wir mal so. Aber ein Vorteil ist , dass ich keinen Vertrag habe, in dem fixe Arbeitszeiten drinnen stehen. Das ist so bei Chefärzten. Das heißt niemand sagt mir, ich muss um 7 Uhr 45 hier im Besprechungsraum sein und die Besprechung leiten. Das geht an manchen Tagen nicht , wenn ich die Kinder in die Schule oder in den Kindergarten bringen muss. Zum anderen ist meine Partnerin zwei Tage die Woche in Zürich und leitet dort auch als CEO einen Konzern, also ich sag jetzt mal eine Firma, und in der Zeit sind die Kinder bei ihrem Vater. Also der kümmert sich dann um die Kinder von Montag auf Dienstag. Am Dienstag hole ich sie dann ab und bringe sie zum Eltern-Kind-Turnen und zum Fußball und den Rest der Woche - Mittwoch, Donnerstag, Freitag - ist meine Frau wieder da und kann die Kinder - sie ist dann im Homeoffice - bringt die Kinder dann in die Schule, aus dem Kindergarten holt sie sie auch wieder ab. Das ist dann kein Stress. Also eigentlich müssen die Kinder keine großen Abstriche machen. Die müssen auch nicht um Fünf aufstehen, damit wir sie in eine Betreuung bringen oder dort bis 18 Uhr ausharren. Das haben wir versucht zu vermeiden und das klappt auch sehr gut.

Julia Rotherbl - Frau Budiman, Sie haben ja gerade gesagt, auch, dass Sie in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Ist es vielleicht auch ein Vorteil dahingehend, dass man gar nicht in diese traditionellen Rollenbilder von der Mann arbeitet, die Frau bleibt die ersten Jahre zu Hause rein rutscht?

Helen Budiman - Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil ich komm aus einer Generation und komme aus einem Soziotop, in dem es fast nur gleichberechtigte Partnerschaften gibt. Also wir sind mit keinem Paar befreundet, keinem heterosexuellen Paar, wo der Mann sagt es gibt keinen anderen Weg als dass meine Frau zuhause bleibt und wir Kinder haben. Das haben wir nicht. Das spiegelt vielleicht auch ein bisschen unsere Generation wieder. Aber für meine Frau und mich war für uns beide klar, dass wir Karriere machen wollen und dass der eine nicht zugunsten des anderen auf die Karriere verzichtet. Das funktioniert nicht, so was. Wenn der eine dann hadert mit seinem Leben und seinen Plänen, die er eigentlich hatte, und die nicht erfüllen konnte.

Julia Rotherbl - Wie würden Sie denn jetzt - in der Position als Chefärztin - was würden sie Frauen raten, die jetzt quasi in der Medizin arbeiten und diese Familienplanung angehen, und schwanger sind? Wie geht man damit auf seine Chefin oder seinen Chef zu? Sagt man das im Idealfall von vornherein, ich würde auf jeden Fall gerne wieder zurückkommen und zwar in Teilzeit mit so und so viel, oder hält man sich erst mal zurück?

Helen Budiman - Also ich habe jährlich einen Mitarbeitergespräch mit meinen Kollegen und ich sag den Frauen vor allem immer ganz klar, dass sie mir sofort, wenn sie schwanger sind, das sie's mir sofort sagen sollen, dass sie das nicht geheim halten sollen und auch nicht bis zur zwölften Woche damit warten sollen oder bis man es halt sieht. Ja, das bringt nichts, weil zum einen die--

Julia Rotherbl - Gibt's tatsächlich diese Frauen in der Medizin, in Krankenhäusern und Kliniken, die sagen, das bleibt jetzt so lange geheim, wie es geheim halten kann?

Helen Budiman - Ja, das gibts. Ich meine irgendwann kam es nicht mehr verbergen. Aber ich muss selbst sagen ich hab's auch relativ lange vor meiner Chefin geheim gehalten, einfach weil ich wusste dass das für sie sehr schwer sein wird zu akzeptieren, dass es jetzt so ist. Und ich wollte mich diesen Moment einfach nicht stellen. Ich gebe es zu. Ich war feige, aber es war falsch. Ich rate deswegen auch meinen Kollegen dass sie es mir sobald wie möglich sagen, damit ich mich auch um Ersatz kümmern kann. Weil nichts blöder ist als wenn jemand irgendwie so 15 Wochen vor dem Entbindungstermin sagt - Übrigens, ich bin schwanger, und dann weg, weil dann beginnt der Mutterschutz. Und dann habe ich lauter unzufriedene Kollegen, die plötzlich mehr Dienste stemmen müssen, mehr Arbeit, weil ich nicht so schnell Ersatz kriege. Und es ist nicht so einfach heutzutage gleich einen Ersatz, eine gute Kollegin zu bekommen. Deswegen sage ich denen ganz klar - sobald ein Schwangerschaftstest jetzt nicht Positiv ist, nicht so schnell, aber das sie es mir so bald wie möglich sagen, dass sie keine Angst davor haben sollen. Und wenn sie dann schwanger sind oder auch das Kind bekommen haben, dann bespreche ich mit denen auch ganz klar, wie sie sich die Zukunft vorstellen was sie glauben wie lange sie in Elternzeit sind, zu wie wieviel Prozent sie dann zurückkommen möchten. Und wir erstellen da eigentlich einen Plan für die Zukunft.

Julia Rotherbl - Es ist eigentlich schon schlimm, dass manche Frauen tatsächlich Angst davor haben. Also ich hatte auch mal eine Kollegin, die zu mir kam und hat gesagt, ich bin schwanger. Und wie sag ich das jetzt unserem Chef. Aber ich habe sie dann erst mal umarmt und gesagt hey Ich freue mich für dich. Das ist doch super. Also das ist eigentlich echt schlimm, dass Frauen da vor diesem Schritt so Angst haben.

Helen Budiman - Ja ist es. Das ist schlimm, weil die wissen natürlich auch, dass es heutzutage oft noch so ist, dass wenn man aus der Elternzeit zurückkommt, dass man dann oft nicht in der gleichen Position landet, die man davor hatte, dass man irgendwohin anders versetzt wird. Meine Frau ging es so. Die hat vorher in einem großen Elektronikkonzern in sehr hoher Position gearbeitet. Dann war sie zwei Jahre weg, kam zurück und plötzlich musste sie Tätigkeiten erfüllen, die vorher ihre Sekretären erfüllt hat. Eine Frechheit wie mit der umgegangen wurde. Die hat dann recht bald gekündigt, weil sie ein super Angebot eben aus der Schweiz hatte und hat das dann gemacht. Aber im Medizinbereich ist es ja nicht so. In der Medizin, da geht man und da kommt man wieder und man kann nix anderes machen außer Ärztin zu sein. Oder Geburten zu machen oder zu operieren. Aber in vielen anderen Bereichen - habe ich gelernt - ist es eben schon so, dass man leicht ersetzt wird oder dass man dann halt schauen kann, wo man bleibt. Leider.

Julia Rotherbl - Warum ist es eigentlich auch in der Gynäkologie so, dass so wenig Frauen in die Spitzenpositionen kommen? Also irgendwie hat man ja so das Bild im Kopf dass in einer Fachrichtung wo vor allem auch Frau-- was heißt vor allem, wo Frauen behandelt werden, auch Frauen irgendwie gute Karrierechancen haben. Jetzt wenn man sich zum Beispiel die Berufsverbände anschaut in ihrem Bereich, dann ist das Bild leider ein ganz anderes.

Helen Budiman - Das stimmt.

Julia Rotherbl - Warum ist es auch in der Gynäkologie so?

Helen Budiman - Das ist eine sehr gute Frage und ich kann sie vielleicht nur teilweise beantworten. Die Gynäkologie ist halt auch ein operatives Fach, Ja. Und um eine gute operative Ausbildung zu bekommen und eventuell auch diese Weiterbildung zu bekommen, da muss man sich anstrengen, muss man präsent sein und muss man auch Zeit haben. Und bei mir ging es durch viele Zufälle gut. Bei anderen gehts aber nicht gut und wenn man da nicht reüssiert, dann findet man glaube ich schwer den Anschluss. Wenn man Kinder hat. Wenn man keine Kinder hat, dann gelingt es einem schon als Frau in Spitzenpositionen zu kommen.

Julia Rotherbl - Ja, damit schließt sich jetzt eigentlich auch ein Kreis, denn das ist das Thema, mit dem sich dieser Podcast beschäftigt und das wir auch immer am Anfang dieses Podcasts anmoderieren. Denn natürlich gibt's in der Medizin total viele Frauen, aber eben leider nicht in den Führungspositionen. Wir hoffen, dass dieser Podcast für dieses Thema sensibilisiert und dass auch das Gespräch mit Ihnen dazu beiträgt, dass sich was ändert. Ich freue mich sehr, dass Sie da waren.

Helen Budiman - Sehr gerne, hat mich auch sehr gefreut.

Julia Rotherbl - Vielen Dank für das offene Gespräch.

Ich hoffe, diese Folge konnte zeigen, dass Teilzeitmodelle auch in Krankenhäusern und Kliniken möglich sind. Auch in Oberarzt- und vielleicht auch in Chefarztpositionen. Und wenn euch dieser Podcast gefallen hat, dann hört euch doch auch die nächste Folge an. Wir sind zu finden auf Apple Podcasts, Spotify und in eurer Lieblings-Podcast-App. Wir freuen uns, wenn ihr uns abonniert.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheithören.de und Apotheken Umschau Pro.

Redaktion: Julia Rotherbl; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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