In Gremien wie den Ärztekammern, Berufsverbänden oder Fachgesellschaften sitzen aktuell mehrheitlich: Männer. Dr. Christiane Groß gehört dort als Frau immer noch zu einer Minderheit – auch, wenn sich in den letzten Jahren vieles getan hat. Die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes erzählt in dieser Folge, was Frauen davon abhält, sich in Gremien des Berufsstandes zu engagieren und warum das sehr lohnenwert sein kann.

Sie selbst hat unter anderem in der Ärztekammer Nordrhein eine Beratungsstelle für Betroffene sexueller Belästigung im beruflichen Kontext eingerichtet. Auch, weil sie selbst erlebt hat, dass es sowohl im Großen wie im Kleinen häufig zu sexuellen Übergriffen gegenüber Ärztinnen kommt.

Hintergrundinfos

Einen Flyer für Ärztinnen bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gibt es unter https://www.aerztinnenbund.de/downloads/5/Faltblatt_MeToo.pdf

Die Links zu den genannten Studien

Christiane Groß - Ich realisiere es sofort, wenn ich eine Veranstaltung sehe, wo nur Männer Referenten sind. Ich frage mich, ob die Männer es inzwischen auch sehen. Einige sicher.

[INTRO] Frau Doktor, übernehmen Sie

Julia Rotherbl - Herzlich willkommen bei einer neuen Folge unseres Podcasts. In den Chefetagen der Medizinbranche sitzen teilweise nur knapp über 10 Prozent Frauen. Dabei gehen ziemlich viele Frauen eigentlich an den Start. Über 60 Prozent der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Was läuft da schief und wie können es Frauen trotzdem nach oben schaffen? Das will ich herausfinden. Gemeinsam mit Frauen, die uns von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen. Herzlich willkommen beim Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie! Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau.

[INTRO] Ein Podcast von Gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - Und in dieser Folge bei mir zu Gast ist Dr. Christiane Groß. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, hat eine Praxis für Psychotherapie und ist seit 2015 Präsidentin des Ärztinnenbundes. Frau Groß engagiert sich allgemein sehr viel in Gremien des Berufsstandes, z.B. in der Ärztekammer Nordrhein im Ausschuss Digitalisierung der Bundesärztekammer. Und sie gehört damit leider zu einer Minderheit. Denn in diesen Gremien wie eben Ärztekammern - dazu gehören aber auch Berufsverbände oder Fachgesellschaften - sitzen aktuell mehrheitlich Männer. Wir wollen mit Frau Groß darüber reden, warum das so ist und wie man das ändern kann. Herzlich willkommen Frau Groß. Schön, dass Sie da sind.

Christiane Groß - Ja, ich freue mich , dass ich dabei sein darf. Guten Tag Frau Rotherbl.

Julia Rotherbl - Frau Groß, wir starten mit einer Rubrik, die nennt sich Sprücheklopfer und die geht wie folgt. Ich lese Ihnen Sätze vor, die viele Frauen, vielleicht auch unsere Zuhörerinnen schon mal gehört haben. Und wenn es Ihnen auch so geht, dass Sie einen dieser Sätze wiedererkennen, dann klopfen Sie. Und wir sprechen kurz drüber. Bereit? Gut. Dann sage ich den ersten Satz. Dass Frauen im Beruf diskriminiert werden, hab ich noch nie erlebt.

Christiane Groß - Diesen Satz höre ich meistens von Frauen und nicht von Männern. Insofern ist das ein Satz, der unter Frauen gesprochen wird und eben oft dann ausgesprochen wird, wenn jemand frustriert ist oder jemand gehört hat, dass wieder eine Frau es nicht geschafft hat. Und unter dubiosen Umständen komischerweise ein Mann besser war.

Julia Rotherbl - Okay, also, er wird dann eher ironisch verwendet. Dann kommen wir zum nächsten Satz. Eine Frauenquote würde Männer diskriminieren. Lautes Klopfen... In welchem Kontext haben Sie diesen Satz gehört?

Christiane Groß - Ja, also, das ging ja soweit, dass es Artikel in großen, überregionalen Tageszeitungen gibt, wenn wir eine Frauenquote einführen, dass wir dann Männer diskriminieren. Ja, das könnte vielleicht irgendwann mal so sein, dass wir eine Männerquote einführen müssen. Das will ich also nicht außer Frage stellen. Aber im Moment ist es so, dass Frauenquoten natürlich Männer nicht diskriminieren, insbesondere nicht in den Führungspositionen.

Julia Rotherbl - Dann kommen wir zum letzten Satz. Die meisten Frauen wollen überhaupt nicht Chef sein. Auch schon gehört?

Christiane Groß - Natürlich habe ich das schon ganz oft gehört und das hört man eben tatsächlich oft von der männlichen Seite. Wobei ich auch sagen muss, da hat sich auch etwas geändert. Wenn Sie mir den Satz vor zehn Jahren gesagt hätten, hätte ich gesagt „Ja, den höre ich ganz oft.“ Und inzwischen ist es so, dass ich ihn nicht mehr so häufig höre. Und es wird oft damit begründet, dass die Frauen tatsächlich ja sowieso schon so viel zu tun haben und deswegen wahrscheinlich nicht in Führungspositionen wollen, weil sie ja sowieso schon mit Kindern und Beruf an der Stelle einfach schon ausgelastet sind. Natürlich ist das ein Scheinargument. Und insbesondere dann ein Scheinargument, wenn man sich nicht wirklich darum bemühen möchte. Was steckt wirklich dahinter? Warum sind die Frauen so wenig an der Spitze?

Julia Rotherbl - Frau Groß, als Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich mal versucht, tiefer in die Zahlen einzusteigen, was den Frauenanteil in den Gremien des Berufsstandes anbelangt und bin unter anderem darauf gestoßen, dass von 17 Landesärztekammern 13 von Männern geführt werden, dass generell wenig Frauen in vielen Vorständen dieser Gremien sitzen. An der Spitze der Bundesärztekammer steht ein Mann. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung besteht quasi nur aus Männern. Sie kennen diese Zahlen alle sicher. Aber wenn ich sie Ihnen jetzt nochmal so aufzähle – geballt - was ist Ihr erster Impuls?

Christiane Groß - Dass wir noch viel zu arbeiten haben, ist mein erster Impuls. Und trotzdem - ich bin keine, die gerne jammert. Ich gehe lieber voran. Ich möchte dann vielleicht den Blick dahin wenden, wo sich in den letzten 10, 15 Jahren etwas verändert hat. In den Vizepräsidentenposten, also in der zweiten Ebene, hat sich tatsächlich schon etwas verändert. In der ganz oberen Ebene ist es tatsächlich noch schwierig. Aber ich bin immer ein positiv denkender Mensch. Das werden wir auch noch schaffen, dass wir da einen Ausgleich finden. Ja, wir dürfen uns einfach nicht frustrieren lassen.

Julia Rotherbl - Sie sitzen aktuell unter anderem in diversen Ausschüssen der Ärztekammer Nordrhein. Sie sind Mitglied im Ausschuss Digitalisierung der Bundesärztekammer.

Christiane Groß - Genau.

Julia Rotherbl - Sie sind eben auch Präsidentin des ersten Ärztinnenbundes. Wann sind Sie denn eigentlich mit dieser Gremienarbeit das erste Mal in Kontakt gekommen?

Christiane Groß - Das kann ich Ihnen sagen. Es war 1997. Ich war eigentlich mehr zu Hause, weil meine Kinder damals noch relativ klein waren und es Halbtagsstelle in Kliniken überhaupt nicht gab oder fast nicht gab. Und es rief mich ein ärztlicher Kollege aus der Frauenklinik, wo ich früher gearbeitet hatte, an und sagte „Christiane, wir brauchen für die Kammer mal eine Quotenfrau“. Und dann hab ich das Richtige... Dann hab ich so gesagt, wie ganz viele Frauen antworten „Ja, aber was bedeutet das? Wie viel Zeitaufwand macht das?“ Und dann hat er mir gesagt „Ach, weißt du, das ist die Kreisstelle, wir tagen so vier Mal im Jahr. Und überhaupt, du kommst an eine Stelle, wo dir nichts passiert. Also, du kommst an den fünften Platz, vier kommen wahrscheinlich rein. Also, wir wollen einfach nur eine Frau oben haben.“ So war es. Und als ich dann die Liste sah, war ich auf der zweiten Stelle und es kamen nur zwei rein. Und als dann so ein bisschen an mich herangetragen wurde „Ja, du wolltest ja eigentlich gar nicht“, hab ich gesagt, „Ihr wolltet eine Quotenfrau und jetzt habt ihr sie.“ Und das war 1998.

Julia Rotherbl - Ärgert Sie das im Nachhinein, dass Sie eine Quotenfrau waren?

Christiane Groß - Nein, das amüsiert mich, weil ich über Jahre mich gewehrt habe zu sagen „Wir brauchen eine Quote.“ Und erst als ich Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes wurde und mal mit vielen Frauenverbänden mehr in Kontakt gekommen bin und gesehen habe, wie schwierig es wirklich ist für Frauen, konnte ich mich mit der Forderung Quote zurecht finden. Habe aber dann gesagt „Wir brauchen eine zeitweise Quote, bis die Parität erreicht ist“. Und daran glaube ich auch immer noch. Also, ich glaube, wir brauchen jetzt eine Quote und hinterher wird sich das von alleine regeln.

Julia Rotherbl - Dieser erste Posten war ja nur der Anfang. Sie haben sich ja dann im Laufe der Zeit in vielen Gremien engagiert, in vielen Ausschüssen, in den Kammern. Was macht Ihnen Spaß an dieser Arbeit? Was ist das, was sie motiviert, was sie dranbleiben lässt?

Christiane Groß - Am Anfang war es die Erkenntnis, dass man etwas verändern kann, aber dass man erkennen muss, dass diese Veränderungen keine Riesenschritte sind. Ich hab's folgendermaßen beschrieben: Ich habe gesagt, am Anfang schmeißt man ab und zu eine Hand Sand in die Luft und freut sich, wenn ein Körnchen im Getriebe knirscht. Und das hat mir Freude gemacht. Dieses Knirschen, weil es dann irgendwann doch zu Veränderungen kam. Aber tatsächlich muss man sehr zufrieden sein mit kleinen Veränderungen.

Julia Rotherbl - Trotzdem - vielleicht nochmal eine Frage zur großen Veränderung. Was war denn die größte Veränderung, die Sie miterleben durften?

Christiane Groß - In den letzten - ich würde mal sagen - zehn Jahren ist die größte Veränderung tatsächlich, dass viele Frauen aktiviert werden konnten und das sich tatsächlich in den Spitzen und in den - ich sag jetzt einfach mal - in den gesamten Vorstandsgremien doch stark was verändert. 2016 war es so, wenn ich die Vorstände der Ärzteverbände gesehen habe, waren fast keine Frauen drin oder mal eine Alibifrau Und dann hat sich eben doch stark was verändert.

Julia Rotherbl - Trotzdem ist es ja so, dass wir noch weit davon entfernt sind dass gleich viele Frauen wie Männer auf diesen Posten sitzen. Was hält Frauen denn davon ab, sich in diesen Gremien und Berufsverbänden und Fachgesellschaften und so weiter zu engagieren?

Christiane Groß - Ich glaube, in erster Linie einmal ein Zeitproblem. Also, ich kann einfach sagen, ich bin in die Kammerarbeit reingekommen, als meine Kinder langsam größer wurden. Das hätte ich wahrscheinlich mit kleinen Kindern nicht gemacht. Die Gremienstrukturen sind so, dass viele Sitzungen abends stattfinden in der Freizeit. Ich sehe dann, wenn jetzt Frauen dabei sind, sind die danach schnell verschwunden, während die Männer vielleicht dann doch noch ein Bier trinken gehen. Man muss tatsächlich die Strukturen verändern, was wir in der Ärztekammer Nordrhein zumindest zum Teil geschafft haben. Also, ein striktes Zeitmanagement. Also, man kann auch nicht unendlich in irgendwelchen Sitzungen sitzen, sondern man muss wissen, wann hören sie auf. Und dann haben wir in der Ärztekammer Nordrhein eben auch dafür gesorgt, dass Betreuung von Kindern bzw. Ersatz bei Pflege mit in die Reisekostenabrechnung reinkommen konnte. Das war vorher auch nicht so. Also ich glaube, das ist das größte Problem.

Julia Rotherbl - Darf ich ganz kurz nachfragen, hat sich dieses Problem durch Corona ein bisschen verringert? Also, ich meine, wir sind jetzt hier auch per Videokonferenz zusammengeschaltet. Finden nicht auch in diesen Kammern mittlerweile Termine nicht mehr in Präsenz statt?

Christiane Groß - Ja, aber es fehlt natürlich auch was. Es fehlt eben die kleine persönliche Kommunikation, der kleine Blick zwischendurch. Es fehlt einfach ganz viel an Mimik, an zwischenmenschlicher Kommunikation. Ja, es hat sich verändert. Und ich höre das auch von Kolleginnen, die Kinder haben, dass es zum Teil einfacher ist. Aber ich frag mich dann, ob es nicht insgesamt auch die ganze Kommunikation verändert und damit auch die Strukturen jetzt nicht unbedingt nur zum Positiven.

Julia Rotherbl - Frau Groß, kommen wir nochmal zurück zu der eigentlichen Frage, warum sich so wenig Frauen in den Berufsverbänden und Gremien engagieren. Sie wollten da noch einen zweiten Punkt anführen.

Christiane Groß - Genau, ja, also dann ist es auch so, dass Frauen sehr viel schneller auch erkennen, ob es wirklich sinnvoll ist, die Zeit dort zu verbringen und viele Sitzungen...

Julia Rotherbl - Also Frauen hätten es gerne effektiver.

Christiane Groß - Ja, so könnte man sagen. Könnten straffer geführt werden. Ja, und wenn dann also jemand das fünfte Mal wieder das Gleiche sagt, nur in anderen Worten, dann sind Frauen oft genervt. Das heißt nicht, dass es auch solche Frauen gibt. Aber dadurch ist es natürlich so, dass Männer viel mehr gesehen werden. Sie sagen etwas, Frauen bleiben dadurch auch im Hintergrund. Das Problem dabei. Aber dann kommt konsequenterweise von Frauen oft der nächste Schritt und sagt „Das mache ich einmal und kein zweites Mal. Lasst mich in Ruhe damit“. Ja, dann müssen wir wieder Neues suchen für die nächste Kammerlegislatur.

Julia Rotherbl - Wie finden das denn die Männer, dass sie so wenig Kolleginnen haben? Ist da nicht auch mittlerweile so eine Sensibilisierung da, dass auch die männlichen Kollegen sagen „Hey, wir müssen irgendwie gucken, dass wir mehr Frauen an unsere Seite holen?“ Generell ist ja so - man repräsentiert mit diesen Gremien einen Berufsstand, der vor allem weiblich ist. Mit Leuten , die vor allem männlich sind und ...

Christiane Groß - Na ja, vor allem stimmt natürlich nicht. Also, wir sind in einem Berufsstand, in dem 50 Prozent Frauen sind und folglich auch 50 Prozent Männer.

Julia Rotherbl - Wobei, wenn man sich die Studierendenzahlen anschaut, sehr viel mehr Frauen eigentlich an den Start gehen.

Christiane Groß - Genau, wir können ja im Moment nur sagen, wie es im Berufsleben ist. Und da sind wir bei circa 50 Prozent. Frauen sind leicht unter den 50 Prozent. Ja, ich kann einfach auch sagen, auch da hat sich in den letzten 10, 15 Jahren deutlich etwas verändert. Es ist doch ein Bewusstsein da, dass man mit rein männlichen Vorständen die Ärzteschaft durchaus irritiert. Vorgestern habe ich ein Bild gesehen von einem überregional agierenden Gremium Deutschland-Niederlande und war entsetzt, dass da mit einer Selbstverständlichkeit neun Männer die Gesundheitsregion vertreten. Und da gebe ich Ihnen Recht - wenn wir das gesamte Gesundheitswesen angucken, ja dann sind wir bei 80 Prozent wahrscheinlich Frauen, denn da gehört die Pflege dazu, dazu gehören die Hebammen, da gehören auch die Angestellten in den Verwaltungen dazu. Das sind meistens Frauen.

Julia Rotherbl - Auch die Therapeutenberufe natürlich wie Physiotherapie.

Christiane Groß - Genau. Und dann stellen sich neun Männer hin und sagen „Wir vertreten die Gesundheitsregion“. Das fand ich merkwürdig. Da frag ich mich immer, sehen die das wenn sie das Bild ... oder realisieren die das, wenn sie das Bild sehen? Ich realisiere es sofort, wenn ich eine Veranstaltung sehe, wo nur Männer Referenten sind. Das sehe ich sofort. Oder ein Bild, wo nur Männer als Vertreter sind. Ich frage mich, ob die Männer es inzwischen auch sehen. Einige sicher.

Julia Rotherbl - Frau Groß, es geht ja - wenn man jetzt sich diese Gremienarbeit anschaut - natürlich nicht nur darum, dass da einfach gleichberechtigt viele Frauen sitzen, sondern natürlich auch darum, dass Frauen vielleicht bestimmte Themen in diese Gremien tragen und sie auch vorantreiben. Was ist denn Ihrer Meinung nach ein solches Thema?

Christiane Groß - Das ist der weibliche Blick, der oft fehlt auf das Berufsfeld, zum Beispiel die Ärztegesundheit oder die Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte. Dann ist das nächste Thema, dass eben Männer vielleicht gar nicht sehen, wo ist der Block für die Frauen, wo ist diese gläserne Decke? Und auch da ist es notwendig , dass wir in der Kommunikation mit den Kollegen dann auch diese Problematik erarbeiten und klar legen und sagen „Das ist nicht nur eine fiktive Idee der Frauen“ oder „Die Frauen wollen nicht“ wie Sie vorhin schon gesagt haben, sondern das ist tatsächlich eine Hürde. Und diese Hürde hat eben auch im Moment damit zu tun, dass eben zu wenige Frauen in den Spitzenpositionen sind, die dann ihre junge Kollegin nachholen. Frauen in den Ärztekammern könnten ja auch an den Rahmenbedingungen drehen, die zu dieser gläsernen Decke führen.

Julia Rotherbl - Könnten Sie hier ein Beispiel nennen? Was müsste man dann machen?

Christiane Groß - Dann muss man natürlich ganz früh dafür sorgen, dass die Frauen nicht durch Kinder und Elternzeit ihren Karriereknick haben. Und die Mutterschutzgesetzgebung sollte gerade für Frauen im Berufsleben Verbesserungen bringen, haben im ärztlichen und im Gesundheitsbereich letztendlich genau das Gegenteil bewirkt. Das heißt, Frauen sind sofort draußen, wenn sie schwanger sind. Damit verlängert sich die Weiterbildungszeit. Dass Ärztinnen dann anschließend halbtags arbeiten, bedingt weitergehende Verlängerung der Weiterbildungszeit. Das heißt, die Männer, die ganztags arbeiten und keine Elternzeit nehmen oder nur die minimalen zwei Monate, sind viel früher an dem Punkt, wo sie oberärztliche Stellen übernehmen können oder gar Chefarzt werden. Und auch da ist einer meiner Hoffnungen, dass wir gemeinsam das schaffen.

Julia Rotherbl - Und ein Thema, dessen - da bin ich mir sicher - sich auch vor allem Frauen annehmen, ist das Thema sexuelle Belästigung. Sie selbst haben 2020 in der Ärztekammer Nordrhein eine Beratungsstelle für Betroffene sexueller Belästigung im beruflichen Kontext eingerichtet, die bisher einzige in dieser Form für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Sie haben damals in einem Interview gesagt, Sie hoffen, dass die Ärztekammer Nordrhein hier als Vorbild dient und viele andere nachziehen. Ist es denn passiert?

Christiane Groß - Ich muss mich da korrigieren. Zur etwa gleichen Zeit hat die Ärztekammer Niedersachsen, die übrigens von zwei Frauen geführt wird, nämlich Präsidentin und Vizepräsidentin, eine etwas anders geartete aber auch Ansprechstelle für sexuelle Übergriffe eingerichtet. Und soweit ich weiß, sind diese beiden Kammern im Moment immer noch die einzigen, die es haben. Und ich finde, es ist notwendig. Wobei tatsächlich, wenn man realistisch guckt, es sehr wenig genutzt wird. Vielleicht ist es auch einfach noch nicht ausreichend bekannt.

Julia Rotherbl - Wie groß glauben Sie denn, ist das Problem sexuelle Belästigung in den Medizinberufen?

Christiane Groß - Anhand von Zahlen kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber wenn Sie mal fragen, hat jeder irgendwie mal... nicht jeder, aber ganz viele eben schon solche Erfahrungen gemacht. Seien es blöde Sprüche, also sexistische Sprüche, oder eben mal angetatscht zu werden bis hin zu etwas Gröberen, die dann doch wahrscheinlich weniger häufig vorkommen. Aber man muss auch drüber nachdenken... Also, wir haben nicht nur die Übergriffe zwischen den Kolleginnen und Kollegen, sondern wir haben auch Übergriffe von Patientinnen und Patienten an Kolleginnen und Kollegen.

Julia Rotherbl - Haben Sie es denn selber auch schon mal erlebt?

Christiane Groß - Ja, natürlich... Sowohl die dummen Sprüche als auch angepackt zu werden. Und ich kann einfach sagen, als ich das damals erlebt habe, also das Antatschen, da war ich fassungslos und konnte auch gar nicht damit umgehen. Ich wusste, eigentlich hätte ich jetzt eine Backpfeife verteilen müssen. Aber ich wusste auch nicht, was dann passiert. Wo lande ich dann? Oder muss ich dann sofort gehen? Und das war ein sehr ungutes Gefühl.

Julia Rotherbl - Der Kollege war Ihnen quasi in der Hierarchie... stand über Ihnen in der Hierarchie.

Christiane Groß - So kann man es benennen. Oder er war der Ältere, Erfahrenere. Also, auf jeden Fall, ich hab dann eine eigene Lösung gefunden, die für mich in Ordnung war. Ich habe ihm sehr klar auf eine andere Art und Weise eine Grenze gezeigt. Aber was mich erschüttert hat, war, dass es mich beschämt hatte. Dass es mich beschämt hatte, dass so was mir passierte, hätte ich nie für möglich gehalten. Und ich habe tatsächlich erst darüber gesprochen, als die MeToo-Debatte anfing. Habe ich das erste Mal das auch Kollegen und Kolleginnen erzählt, aus dem gleichen Umfeld.

Julia Rotherbl - Kam dann die Rückmeldung, dass Vielen sowas ähnliches auch passiert ist?

Christiane Groß - Ich erinnere mich - ich glaube 2018 - auf einem Kongress der Schweizer Ärztinnen dieses Thema gehört zu haben. Und da ging es tatsächlich auch um Maßnahmen. Wie geht man mit sexuellen Übergriffen um? Und da hat ein Referent ins Plenum reingefragt „Wer hat sowas schon erlebt?“ Und - es waren etwa 80 Prozent der Frauen, die die Hände gehoben haben. Und ich sage aber nochmal, das ist eine schräge Ebene von ganz kleinen sexistischen Sprüchen bis hin zu richtigen Übergriffen. Und das muss man im Kopf haben. Aber erlebt haben ist an dieser Stelle... es waren wie gesagt 80 Prozent.

Julia Rotherbl - Was würden Sie denn Frauen empfehlen, die betroffen sind? Egal ob dieser Übergriff jetzt von einem Patienten ausgegangen ist, von einer Patientin, von einem Kollegen, einer Kollegin?

Christiane Groß - Also, auf jeden Fall es öffentlich machen. Und dazu haben wir ja jetzt die Stelle in der Ärztekammer Nordrhein eingerichtet. Das heißt, hier gibt es eine Ansprechstelle, die kann auch anonym genutzt werden. Zur Frage „Wie gehe ich weiter vor?“ Das ist, insbesondere wenn es gröbere Übergriffe sind, wichtig. Vielleicht auch der Rat „Sie müssen eine Anzeige machen oder wollen Sie uns nicht sagen, wer es ist? Dann können wir ja auch von Kammerseite vielleicht ein gemeinsames Gespräch führen“ bis hin zu juristischer Beratung. Und ich kann einfach nur sagen - Ja, wir müssen endlich mit diesen Übergriffen in die Öffentlichkeit. Wobei auch da natürlich wieder wir auch einen Balance-Akt haben. Denn einiges ist natürlich vielleicht gar nicht so gemeint, wie es dann rüberkam kam. Aber wir haben ja bei Deutschen Ärztinnenbund einen Flyer, den wir zur Verfügung stellen, wo wir dann sagen „Immer dann, wenn derjenige, der es erfährt, meint oder das Gefühl hat, es ist übergriffig, ist es übergriffig“. Das wird natürlich Diskussionen geben, aber das ist erst mal das Recht des Betroffenen oder der Betroffenen.

Julia Rotherbl - Frau Groß, glauben Sie denn, dass ein System, in dem vor allem Männer das Sagen haben, solche Dinge indirekt vielleicht auch begünstigt?

Christiane Groß - Naja, die Männer sehen das alles viel lockerer. Also die Sprüche, das ist doch nichts Wichtiges. Also natürlich, wir kommen aus einer männlich dominierten Gesellschaft. Aber auch da sehe ich es natürlich positiv und sag, es hat sich etwas verändert und die MeToo-Debatte hat etwas auch in den Köpfen der Männer gemacht.

Julia Rotherbl - Frau Groß, vielen Dank, dass Sie mit uns vor allem auch über das Thema sexuelle Belästigung so offen geredet haben. Ich glaube, bei dem Thema ist genau das auch ein wichtiger Punkt, dass man offen darüber redet und dieses Thema aus einer Tabuzone herausholt, damit die Opfer sich auch tatsächlich zu Wort melden und nicht schweigen. Ich würde jetzt gerne zum Abschluss dieses Podcasts kommen. Wir sind in die Aufnahme mit Zahlen eingestiegen und ich würde auch gerne mit Zahlen aussteigen. Und zwar gibt's ja unterschiedlichste Prognosen zum Thema Parität, wann wir diese erreichen werden. Es gibt die Studie „Medical woman on top“, die sagt, dass wir bei den Professuren erst 2051 eine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen haben werden. Es gibt den „Global Gender Gap Report“, der sagt, dass es noch 133 Jahre dauern wird, bis Frauen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich den Männern gleichgestellt sind. Was glauben Sie denn - wenn man jetzt mal sich die medizinischen Berufsverbände und Gremien wie die Kammern anschaut - wann werden dort genauso viel Frauen wie Männer sitzen?

Christiane Groß - Wenn ich meinem Bauchgefühl zuhöre, dann heißt das bestimmt nicht in zehn Jahren, sondern eher in 20 Jahren. Und dann sind wir ja auch schon in der Nähe von den 50ern. Also, optimistischer Weise würde ich sagen 2035. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich so ist. Aber nur, wenn es wirklich weiter so geht. Und wenn ich jetzt sehe , dass zum Beispiel bei den Präsidenten der Ärztekammern jetzt gerade zwei weitere Männer statt zwei Frauen dort sind, dann beginnt manchmal mein Bauch auch an dieser Zahl zu zweifeln. Und ich bin eher bei 2050 oder 2060.

Julia Rotherbl - Frau Groß, wir wünschen uns alle, dass es schneller geht als diese Studien vorhersagen. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch zu diesem wichtigen Thema. Vielen Dank, dass Sie bei uns zu Gast waren.

Christiane Groß - Ja, es hat auch mir Spaß gemacht. Vielen Dank Frau Rotherbl. Und ich komme gerne wieder.

Julia Rotherbl - Und wenn es euch Spaß gemacht hat, zuzuhören, dann freuen wir uns über eine positive Bewertung. Das geht auf Apple Podcasts. Dort oder auf Spotify oder in eurer Lieblingpodcastapp findet ihr auch alle 14 Tage eine neue Folge von uns. Immer am Montag pünktlich zum Wochenstart.

[OUTRO] Ein Podcast von Gesundheit-hören.de Und Apotheken Umschau Pro

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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