Manchmal bekommt die Gynäkologin PD Dr. Mandy Mangler wirklich schlechte Laune. Zum Beispiel, wenn sie darüber nachdenkt, wie wenige Frauen ihr Berufsfeld auf Kongressbühnen oder im Berufsverband vertreten. Und gleichzeitig ist das weiterer Antrieb für sie, alte Strukturen zu entstauben und sich für mehr Gleichberechtigung einzusetzen. Egal, ob nun als Chefärztin an zwei Kliniken, als Mutter von fünf Kindern oder als Podcasterin des „Gyncast“. Für dieses Engagement hat sie mittlerweile auch den Berliner Frauenpreis 2022 erhalten.

Mandy Mangler - Wir wollen ja eine diverse Gesellschaft, wir wollen ja nicht eine Einheitstruktur und jeder macht das gleiche. Aber wir wollen halt Gleichheit, wir wollen Geschlechtergerechtigkeit.

Brandvoice - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Schön, dass ihr alle eingeschalten habt. Von Parität in den Führungsetagen der Medizinbranche sind wir aktuell weit entfernt. Besonders absurd mag das klingen in einem Feld wie Frauenheilkunde. Doch auch hier sind es aktuell vor allem Männer, die die Chefarztstellen besetzen, die auf Kongressen auf die Bühnen treten und die in den Vorständen der Berufsgruppen sitzen. Was läuft da schief? Darum dreht sich der Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Wir unterhalten uns mit Frauen, die uns von ihrem Karriereweg erzählen und Tipps geben, wie man die verstaubten Strukturen verändern kann. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken-Umschau.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Julia Rotherbl - In dieser Folge bei mir zu Gast ist Privatdozentin Mandy Mangler. Sie ist Chefärztin an zwei Kliniken in Berlin und sie ist Mutter von fünf Kindern. Und manche von euch, die gerne Podcasts rund um Medizin hören, kennen sie vielleicht auch. Denn Mandy Mangler ist Host des Podcasts „Gyncast“ des Tagesspiegel. Frau Mangler, ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind und wir uns unterhalten können über Ihr Engagement für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Medizin.

Mandy Mangler - Ja, ich freue mich auch. Hallo.

Julia Rotherbl - Frau Mangler, wir starten diesen Podcast immer mit einem kleinen Spiel. Das nennt sich der Sprücheklopfer. Und dazu lese ich Ihnen Sätze vor, die viele Frauen, vielleicht auch Sie oder unsere Zuhörerinnen im Laufe Ihrer Karriere zu hören bekommen. Wenn Sie einen der Sätze erkennen, dann klopfen Sie und wir sprechen kurz drüber.

Mandy Mangler - Ja.

Julia Rotherbl - Der erste Satz lautet „Es haben sich einfach keine qualifizierten Frauen auf diesen Job beworben“.

Mandy Mangler - Ja, also wahrscheinlich kann ich bei jedem Satz klopfen. Ich antizipiere das schon. Aber klar, das ist halt ein gängiger, gängiger Spruch.

Julia Rotherbl - Wann haben Sie ihn zuletzt gehört?

Mandy Mangler - Permanent höre ich den. Immer wenn ich nachfrage - und ich frage oft nach. Und ich glaube, dass das ja auch der Realität entspricht, dann zum Teil. Aber ich sage dann immer, Naja, Sie müssen halt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Frauen bewerben. Und sie müssen auch netterweise ihre ganze Struktur so ändern, dass sie frauenfreundlich ist und Frauen dann auch gezielt ansprechen.

Julia Rotherbl - Kommen wir zum nächsten Satz der lautet „Die meisten Frauen haben gar keine Lust Chefin zu sein“.

Mandy Mangler – Ja. Genau. Kenne ich auch. Das habe ich zuletzt gehört, vor ganz kurzer Zeit. „Frauen sind einfach zu klug. Sie kümmern sich dann um die Familie und um das Leben und machen einfach nicht Karriere. Weil, Frauen sind viel klüger als Männer“, hat mir so ein anderer Chefarzt gesagt. Wenn dem so wäre, warum sind dann die Männer nicht auch so klug und machen das, ja? Also das ist ein vollkommen bizarres, merkwürdiges Argument. Ich finde das beugt sozusagen unsere ganze Kultur und Philosophie von einer gerechten und gleichen Gesellschaft. Und deswegen finde ich nicht, dass das überhaupt ein Argument ist, was man nehmen möchte. Das ist irgendeine Art Totschlagargument ohne Logik.

Julia Rotherbl - Also das Argument mit der Klugheit kannte ich tatsächlich noch nicht, muss ich sagen. Frauen wären klug genug, nicht Karriere zu machen.

Mandy Mangler – Ja. Was das über uns, unsere ganze Gesellschaft sagt, das ist total merkwürdig. Es ist ja in sich gar nicht logisch. Dann würden wir das, dann wären, die Männer sind dann konsekutiv dumm und machen aber Dinge, die also.. das ergibt gar keinen Sinn.

Julia Rotherbl - Wir gehen gleich zum nächsten Satz „Und wer passt dann auf die kranken Kinder auf?“.

Mandy Mangler - Ja, auch das finde ich ein merkwürdiges Argument. Weil, das sind ja unsere gemeinsamen Kinder, die gehören uns und der Gesellschaft und der Familie. Und die sind ja dann aus mindestens zwei Menschen entstanden, die sich idealerweise beide verantwortlich fühlen. Und das muss man besprechen. Und ganz gut wäre das, wenn man das bespricht mit der Person, mit der man dann Kinder produziert sozusagen, damit man sich da auch schon früh einig ist, weil man wird sich da wundern, was da für verstaubte Ideen gelegentlich noch in manchen Menschen finden.

Julia Rotherbl - Frau Mangler, ich habe Sie ja auch anmoderiert als Chefärztin und Mutter. Sie werden bestimmt auf diese Kombination häufig angesprochen. Ich tue es ja jetzt auch, dass ich Sie darauf anspreche. Ärgert Sie das eigentlich, dass das immer noch nicht selbstverständlich ist, dass man als Frau Mutter sein und Karriere machen kann?

Mandy Mangler – Ja, ne, es ärgert mich nicht. Manchmal, natürlich frage ich mich, wird mein Mann genauso oft angesprochen? Und das wird er natürlich nicht. Von daher. Aber ich kenne es ja nicht anders. Es ist schon okay. Ich wünsche mir aber trotzdem, dass das etwas ist, was jetzt nicht explizit besonders ist oder bzw. besonders, aber dann eben auch den männlichen Part adressiert und mein Mann dann genauso gefragt wird.

Julia Rotherbl - Nach der Geburt Ihres letzten Kindes haben Sie acht Wochen danach wieder in der Klinik gearbeitet. Ich habe auch nach der Geburt meiner Tochter nur acht Wochen Elternzeit genommen. Mein Mann ist dann mit dem Kind zu Hause gewesen und ich habe im Büro abgepumpt. Ich fand das schon eine ziemliche Herausforderung und es interessiert mich natürlich sehr, wie sieht es gemanaged haben, dass sie das Kind tatsächlich auch mit ins Krankenhaus genommen haben?

Mandy Mangler - Gerade so die ersten Wochen fand ich so ein Baby ja jetzt nicht so eine Herausforderung. Die etwas herausfordernde Phase kommt gleich vielleicht auch ein bisschen später dann. Und ich habe das Baby also nach acht Wochen dann mit in die Klinik genommen und hatte eine gute Freundin dabei, auch fünffach Mutter, die mir geholfen hat. Also wir waren dann sozusagen... Mein Baby hatte dann einen eigenen Raum mit der Betreuung zusammen und ich habe das voll gestillt. Dann bin ich eben... war arbeiten und ganz in der Nähe und habe das dann ... bin immer in diesen Raum gegangen, um das Baby hier auch mal auf den Arm zu nehmen, zu betrachten, bei mir zu haben und zu stillen. Genau so war das, ja. So eine befreundete Chefärztin hat zu mir gesagt, „Ja das muss man ja auch wollen“. Also das muss man auch nicht unbedingt machen oder haben. Aber für mich war das gut. Ich hatte die Klinik gerade irgendwie zwei Jahre als Chefärztin geleitet und fand jetzt eine Auszeit von einem Jahr wäre glaub ich viel von meiner Strategie irgendwie erstmal wäre so ein Bruch drin gewesen und das hat mir nicht so gut gefallen von der Idee und ich wollte das einfach weitermachen und das ging dann auch.

Julia Rotherbl - Sie haben ja jetzt gerade schon die Chefärztin erwähnt. Wie handeln, wie waren denn generell die Reaktionen auch von anderen Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten?

Mandy Mangler - Eigentlich eher positiv. Wobei ich natürlich auch jetzt nicht so rezeptiv bin für negative Kritik. Ich wollte das halt gerne. Ja. Ich wollte nicht, Ich wusste auch gar nicht, was ich sonst machen soll, ehrlich gesagt, finde ich. Und deswegen gab es jetzt keine extrem negative Kritik. Ich kann mir vorstellen, dass viele das trotzdem natürlich nicht gut fanden und mir das einfach nicht gefiltert haben oder mir nicht gesagt haben. Aber ich fand mich da ganz angenommen und ich fühlte mich da eher wohl. Wobei es eben auch nicht unanstrengend war natürlich. Diese Zeit, wenn ich jetzt zurückdenke daran, dann war das schon auch eine anstrengende Zeit mit diesem Baby und dann die ganze Arbeit und dem allen irgendwie gerecht zu werden und so.

Julia Rotherbl - Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass eine große Herausforderung für Frauen auf dem Weg nach oben ist, dass die Spielregeln männlich sind. Was meinen Sie damit?

Mandy Mangler - Ich meine damit, dass wir in einer Gesellschaft und in einer Struktur leben, die in weiten Teilen von Männern gemacht wurde. Das sieht man ja auch an den Politikerinnen zum Beispiel. Und an der Vergangenheit, dass die ganzen Strukturen, die wir haben, die ganzen Grundsätze, die Regeln, die Gesetze und so. Die wurden ja zum großen Teil von Männern gemacht, die natürlich andere Herausforderungen damals auch und zu dieser Zeit und auch jetzt noch haben, als zum Beispiel ich habe, oder andere Frauen. Und von daher bewegen wir uns erst einmal in einem Spiel, was nur halt von Männern für Männer erst einmal konzipiert wurde. Und wir beginnen langsam, eigene Regeln und eigene Strukturen in diesem Spiel zu gestalten. Und manche Dinge, die haben sich schon geändert und da konnten wir schon voranschreiten. Aber insgesamt erlebe ich das als relativ langsamen, zähen Prozess und in der Medizin, die Medizin ist per se halt relativ hierarchisch. Und dass wir da eine Situation haben, wo Frauen gleichberechtigt sind, wo sie zum Beispiel genauso oft leitende Positionen besetzen oder genauso oft auf Kongressen sprechen oder die Leitlinienkommissionen besetzen und so weiter. Davon sind wir weit entfernt in der Medizin, leider. Und ich versuche täglich einen Beitrag zu leisten, dass sich das ändert.

Julia Rotherbl - Was würden Sie denn, also, können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen für eine von Männern erschaffene Struktur, für ein für Männer geschaffenes Gesetz im Klinikalltag?

Mandy Mangler – Zum Beispiel allein die Arbeitszeit. Oder zum Beispiel irgendwelche Treffen und Besprechungen in Nachmittagsstunden. Nachmittags finde ich, also so zum Beispiel sagen wir mal ungefähr ab 16 Uhr, von 16 bis 20 Uhr ungefähr ist eine Zeit des Tages, wo alle Kinder, oder wo die meisten Kinder - egal welches Alter sie jetzt haben - eben einer Betreuung und vielleicht auch einer Reflexion mit der Familie bedürfen. Also jemanden, der für sie da ist und sich um sie kümmert. Oder, ja, manche haben vielleicht ihren Familienalltag anders eingerichtet. Aber zum Beispiel mein Familienalltag ist so eingerichtet, dass die Nachmittagsstunden halt betreuungsintensiver sind als die Morgenstunden, weil da sind ja die Kinder in ihren jeweiligen Institutionen. Und von daher kann ich jetzt natürlich nicht so gut in meinen Tag einflechten, Besprechungen, die ausufernd in den Nachmittagsstunden stattfinden. Also kann ich schon, will ich aber nicht. Und deswegen finde ich das halt besser, natürlich, für mich auf meine Familienstruktur und auch auf andere Familienstruktur abgestimmt. Wenn Besprechungen in dieser Zeit nicht stattfinden. Und das ist zum Beispiel im Krankenhaus regelhaft nicht der Fall. Auch andere Dinge. Flexiblere Arbeitszeiten, arbeiten von irgendwie anderen Orten aus oder so. Das ist alles noch nicht so ganz mitgedacht.

Julia Rotherbl - Was würden Sie denn jungen Kolleginnen und vielleicht auch Kollegen raten, die solche Strukturen überwinden wollen?

Mandy Mangler - Ja. Einerseits ist es halt schwierig, weil natürlich diese Strukturen jetzt erstmal da sind und sie sind nicht auf Familien richtig abgestimmt. Andererseits ist es eine günstige Situation, weil man sagen kann - Okay, die Spielregeln, die gibt es noch nicht. Das heißt wir können sie frei gestalten. Wir können jetzt erst einmal sagen, wenn jemand sagt „Ja, das macht man nicht“ oder „Das gibt es nicht“ oder „Das soll so nicht sein“, dann kann man sagen „Moment mal, sagt wer, Ja, wer sagt das?“. Also immer wenn ich diese Sätze höre, dann werde ich total hellhörig, weil dann finden wir meistens Strukturen, die jemand anderes irgendwie bestimmt hat und die überhaupt nicht für mich gelten müssen. Und so kann ich halt, also kann ich mir selber überlegen, wie ich jetzt meine... also wie ich jetzt meinen unmittelbaren, mich umgebenden Bereich mitgestalten möchte und die Spielregeln so bestimmen und ändern möchte, dass sie eben auf Menschen wie mich passen, auf Familien oder Mütter oder, oder, oder.

Julia Rotherbl - Sehen sie sich dann auch als Vorbild?

Mandy Mangler - Also manchmal denke ich, wenn ich das jetzt nicht mache in meiner sehr privilegierten Situation. Ich bin halt Chefärztin, ich habe ein gewisses Standing, ich habe auch breite Schultern. Mir macht es nichts aus, wenn jemand mit einem Finger auf mich zeigt. Mir macht es nichts aus, wenn mich jemand nicht leiden kann und so. Und natürlich weiß ich, dass es jüngeren Menschen und in anderen Positionen schwerer fällt als mir. Und von daher denke ich immer, ich muss jetzt nicht als Vorbild fungieren, aber wenn ich gewisse Dinge nicht mache oder akzeptiere, einfach so, was bedeutet das dann für die anderen, die vollkommen ausgeliefert sind in diesen Strukturen? Ich kann wenigstens noch irgendwie auf den Tisch hauen und sagen, „Ja Moment mal Leute“. Also ich kann mich einfach unbeliebt machen und es macht mir nichts, sozusagen. Von daher ist das so. So sehe ich meine Aufgabe manchmal.

Julia Rotherbl - Ich hatte nämlich hier einen Gast, Frau Natascha Nüssler, die Präsidentin der Gesellschaft der Viszeral- und Gefäßchirurgie, und Sie hat gesagt Sie wäre gerne Vorbild. Aber Sie hat das Gefühl, es funktioniert gar nicht so richtig. Sie sagte quasi, die Kolleginnen, die unter Ihr in der Abteilung arbeiten, die gehen dann doch letzten Endes lange in Elternzeit, kommen in Teilzeit zurück und wechseln auch oft von der Klinik dann in die Praxen nachdem sie Mütter geworden sind. Wie erleben Sie das?

Mandy Mangler - Ja, also da glaube ich, da braucht man jetzt seine eigene Rolle auch nicht zu überschätzen. Weil natürlich ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es reicht jetzt nicht eine Frau, die einem was vorlebt. Wenn jetzt das Eine geschafft hat, weil sie sich unter Anstrengungen irgendwie durchgebissen hat, dann heißt es ja auch nicht, dass erstens dieses Lebensmodell für andere irgendwie so optimal ist oder dass es gleich schon die Welt verändert. Sondern es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, was man an allen Ecken, an allen Enden in Kinderbüchern, in Zeitungen, in Erzählungen, in Allem, ja. Es ist wie, wir leben im Patriarchat. Das ist in jeder Ecke, in der man sich bewegt, halt spürbar. Und wir müssen das halt ändern, wenn wir wollen. ja. Bei mir hat zum Beispiel eine meiner Assistenzärztin gerade gesagt, sie findet es so toll, in meiner Abteilung zu arbeiten, weil dort so viele Frauen als Vorbilder sind. Ich habe halt sehr viele Oberärztinnen auch und diese sind halt unterschiedlich auch Vorbilder natürlich. Und ich versuche nicht die einzige Frau zu sein, die irgendwie toll ist, sondern ich versuche, dass neben mir ganz viele Frauen toll sein können und dass die neben mir wachsen und groß werden. Mir nützt das ja auch nichts, wenn ich irgendwie hier als kleine Einzelkämpferin tolle Sachen mache, sondern mir nützt es viel mehr wenn wir alle gemeinsam stark sind, uns unterstützen und füreinander da sind und uns gegenseitig auch ertragen. Auch das muss man manchmal. Und dann muss man eben auch ertragen, wenn jemand ein anderes Lebensmodell hat. Das ist gar nicht schlimm. Das ist ja schön. Wir wollen ja eine diverse Gesellschaft. Wir wollen ja nicht ein Einheitsstrukturen. Jeder macht das Gleiche. Aber wir wollen halt Gleichheit. Wir wollen Geschlechtergerechtigkeit und nicht irgendwie, der Mann, der ruht sich aus und mault noch rum, weil die Frau nicht so qualifiziert und unzufrieden ist. Das ist doof.

Julia Rotherbl - Gab es denn für dieses Engagement einen Schlüsselmoment, wo sie gemerkt haben „Hey, hier läuft irgendetwas nicht richtig, läuft irgendwas falsch“?

Mandy Mangler – Nein, aber ich beschäftige mich halt schon länger mit dem Thema natürlich. Als Gynäkologin ist es natürlich auch irgendwie naheliegend. Denn dann hab ich eben auch viele Kinder, wo das reflektiert wird, wie deren Situation ist und wie auch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern ist. Und ich habe dann... also eigentlich bin ich gynäkologische Onkologin. Also ich behandle sehr gerne Krebserkrankungen und operiere gerne und dann habe ich angefangen diesen Podcast zu machen und habe eben ein Leben irgendwie begleitet in dem Podcast. Das Leben einer Frau. Von Anfang bis Ende. Und egal, in welche Ecke ich in das Leben einer Frau gucke, ist immer irgendwie was dabei wo ich denke, Moment mal, das ist aber ungerecht. Das ist diskriminierend. Das ist nicht in Ordnung. Es geht von Catcalling auf der Straße über blöde Sprüche, über sexuelle Belästigung, über natürlich noch viel schlimmere Sachen wie Femizide und sexualisierte Gewalt. Es geht aber auch strukturell in Karrieren, in medizinischer Behandlung überall. Alles was ich mir im Leben einer Frau angucke, ist ungerecht und wir haben den Mann als Standard. An dem orientieren wir uns und dann messen wir die komplette Frau danach und kategorisieren sie und würdigen sie herab, in ganz vielen Bereichen. Und ich finde es einfach unfassbar, ja.

Julia Rotherbl - Das hört sich jetzt alles sehr negativ an. Und ich habe jetzt auch noch gleich ein paar Zahlen, die das ein bisschen stützen. Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass es in Berlin 25 chefärztliche Gynäkologiestellen gibt, von denen nur zwei von Frauen besetzt sind.

Mandy Mangler – Genau, es waren vier, jetzt sind zwei gegangen und jetzt sind wir nur noch zwei. Genau.

Julia Rotherbl - Und der Berufsverband hat ja, obwohl vor kurzem Neuwahlen waren, quasi seinen Vorstand auch vor allem mit Männern besetzt. Und Sie selber haben ja auch gesagt, dass bei Vorträgen auf Kongressen vor allem die Vortragenden Männer sind. Wenn Sie das jetzt alles so geballt hören, was löst das in Ihnen aus?

Mandy Mangler – Ja, also ich kriege schon gelegentlich schlechte Laune muss ich sagen. Also Beispiel mit diesen mit diesen Kongressen. Also da habe ich dann halt gynäkologische Kongresse, ja. Also wir sprechen über Kongresse der Frauenheilkunde und das ist ja mein Bereich. Dass ich mich halt um die Frauen Medizin kümmere. Und dann hab ich also eine Statistik erhoben, weil ich dachte, „Moment mal, das ist irgendwie alles nicht so ganz gerecht verteilt“. Dann habe ich über mehrere Jahre, führe ich jetzt eine Statistik und gucke mir an bei gynäkologischen Kongressen, zu denen ich eingeladen werde, also ich screene die jetzt nicht strukturiert alle durch, sondern die Kongresse, zu denen ich eingeladen bin, wie ist da die Frauenquote? Und dann hab ich festgestellt, dass die irgendwie 17% ist insgesamt. Also unter den Referentinnen und so weiter, wenn man alles zusammennimmt. Und da habe ich dann schon gelegentlich sehr schlechte Laune, wenn ich drüber nachdenke. Ich versuche das nicht. Also ich versuche, das nützt natürlich nichts, wenn wir jetzt alle mies draufkommen. Das bringt uns nichts und es bringt mir auch nichts, wenn ich dann irgendwie schlechte Laune bekomme und irgendwie rum maule und vielleicht auch noch andere Dinge tue, sondern ich versuche das dann halt irgendwie in Konstruktives umzusetzen, zum Beispiel diesen Podcast oder andere Dinge, dass ich in meiner Abteilung so strukturiere und meinen Wirkungsbereich konstruktiv betrachte und immer mitdenke, die Frauen und die Familien und die Strukturen mitdenke, die ich für mitdenkenswürdig halte. Die keiner mitdenkt, die keine Stimme haben und ich versucht dem halt eine Stimme zu geben sozusagen. Also ich versuche diese - sagen wir mal - diese negative, die entstehende negative Energie, und die ist einfach da, weil das ist einfach ungerecht, und das kann man sich jetzt nicht schönreden. Ich versuche das konstruktiv umzusetzen, im Sinne meiner eigenen psychischen Gesundheit auch. Ja.

JR- Was lässt sie denn am Ball bleiben? Was motiviert sie?

Mandy Mangler - Mich motiviert natürlich, das ist natürlich interessant ist, also muss man ganz ehrlich sagen, es ist natürlich irgendwie schon auch sehr unterhaltsam, diese verstaubten Strukturen sich anzugucken und mit dem Finger drauf zu zeigen. Also weil das natürlich irgendwo mir ein gutes Gefühl gibt, gemeinerweise. Das ist natürlich ein bisschen gemein, das jetzt zu sagen. Aber so ist es halt, dass verstaubte Strukturen ich gerne, also ich entferne, gerne alte Zöpfe, das macht mir halt Spaß. Aber natürlich tue ich es auch, weil ich denke, dass ich den nachfolgenden Generationen das irgendwie schuldig bin und auch den Menschen in meinem Umfeld schuldig bin, die keine Stimme haben, denen ich eine Stimme geben kann. Und ich denke mir auch, dass ich für meine Kinder, egal ob Söhne oder Töchter, halt jetzt nicht so gerne hätte, dass die das gleiche wieder aufrollen müssen, diese ganze Geschichte. Sondern dass die vielleicht Strukturen treffen, die Menschen wie wir jetzt heutzutage geändert haben und angepasst haben, sodass es eine gerechtere Situation gibt.

Julia Rotherbl - Frau Mangler, das hoffen wir auch. Ich finde mit Ihnen hat dieses Thema eine sehr schöne Stimme.

Mandy Mangler – Danke.

Julia Rotherbl - Ich freue mich sehr, dass Sie bei uns zu Gast waren. Vielen Dank.

Mandy Mangler – Ja, vielen Dank auch.

Julia Rotherbl - Das war mein Gespräch mit Mandy Mangler, die auch selber einen Podcast hostet, nämlich „Gyncast“ vom Tagesspiegel. Jeden, der sich für Frauenförderung und Frauengesundheit interessiert, sei dieser Podcast ans Herz gelegt. Unbedingt reinhören. Ich kann Frau Mangler nur Recht geben. Wir sollten uns gegenseitig unbedingt supporten, denn am Ende haben wir alle dasselbe Ziel. Mehr Sichtbarkeit von Frauen. Wer sich für unseren Podcast interessiert und uns noch nicht abonniert hat - schnell nachholen. Das geht auf Apple Podcasts und auf Spotify. Eine neue Folge gibt es alle 14 Tage Immer montags.

Brandvoice - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Julia Rotherbl, Yves Seissler, Anja Kopf

Darum geht es in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

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