Die Corona-Fallzahlen in Deutschland könnten nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) in der kommenden Zeit dynamisch anwachsen. «Es ist damit zu rechnen, dass sich im weiteren Verlauf des Herbstes und Winters der Anstieg der Fallzahlen noch beschleunigen wird», schreibt das Institut in seinem neuen Wochenbericht zur Pandemie, der am Donnerstagabend erschienen ist. Auch Intensivmediziner schlagen Alarm, weil mangels Pflegepersonals viele Intensivbetten nicht mehr betrieben werden könnten.

Experten befürchten, dass es im Winter 2021 in Deutschland eine ausgeprägte vierte Infektionswelle geben wird

Experten befürchten, dass es im Winter 2021 in Deutschland eine ausgeprägte vierte Infektionswelle geben wird

Intensivmediziner warnen vor eingeschränkter Versorgung

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) teilte am Donnerstagabend mit, es sei in der kommenden Zeit «mit einer spürbaren Einschränkung in der Versorgung der Bevölkerung zu rechnen». Derzeit seien 22 207 Intensivbetten als betreibbar gemeldet, zu Jahresbeginn seien es 26 475 gewesen. Die vergangenen Monate hätten zu einer Verschlechterung der Stimmung und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt, so die Divi.

Auf Intensivstationen fehlen Pflegekräfte: Jedes dritte Bett betroffen

Immer mehr Betten auf Deutschen Intensivstationen sind gesperrt und stehen nicht mehr zur Verfügung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter 643 Intensivmedizinern. Bereits jetzt (Stand 20. Oktober 2021) seien 20 Prozent der maximal betreibbaren High-Care-Betten, in denen Patienten invasiv beatmet werden können, sowie 35 Prozent der Low-Care-Betten auf Intensivstationen gesperrt.

«Eine absehbar schwere Herbst- und Winterwelle» mit vielen Covid-19-Patienten, aber auch Erkrankten mit anderen Atemwegsinfektionen wie Grippe könne die Intensivmedizin in Deutschland «erneut an und über ihre Grenzen bringen», wurde Stefan Kluge zitiert, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Derzeit über 1500 Covid-Patienten auf Intensivstation

«Die eigentliche 4. Welle hat jetzt begonnen und nimmt weiter Fahrt auf», schrieb Divi-Experte Christian Karagiannidis bei Twitter. Es gebe noch immer eine sehr enge Korrelation zwischen Inzidenz und Neuaufnahmen auf Intensivstationen. Dort ist die Zahl der Covid-19-Patienten laut Divi-Intensivregister mittlerweile wieder auf rund 1540 angestiegen (Stand: Donnerstag).

Mehr Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen

Laut RKI-Bericht sind wieder vermehrt Ausbrüche in medizinischen Einrichtungen sowie in Alten- und Pflegeheimen bekannt geworden. Erstmals seit der Woche vom 3. bis 9. Mai sei die Sieben-Tage-Inzidenz bei Menschen über 90 Jahren vergangene Woche wieder auf über 50 gestiegen. Mit Hygienemaßnahmen und zunehmender Durchimpfung seien solche Ausbrüche zwar deutlich zurückgegangen, sie träten aber weiterhin auf und beträfen auch Geimpfte, hieß es. Hochaltrige sind besonders gefährdet, bei einer Corona-Infektion schwere und tödliche Verläufe zu erleiden.

In den ersten 16 Monaten der Corona-Pandemie könnten nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 115.000 Pflegekräfte weltweit an Covid-19 gestorben sein.

Allgemein schreibt das RKI, es sei «erwartbar», dass mit der Zeit mehr Impfdurchbrüche verzeichnet werden, Erkrankungen bei vollständig Geimpften mit Corona-Nachweis durch einen PCR-Test. Das liege daran, dass immer mehr Menschen geimpft seien und sich das Virus derzeit wieder vermehrt ausbreite. «Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen.» Schwere Krankheitsverläufe sind laut RKI bei Geimpften sehr selten.

Viele Covid-Fälle bei Johnson & Johnson-Geimpften

Aufgefallen war in Deutschland ein hoher Anteil von Infektionen nach der Einmalimpfung mit Johnson & Johnson. Menschen, die diesen Impfstoff bekommen haben, empfiehlt die Ständige Impfkommission mittlerweile unabhängig vom Alter, den Schutz mit einer zusätzlichen Dosis mRNA-Impfstoff zu verbessern.

Deutlich höhere Inzidenzen als Senioren verzeichneten laut RKI-Bericht wie bereits in den Vorwochen jüngere Altersgruppen, in denen die Impfquoten niedriger sind. Bei den Kindern und Jugendlichen von 10 bis 14 Jahren waren es vorige Woche 182 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner. Aber auch bei Menschen im mittleren Alter (35 bis 44) lagen die Inzidenzen über dem Durchschnitt.

Appell, Verhaltensregeln weiter einzuhalten

«Insbesondere bei jetzt deutlich steigenden Fallzahlen sollte unabhängig vom Impf-, Genesenen- oder Teststatus das grundsätzliche Infektionsrisiko und der eigene Beitrag zur Verbreitung von Sars-Cov2 reduziert werden», appellierte das RKI. Alle Menschen wurden aufgerufen, weiter die Verhaltensregeln zum Schutz vor Ansteckungen einzuhalten (Abstand, Hygiene, Maske, Lüften, Corona-Warn-App).

Unnötige enge Kontakte sollten laut RKI-Empfehlung reduziert und «Situationen insbesondere in Innenräumen, bei denen sogenannte Super-Spreading-Events auftreten können» möglichst gemieden werden.

Zuspitzung der Corona-Lage in Russland und Großbritannien

1. Russland: Angesichts immer neuer Höchststände bei den Corona-Zahlen in Russland sollen vom 28. Oktober bis 7. November 2021 in der Hauptstadt Moskau Geschäfte und viele Freizeiteinrichtungen eine Woche lang schließen. Für diese Zeit gelten landesweit von Präsident Wladimir Putin verordnete arbeitsfreie Tage, um eine weitere schnelle Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen.

Seit Wochen spitzt sich die Lage in Russland mit seinen 146 Millionen zu. Am Donnerstag wies die Statistik mit 1036 Corona-Toten innerhalb eines Tages einen neuen Höchststand aus. Zudem gab es mehr als 36 300 Neuinfektionen - so viel wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Die Regierung sieht die Hauptursache in der geringen Impfquote. Lediglich etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind demnach abschließend geimpft.

2. Großbritannien: Großbritannien hat inzwischen eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bereits Mitte Oktober bei etwa 450, Tendenz steigend. Die als Impfwunder gefeierte Kampagne - die zu Beginn viel schneller anlief als in vielen EU-Ländern - gerät bei den Auffrischungsimpfungen für Ältere und den Jugendlichen ins Stocken.

Zuletzt kletterte die Zahl der registrierten Neuinfektionen auf beinahe 50 000. Die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen liegt bei fast 1000. Am Dienstag erreichte die Zahl der gemeldeten Corona-Toten mit 223 einen Stand wie zuletzt im März.