Sollte die Rezeptpflicht für Viagra fallen? Ein Pro und Contra
Pharmazeutische Hilfsmittel wie Viagra sind erprobt, wenn es um Erektionsprobleme geht. Die Frage ist: wie einfach sollten Männer an diese Medikamente kommen?
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Pro: „Abgabe über Apotheken ist eine Chance“, meint Medizinredakteur Tim Farin
„Es ist höchste Zeit, die Tabuzone zu verlassen. Sex und sexuelle Gesundheit bei Männern sollten zu ganz normalen Thema werden. Männern dürfen beim Sex nicht nur prahlen – sondern auch über die Mühen des Alltags reden. Damit es ihnen und ihren Partnerinnen und Partnern besser geht. Es ist deshalb an der Zeit, den Umgang mit einem bewährten Hilfsmittel gegen Erektionsstörungen zu vereinfachen. Der Wirkstoff Sildenafil sollte besser zugänglich sein.
Es ist Fakt, dass erektile Dysfunktion (ED) sehr vielen Männern zu schaffen macht. Je älter sie werden, desto relevanter wird das Problem. Schaut man sich die Untersuchungen zur Häufigkeit an, so sind Millionen Männer allein in Deutschland betroffen. Es ist verantwortungsvoll, diesen Menschen und auch ihren Partnern beim Verbessern ihres Sexuallebens zu helfen. Natürlich gab es historisch für eine ärztliche Verschreibungspflicht gute Argumente, nicht zuletzt die möglichen kardiologischen Probleme, für die ED ein Vorbote sein kann. Aber das Wissen ist gewachsen. Besonders ernst nehmen, da potenziell tödlich, muss man die Wechselwirkung mit Herzmedikamenten.
Aber das tun auch Apothekerinnen und Apotheker. Sie sind qualifiziert und kompetent, diese Aspekte im Blick zu behalten – und Patienten den fälligen Arztbesuch nahezulegen. Solche Worte von Spezialisten hinterm Tresen hätten Gewicht. Das wäre eine Chance zum Einstieg in eine Behandlung, auch beim Arzt.
Tim Farin, Medizinredakteur
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Dass dieser Weg alles andere als unverantwortlich ist, zeigt der Blick über die Grenzen. In Großbritannien, Schweden und Polen ist Viagra längst ohne Rezept zu haben. Ob und wie die Apotheken informieren, lässt sich dort studieren – und im Zweifelsfall hierzulande noch verbessern. Die Abgabe der bewährten Medikamente über Apotheken ist kein Dammbruch. Sie ist eine Chance. Man kann das an anderen Beispielen sehen. Viele Mittel waren früher nur auf Rezept erhältlich: Menschen mit gelegentlich starkem Sodbrennen können sich dank Omeprazol sehr effektiv helfen, bei entzündeten Gelenken nützt Ibuprofen – und auch die „Pille danach“ ist über die Apotheke rezeptfrei.
Das zeigt: Betroffene haben ohne Terminprobleme einen bewährten, kompetenten Ansprechpartner. Bei Problemen mit der Sexualität ist das umso relevanter. Der Gang zum Urologen ist für viele Männer schambehaftet. Der Bezug von Mitteln aus dem Internet ist eine verlockende und riskante Alternative. Merkwürdig, dass es diese Angebote überhaupt noch gibt.
Je niedrigschwelliger der Zugang zu bewährten Hilfsmitteln und Beratung, desto eher gelingt auf gesellschaftlicher Ebene ein besserer Umgang mit Sexualität
Je niedrigschwelliger der Zugang zu bewährten Hilfsmitteln und Beratung, desto eher gelingt auf gesellschaftlicher Ebene ein besserer Umgang mit Sexualität. Das macht es auch jedem Einzelnen in der Partnerschaft einfacher, über diese schwierigen Themen zu reden. Gesunde Sexualität ist für Menschen wichtig. Sie erhöht die Lebensqualität, sie verbessert die Gesundheit. Je niedriger die Hemmschwelle ist, ehrlich darüber zu reden, desto besser. Auf diesem Weg ist die rezeptfreie Abgabe von Sildenafil ein wichtiger Schritt.“
Contra: „Rezeptpflicht sorgt dafür, dass diejenigen zum Arzt gehen, die Hilfe brauchen“, meint Dr. Christian Heinrich, freier Medizinjournalist
Dr. Christian Heinrich, freier Medizinjournalist
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„Auf den ersten Blick ist es die alte Auseinandersetzung: Freiheit oder Kontrolle? Sind wir liberal und billigen den Menschen Selbstbestimmung zu, dann sollte Sildenafil auch ohne Rezept in der Apotheke gekauft werden können. Setzen wir dagegen eher auf Kontrolle, dann sollte die Rezeptpflicht bestehen bleiben, sodass ein Arzt zwischengeschaltet ist. So formuliert scheint die Antwort eindeutig: Die Menschen sollten die blaue Pille doch eigenverantwortlich kaufen können, schließlich ist es ihre Sache, ob und wann sie Viagra einnehmen für einen besseren Sex. Doch so einfach ist es nicht.
Zunächst einmal sind da die möglichen Nebenwirkungen von Sildenafil. Klar, Ibuprofen hat auch Nebenwirkungen, die meisten Menschen wissen, dass es bei langfristiger Einnahme in hohen Dosen den Magen angreift und die Entstehung von Magengeschwüren fördern kann – trotzdem ist es ohne Rezept erhältlich. Die Nebenwirkungen von Sildenafil sind spezieller: So kann es etwa bei gleichzeitiger Einnahme bestimmter Herzmedikamente zu einem verstärkenden blutdrucksenkenden Effekt kommen, was zu einem Schock oder schlimmstenfalls sogar zum Tod führen kann.
Es braucht einen Arzt, der die eingenommenen Medikamente des Patienten kontrolliert und dann entscheidet, ob Sildenafil gefahrlos verordnet werden kann oder nicht
Es braucht einen Arzt, der die eingenommenen Medikamente des Patienten kontrolliert und dann entscheidet, ob Sildenafil gefahrlos verordnet werden kann oder nicht. Aber selbst wenn man das nur als speziellen Fall abtut – was man eigentlich nicht tun sollte – es spricht auch noch etwas Grundsätzliches gegen eine Aufhebung der Rezeptpflicht von Sildenafil. Denn die Erektionsstörung ist häufig kein isoliertes Problem. In einigen Fällen kann sie ein Vorbote sein für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, die bis heute Todesursache Nummer eins sind. Nicht ohne Grund sagt man auch: Der Penis ist die Antenne des Herzens. Große Studien zeigen, dass es bei zwei Dritteln der Patienten mit Erektionsstörungen innerhalb von drei bis fünf Jahren nach der Diagnose zu einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall kommt.
Wer eine Praxis wegen Erektionsstörungen aufsucht, bekommt normalerweise das gewünschte Rezept für ein Medikament mit dem Wirkstoff Sildenafil. Und – entscheidend – der Arzt schaut sich meist das Herz- und Gefäßsystem etwas genauer an oder überweist für einen Termin an einen Kardiologen. Liegen Probleme vor, können sie früh angegangen und Folgeschäden verhindert werden. Kein Schlaganfall, kein Herzinfarkt, weil die Gefahr rechtzeitig erkannt und gebannt wurde: dank Arztbesuch, dank Rezeptpflicht. Deshalb ist es gut, dass Sildenafil weiter verschreibungspflichtig bleibt: Weil die Rezeptpflicht dafür sorgt, dass gerade diejenigen zum Arzt gehen, die Hilfe brauchen – und so in Bezug auf die Gesundheit und Selbstbestimmung wahre Freiheit verschafft.“



