Frau Bentele, wenn Menschen ohne Behinderung jemanden treffen, der nicht sehen oder gehen kann, ist der erste Impuls: Ich muss helfen ...

Das ist genau der Punkt. Viele Menschen mit Behinderung sind extrem geübt darin, mit ihrem Handicap umzugehen. Andere haben die Behinderung im Alter bekommen und müssen sich gerade neu orientieren. Da Außenstehende das nicht wissen können, bitte nicht pauschal von Hilflosigkeit ausgehen! Behinderung heißt oft nur, dass man Dinge anders regelt. Dass man etwa einen Rollstuhl nutzt. Dass jemand, der nicht hört, von den Lippen ablesen kann. Oder dass man gelernt hat, andere anzuleiten: "Stellen Sie sich mal bitte hinter mich und heben Sie den Rollstuhl so und so an."

Welches Verhalten wünschen Sie sich?

Einfach fragen, ob Hilfe gewünscht ist und, wenn ja, welche. Was ich gar nicht leiden kann, und das weiß ich auch von anderen Menschen mit Behinderungen: Wenn ich, etwa vor einer Treppe, am Arm oder Rucksack gepackt werde. Das macht mein Leben definitiv nicht sicherer und nicht einfacher. Dann erwarten die Leute auch noch, dass ich sage: "Vielen Dank!"

Erleben Sie das öfter?

Immer wieder. Zum Beispiel wenn ich in hohem Tempo auf eine Rolltreppe zulaufe. Ich habe es oft eilig, ich gehe aber sowieso schnell, weil ich Leistungssportlerin war. Dann schnappt mich irgendjemand am Oberarm – dabei weiß ich schon, was ich mache! Viele Menschen mit Behinderung finden es auch nervig, angestarrt zu werden. Der beste Weg ist wirklich, zu fragen.

Fällt Ihnen ein positives Beispiel ein?

Neulich stand ich am Bahnhof, und die S-Bahn fiel aus. Dann rennen ja immer alle wie verrückt zum Ersatzbus, damit sie ja als erstes einen Platz kriegen. Da hat mich eine junge Frau gefragt: "Hey, soll ich dich einfach mitnehmen? Der Weg zum Ersatzbus ist relativ umständlich." Das fand ich total klasse, ein Angebot zu bekommen von jemandem, der nicht nur schaut, dass er selbst schnell wegkommt.

Was hat die Corona-Pandemie für Sie verändert?

Wenn man nicht sieht, ist es natürlich viel, viel schwieriger, auf Abstand zu achten, sei es in der U-Bahn oder im Supermarkt. Oder auf dem Markt: Wo ist das Ende der Schlange? Da frage ich dann einfach und bekomme in der Regel auch einen Hinweis. Ich möchte mich ja nicht ungewollt vordrängeln.

Brauchen wir mehr Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung?

Klar. Wir brauchen mehr gemeinsame Erfahrungen, quer durch den Lebenslauf – von der Kita bis zum Sportverein, und natürlich auch im Beruf. In den vergangenen Jahren ist schon einiges passiert, es gibt immer mehr Menschen mit Behinderung, die voll im Arbeitsleben stehen. Aber insgesamt ist es immer noch deutlich zu wenig. Jahrzehntelang war die Sonderwelt das Normale – Menschen mit Behinderung haben in speziellen Einrichtungen gelebt, waren in Förderschulen, haben in Werkstätten gearbeitet. Viele Menschen ohne Behinderung hatten keine Nachbarn oder Kollegen mit Behinderung. Das ändert sich gerade, aber sehr langsam.

Sie sind viele Jahre Spitzensportlerin gewesen, waren bei den Paralympics erfolgreich. Helfen solche internationalen Wettkämpfe, Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sichtbarer zu machen?

Das würde ich schon sagen. Vor allem macht es die Spitzenleistungen sichtbar, die Menschen mit Behinderung erbringen können. Das hat die Perspektive vieler Menschen schon geändert. Wenn zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer bei uns im Team gefragt wurde: "Krass, wie kommst du mit 60 Stundenkilometern den Berg runter, auf einer Kufe?" Dann kam der natürlich mit der Gegenfrage: "Und du, kannst du Skifahren?". "Nein, kann ich nicht." "Ach, interessant, wie kann man eigentlich überhaupt nicht Skifahren?". Deswegen sind Menschen mit Behinderung, die im Sport, in der Kunst oder im Berufsleben erfolgreich sind, immer auch ein Vorbild und ändern eine Perspektive. Auch um dieses Bild der Hilflosigkeit zu korrigieren. Die Leute haben immer die Vorstellung im Kopf: Menschen mit Behinderung wird geholfen – aber nicht, Menschen mit Behinderung helfen auch anderen.

Woran denken Sie da?

Zum Beispiel an eine Mitschülerin, die mit mir zusammen Abitur gemacht hat. Sie ist heute Sozialarbeiterin und arbeitet mit obdachlosen Menschen. Diese Berufswahl ist spannend. Das sind Geschichten, die sich wirklich lohnen, erzählt zu werden! Sie ist diejenige, die Menschen Unterstützung gibt, und nicht allein die, die als blinde Person auf die Unterstützung anderer angewiesen ist.

Als Sie 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung wurden, waren Sie die erste Person in diesem Amt, die selbst eine Behinderung hat. Warum hat das so lange gedauert?

Gute Frage. Ich finde das auch strange. Es gibt noch zu wenig Menschen mit Behinderungen in Parteien, vor mir waren die Beauftragten jedoch immer Abgeordnete oder ehemalige Abgeordnete. Das hat sich jetzt geändert. Ein anderer Grund ist sicher auch, dass viele irgendwie immer noch der Meinung sind, die Interessen von Menschen mit Behinderung können noch besser von anderen vertreten. Dieses Denken ist irritierend, bei Frauenbeauftragten kämen nur sehr wenige darauf, dass es Männer gut oder sogar besser machen können.

Ist es für Sie vorstellbar, dass künftig jemand in dieses Amt kommt, ohne eine Behinderung zu haben?

Nein, das ist kaum vorstellbar und ist kein erstrebenswertes Ziel. Vielleicht wird es irgendwann mal wieder jemand machen, der einen Bezug zum Thema hat durch einen Angehörigen mit Behinderung. Es ist extrem wichtig, das eigene Erleben zu haben und natürlich auch Fachwissen.

Passiert es Ihnen häufig, dass Ihre Sehbehinderung der Aufhänger für ein Gespräch ist?

Viele Menschen nehmen Kontakt zu mir auf und stellen Fragen zu meinem Leben ohne zu sehen. Ich kann das zwar verstehen, weil es für viele etwas Neues ist. Aber Menschen sind doch viel mehr durch andere Dinge bestimmt als durch ihre Behinderung. Als VdK-Präsidentin arbeite ich in einem Verband mit vielen älteren Leuten und mit vielen Männern in den Gremien – in diesem Umfeld weiß ich oft nicht, was die größere Herausforderung ist: Als Frau Präsidentin zu sein? Als jüngerer Mensch? Dass ich nicht sehen kann, ist das geringste Thema.

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