Herr Benkert, Sie selbst sind bereits geimpft. Hat sich für Sie durch den Schutz etwas verändert?

Sicherlich. Es ist einfach entspannter, wenn in der Apotheke alle geimpft sind. Wir haben von Anfang an Schutzmaßnahmen ergriffen, Plexiglaswände etwa plus zusätzlich die Pflicht, Masken zu tragen. Als wir mit den Schnelltests angefangen haben, war im Team schnell klar: Dann müssen wir auch geimpft sein – als Schutz für uns und die Kundinnen und Kunden.

Gab es überhaupt eine Diskussion in ihrem Team, ob sich einzelne Personen nicht impfen lassen wollen?

Natürlich wurde über Sinn und Zweck der Impfung diskutiert. Aber als Angehörige der Gesundheitsberufe war uns Allen klar, dass die Vorteile, geimpft zu sein, ganz deutlich überwiegen.

Die Zahlen sind generell ziemlich beeindruckend. Fast 90 Prozent der Apothekenteams sind bereits geimpft. Was machen die Apotheken hier richtig?

Vielleicht können wir als Arzneimittel-Fachleute den Nutzen einer Impfung besser abwägen gegen die Risiken einer Coronainfektion und deren Spätfolgen.

Aktuell stockt die Corona-Impfkampagne in Deutschland. Was kann denn die Apotheke vor Ort tun, damit sich das ändert?

Aufklärungsarbeit. Wir sprechen die Menschen darauf an, ob sie bereits geimpft sind und versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen.

Mit welchen Argumenten?

Ich bin der Meinung, man muss an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen appellieren. Die Pandemie ist ein globales Problem, das unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Auch wenn man selbst jung und fit ist, gilt es jetzt, sich selbst, aber vor allem auch die Anderen zu schützen.

Was ist Ihrer Meinung der wichtigste Grund, warum sich Menschen nicht impfen lassen?

Zum einen war am Anfang nicht genug Impfstoff verfügbar und deshalb der Anmeldevorgang so kompliziert. Ich musste mich registrieren, bekomme dann irgendwann einen Termin vorgeschlagen, muss in ein Impfzentrum fahren. Zum anderen ist da die jüngere Generation zwischen 25 und 30. Da gibt es kaum einen Arztkontakt. Diese Menschen zu erreichen, das ist echt schwer. Wir müssen den Nutzen der Impfung auch für die Jüngeren verdeutlichen und so die Impfbereitschaft gerade bei der jüngeren Generation noch wesentlich erhöhen. Der Zugang zur Impfung muß für die Menschen deutlich einfacher möglich sein.

Durch die Pandemie hat sich in den Vor-Ort-Apotheken ziemlich viel verändert – nicht nur durch die Impfkampagne. Bewerten Sie die Veränderungen positiv?

Oh ja, die Apotheken vor Ort haben bewiesen, dass sie neben der Abgabe von Arzneimitteln und der damit verbundenen Beratung erheblich mehr leisten können. Desinfektionsmittelherstellung, Verteilung von Masken, Durchführen von Schnelltests, Ausstellen des digitalen Impfpasses: Die Apotheken haben jede Aufgabe, die ihnen aufgetragen wurde, aufgegriffen und zeitnah und problemlos umgesetzt. Die Apotheken vor Ort haben damit bewiesen, dass sie in der Krise ein verlässlicher Partner im Gesundheitswesen und zur Übernahme weiterer Aufgaben bereit sind.

Wie wollen Sie diese Entwicklung nach der Pandemie weiterführen?

Neben den gerade genannten Dienstleistungen sehe ich ein weiteres großes Potential im Medikamentenmanagement. Die Apotheken vor Ort können dafür sorgen, dass Patientinnen und Patienten optimal mit ihren Arzneimitteln umgehen. Uns erzählen sie auch, welche Präparate sie in der Selbstmedikation einnehmen oder was ihnen vom Heilpraktiker verordnet wurde. Das wird dem Hausarzt oft verschwiegen. Wir erkennen Wechselwirkungen und raten auch ab, wenn ein Medikament nicht geeignet ist. Arzneimittel sind kein x-beliebiges Konsumgut, auch mit rezeptfreien Medikamenten kann man sich großen Schaden zufügen. Wir brauchen in Deutschland deshalb einen sensibleren Umgang mit Arzneimitteln.

Haben die Apotheken hier die Politik oder auch die Krankenkassen auf ihrer Seite?

Es ist ja bereits vorgesehen, dass zusätzliche besondere Dienstleistungen in den Apotheken künftig vergütet werden. Außerdem sind wir durch die Pandemie noch mehr zu einem Ansprechpartner auf Augenhöhe geworden. Nur zwei Beispiele: Die Herstellung von Desinfektionsmitteln und die Verteilung des hochsensiblen Impfstoffs. Regelmäßig, zum Teil täglich haben wir uns mit dem Bundesgesundheitsministerium ausgetauscht und das weitere Vorgehen besprochen. Die Politik hat hier erkannt: Wir brauchen die Apotheken vor Ort. Und auch die Krankenkassen haben in der Krise gesehen: Die Apotheken gehen mit mehr Freiheit, beispielsweise beim Austausch von nicht lieferbaren Arzneimitteln, verantwortungsvoll um.

Und wie wollen Sie das jetzt so positive Image der Apotheke vor Ort in der Bevölkerung aufrechterhalten?

Wir müssen immer wieder ins Bewusstsein rufen: Das, was wir leisten, kann kein Versandhandel. Wenn Sie morgens ein Medikament in der Apotheke bestellen, können Sie es mittags abholen und werden kompetent beraten. Wenn ein Mittel für den Patienten ungeeignet ist, sagt Ihnen das sicher kein Versandhändler. Und: Die Apotheke vor Ort ist ein Stück Lebensqualität und auch enorm wichtig für die Infrastruktur auf dem Land.

Online einzukaufen hat auch etwas mit Komfort zu tun. Es ist einfach, spart Wege. Was setzen die Apotheken vor Ort dem entgegen?

Wir sind wesentlich schneller als der Versand, viele Apotheken haben auch ihren Botendienst stark ausgeweitet. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten meist persönlich, kennen ihre Bedürfnisse und können sie so individuell und bestens beraten und betreuen. Sicher werden künftig auch die Möglichkeiten der Beratung und Betreuung über neue digitale Medien ausgebaut werden können, sofern die Patientinnen und Patienten das nachfragen.

Warum werden die Apotheken dennoch als wenig digital wahrgenommen?

Vieles passiert dort, wo es die Kunden nicht wahrnehmen – in unserem Backoffice. Erst langsam kommen die Entwicklungen auch beim Patienten an, etwa das E-Rezept.

Viele Apothekerinnen und Apotheker haben aktuell Probleme, Nachfolger für ihre öffentlichen Apotheken zu finden. Woran liegt das?

Ich denke, die jüngere Generation hat eine andere Einstellung zum Berufsleben, sie wollen keine 40 Stunden pro Woche arbeiten. Für sie ist die work-life-balance wichtig. Es ist unsere Aufgabe, diesen Anspruch mit erfolgreicher Selbstständigkeit zu vereinbaren. Wir wollen unsere Kundinnen und Kunden bestmöglich und persönlich versorgen. Dazu braucht es engagierte, verantwortungsbewußte selbständige Apothekerinnen und Apotheker und keine anonymen Versender,die mit Rabattaktionen oder Dumpingpreisen Kunden locken und Umsätze um jeden Preis erzielen wollen.

Bald sind Bundestagswahlen. Was wünschen sich die Apothekerinnen und Apotheker von der Politik?

In erster Linie Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Und wir brauchen mehr Ernsthaftigkeit im Umgang mit Arzneimitteln. Die Apotheken vor Ort können hier einen wichtigen Beitrag im Gesundheitswesen leisten.