Baby und Familie

Es gibt Orte, da stehen sehr eigen­artige Gewächse. Bäume und Sträucher, die voller Nuckel hängen. Dabei handelt es sich nicht etwa um das Geheimversteck der Schnullerfee. Vielmehr haben findige Eltern die Bäume und Sträucher zu Schnullerbäumen umfunk­tioniert, damit die Kleinen ihren heiß ­geliebten Diddi, Schnulli oder Nuckel endlich hergeben.

Denn: War er anfangs ein Segen für die Eltern, weil er das Kind beruhigte, führen sie spätestens nach drei Jahren lästige Diskussionen mit ihrem Nachwuchs, damit der Schnuller endlich wegkommt. Der Beruhigungssauger ist dann längst vom nützlichen Tröster zum nervigen Dauer­begleiter mutiert. Denn selbst wenn ein Kind ihn eigentlich nicht mehr bräuchte, gibt es den Schnuller oft nur widerwillig her.

Warum mögen Babys den Schnuller so sehr?

"Der Saugreflex ist Babys angeboren. Saugen beruhigt", erklärt Dr. Florian Lang, Kinder- und Jugendarzt in Stuttgart. Trotzdem sollten Eltern ihren Neugeborenen nicht sofort einen Nuckel anbieten. "In den ersten Wochen stillen Babys ihr Saugbedürfnis im Idealfall an der mütterlichen Brust", sagt der Mediziner. Die muss sich nämlich mit ihrer Milchproduktion erst ein­pegeln. Ein Schnuller stört da nur. Daher sollten Eltern möglichst so lange, bis das Stillen gut läuft, auf einen Schnuller verzichten. Manche Krankenhäuser etwa verwenden gar keine Schnuller.

Braucht jedes Kind einen Schnuller?

Nein, natürlich nicht. Aber es gibt Kinder mit einem besonders großen Saugbedürfnis und Babys, die sich mit dem Nuckel sehr gut beruhigen lassen. "Dann spricht prinzipiell nichts gegen einen Schnuller", sagt Dr. Andrea Thumeyer, Zahnärztin in Wiesbaden und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege in Hessen. Trotzdem: "Das Allheilmittel sollte er nicht sein", betont die Expertin. Sie empfiehlt: Erst, wenn alle anderen Bedürfnisse des Kindes etwa nach Nahrung, Nähe oder Schlaf befriedigt seien, sollte der Schnulli zum Einsatz kommen.

Welches Material und welche Form ist geeignet?

Das Material: Es gibt Schnuller aus Latex – sie werden aus dem natürlichen Rohstoff Kautschuk hergestellt, gut zu erkennen an dem beige-braunen Mundstück. Allerdings eignen sie sich nicht, wenn das Kind eine Latex­allergie hat. Die gängige Alternative: ein Schnuller aus Silikon.

Die Form: Saugstücke in Kirsch- oder Tropfenform – die einen werden mit dem Wörtchen "kiefergerecht" beworben, die anderen sollen der mütterlichen Brustwarze angepasst sein. Welche Form Eltern wählen, hängt von ihrem Geschmack ab. Wichtig ist, dass er die richtige Größe und das Kleine den Schnuller nicht permanent im Mund hat.

Diese Saugerformen gibt es:

Sind kiefergerechte Schnuller oder symmetrische Schnuller besser?

"Fakt ist: Es gibt keine kiefergerechten Schnuller", sagt die Zahnärztin. Jeder Nuckel beeinflusst den kind­lichen Kiefer negativ. Wer den Schaden möglichst gering halten möchte, achtet darauf, dass der Schaft des Schnullers, also der Bereich zwischen dem Plastikschild und dem Sauger, mög­lichst dünn ist. "Dadurch entwickelt sich der offene Biss weniger stark", erklärt Thumeyer. Eine eingebaute Dentalstufe und ein nach oben abgewinkeltes Saugteil seien von Vorteil, weil die Zunge wenigstens im hinteren Mundbereich nach oben geführt werde. Doch Achtung: Kleine Schnulli­dreher brauchen einen symmetrischen Sauger. "Wenn Kinder einen Schnuller mit Dentalstufe verkehrt­herum im Mund haben, ist der Schaden noch größer", warnt Thumeyer.
Wichtig außerdem: ein leichter Schnulli. "Dann wirkt weniger Kraft auf den Kiefer", sagt die Expertin. Schnullerketten machen den Nuckel übrigens schwerer und den Schnulli für Kinder dauerhaft verfügbar.

Welche Größe ist die Richtige?

Je weniger Platz der Schnuller im Mund einnimmt, desto weniger Schaden kann er anrichten. "Deshalb den Nuckel bitte nicht mitwachsen lassen, sondern bei der kleinsten ­Größe bleiben", rät Thumeyer. "Der Kiefer wächst von Geburt bis zum Wechselgebiss tatsächlich nur eineinhalb Milli­meter in die Breite." Deshalb sei der kleinste Schnuller auch bei älteren Kindern immer noch groß genug.

Sind Latex-oder Silikonschnuller besser?

"Aus zahnmedizinischer Sicht ist das eigentlich egal", sagt Thumeyer.
Beide Materialien haben ihre Vor-und Nachteile. Für kleine Schnullerbeißer, die gerne auf ­ihrem Nuckel herumkauen, sind Latexschnuller die bes­sere Wahl. "Sie sind etwas widerstandsfähiger und reißen nicht so schnell." Dafür haben sie ­einen spe­ziellen Geruch und Geschmack, den nicht alle Babys mögen. Auch sind Latexschnuller empfindlicher gegenüber Sonneneinstrahlung und Hitze. Häufiges Abkochen macht sie porös und klebrig. Spätestens dann sollte man sie austauschen. Silikonschnuller überstehen viele Bäder im Kochtopf, sind geruchs- und geschmacksneutral, dafür aber weniger reißfest. Auch bei ihnen gilt: Sobald der Schnuller beschädigt ist, muss ein neuer her.

Wie viel Schnullern ist okay?

Das Saugbedürfnis von Babys sollte in erster Linie beim Trinken an der Brust oder an der Flasche befriedigt werden. Sobald Babys festere Nahrung essen und die ersten Zähnchen bekommen, nehme das Saugbedürfnis deutlich ab, sagt Thumeyer. "Aus Säuglingen werden bis zum Klein­kind­alter allmählich Kaulinge", erklärt sie. "Optimalerweise bekommen Zweijährige den Schnuller nur noch kurz zum Einschlafen." Und: grundsätzlich bitte kein Dauer­­nuckeln. "Beim Spielen, Sprechen und Spazierengehen hat der Schnulli im Mund nichts zu suchen", findet die Expertin.

Welche Nachteile hat der Schnuller?

Dauernuckeln über einen langen Zeitraum lässt die Milchzähne schief wachsen. "Die Milchzähne werden beim Nuckeln nach vorn gedrückt. Je intensiver der Schnuller in Gebrauch ist, umso ausgeprägter entwickelt sich der Schiefstand. Das kann sich sogar auf die bleibenden Zähne auswirken", sagt Zahnarzt Dr. Thomas Breyer aus Meißen.

Schieben sich die oberen Frontzähne nach vorne, wird es Zeit, dem Kind den Nuckel allmählich abzugewöhnen. Im schlimmsten Fall kann sich ein lutsch­offener Biss ent­wickeln – die Frontzähne treffen beim Aufeinanderbeißen der Backenzähne dann nicht mehr auf­einander. "Er wirkt sich negativ auf die Sprach- und Gebiss­entwicklung aus", so der Zahnarzt. Aber auch eine eingeschränkte ­Nasen­- und Mund­atmung kann die Folge sein. "Die Sauerstoffversorgung der Kinder ist dadurch bis zu 40 Prozent reduziert", erklärt Thumeyer. Ein lutsch­offener Biss muss kieferorthopädisch behandelt werden. Breyers Empfehlung: schon ab der U 5 mit sechs Monaten regelmäßig zur Zahnvorsorge gehen.

Wird das Schnullern nicht übertrieben, haben die Experten nichts dagegen einzuwenden. Das heißt: Zur Beruhigung und als Einschlafhilfe ist ein Nuckel in Ordnung. "Versuchen Sie nach einer Weile, den Schnuller zu entfernen, und ziehen Sie ihn auch nach dem Einschlafen vorsichtig aus dem Mund", sagt Breyer. Das ist nicht nur für die Entwicklung des Kiefers wichtig: Häufige Infekte und schlechtere Sprachentwicklung werden ebenfalls in Zusammenhang mit häufigem Nuckeln gebracht.

Wie reinige ich den Schnuller?

Fällt er nur kurz auf den Boden, reicht es, ihn mit heißem Wasser abzuwaschen. Ist er stärker verschmutzt, sollte man ihn für fünf Minuten in kochendes Wasser legen und so sterilisieren – auch vor dem ersten Gebrauch. Eltern kontrollieren zudem, ob das Saugstück rissig, brüchig, rau oder klebrig wird. Spätestens dann sollte das gute Stück ausgetauscht werden.

Ab dem ersten Geburtstag legen Eltern den Schnuller tagsüber immer öfter zur Seite – zum Beispiel beim Spielen. Spätestens wenn das Kind drei wird, sollten die Bemühungen, sich vom Nuckel zu trennen, verstärkt werden. Vielen Kindern hilft es, den Schnuller der Schnullerfee mitzugeben oder einem neuen Baby zu spenden. "Machen Sie keinen Stress. Klappt es beim ersten Mal nicht, versuchen Sie es etwas später erneut", sagt Kinderarzt Florian Lang.

Wann sollte der Schnuller abgewöhnt werden?

Spätestens zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag. "Dann bestehen noch gute Chancen, dass sich ein offener Biss von alleine zurückbildet", erklärt Thumeyer. Verpasst man das Zeitfenster, überträgt sich die Zahnfehlstellung im schlimmsten Fall auf die bleibenden Zähne. "Dann ist häufig eine langwierige kieferorthopä­dische, logopädische und physiotherapeutische Behandlung notwendig", sagt Thumeyer. Das alles könne man Kindern durch den richtigen Umgang mit dem Schnuller ersparen.

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