Zuhören und erklären sind keine geldwerten Leistungen für Ärzt:innen in Deutschland. Bei meinem letzten Facharztbesuch ist mir das wieder einmal bewusst geworden. Ich hatte eine für mich wichtige Frage in die Sprechstunde mitgebracht, aus der sich eine weitere und dann noch eine ergaben. Mein Arzt hat mich zwar kompetent beraten, doch er stand dabei spürbar unter Druck. „Jetzt müssen wir die Zeit aber wieder reinholen“, sagte er anschließend während der körperlichen Untersuchung. Er sagte es zwei Mal. Schön fühlt sich das nicht an.

Menschen brauchen Menschen, um gesund zu werden

Empathisches Miteinander ist ein kostbares Gut, das man in ärztlichen Praxen zu oft vergebens sucht. Damit ist niemand glücklich. Ärzt:innen betonen gern, Zeit für die Patient:innen sei das wichtigste. Doch lässt sich dieser Anspruch mit dem Bestreben, die eigene Praxis wirtschaftlich zu führen, wirklich vereinen? Wo die Gebührenordnung für Gespräch und Beratung nur eine kleine Pauschale pro Quartal vorsieht, geht das nur mit enger Taktung. Werte gegen Währung - ein klassischer Zielkonflikt.

Menschliche Zuwendung heilt, das ist zweifelsfrei belegt. „Weil sie sich einen Arzt mit mehr Zeit wünschen“ suchen Patient:innen ihr Heil in der Homöopathie, ermittelte eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Sie ziehen Globuli der evidenzbasierten wissenschaftlichen Medizin vor. Warum? Weil das Gegenüber zuhört, ohne auf die Uhr zu schauen. Denn homöopathisch tätige Ärzt:innen rechnen jede Beratung mit den Kassen ab.

Lasst die Technik den Bürokram machen

Es ist an der Zeit, unser Gesundheitssystem radikal neu zu denken. Die Digitalisierung eröffnet hier viele Chancen. Wenn Ärzt:innen bereit sind, Bürokratie und Routineaufgaben an die Technik abzugeben, und wenn Lobbyvertreter bei Kassen und Gesetzgeber dafür kämpfen, dass Gespräch und Beratung angemessen vergütet werden, ist eine Medizin möglich, in der wir uns nicht mehr zwischen Zuwendung und Wissenschaft entscheiden müssen.

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