Schriftbild: Was es über Erkrankungen verrät

Die Schrift eines Menschen kann auf neurologische Symptome und Krankheiten wie Tremor, Ataxie, Morbus Parkinson, Alzheimer oder multiple Sklerose hinweisen

von Christian Steinmüller, aktualisiert am 30.12.2014

Grafologie: Jede Handschrift ist einzigartig

Shotshop/Farbzauber

Was lässt sich an der Handschrift eines Menschen ablesen? Etwas über die Persönlichkeit? Vielleicht Charakterzüge oder bestimmte Fähigkeiten? Die Möglichkeit liegt nahe. Schließlich ist jede Handschrift einzigartig. Hat sie sich einmal entwickelt, bleiben typische Merkmale über Jahrzehnte hinweg erhalten. Seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigen sich Grafologen damit, Erkenntnisse über mögliche Zusammenhänge von Schrift und Psyche zu sammeln. Einer wissenschaftlichen Diskussion halten die Ergebnisse aber nicht stand – das sehen selbst Vertreter dieser Zunft so.

Der Grafologe und Doktor der Mathematik Yury Chernov äußerte sich in einer Analyse in dem Fachblatt Graphology News im Februar kritisch über die bisherige Vorgehensweise seiner Kollegen: "Bedeutende Arbeiten grafologischer Autoritäten (...) liefern nur wenige Daten und Beweise zur Validierung der Schriftanalyse." Zudem ist die Grafologie keine anerkannte Wissenschaft, auch wenn der aus dem Griechischen übernommene Begriff dies vielleicht nahelegen mag. Kritikern gilt die Schriftanalyse vielmehr als Kaffeesatzleserei – man kann daran glauben, muss es aber nicht.


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Das Tätigkeitsfeld der Grafologen

Zum Einsatz kommen Grafologen in Deutschland unter anderem bei Firmen, um Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten eines Bewerbers ziehen zu können, der zuvor eine handschriftliche Fassung seiner Bewerbung beifügen musste. Laut einem 2007 in der Zeitschrift für Personalpsychologie erschienenen Beitrag wurde die Handschriftprobe damals noch von 2,4 Prozent der Unternehmen verlangt. In Frankreich und der Schweiz ist dies wesentlich weiter verbreitet.

Ein Kritiker dieser Praxis ist der Wirtschaftspsychologe Professor Uwe Peter Kanning von der Fachhochschule Osnabrück. Über die Annahme, dass sich in der Handschrift die Persönlichkeit eines Menschen spiegelt, schreibt er in dem 2010 erschienenen Artikel "Absurde Methoden der Psychodiagnostik": "Die Kunst der grafologischen Personalauswahl besteht ausschließlich in einer laienhaften Deutung der Inhalte von Lebensläufen. Die eigentliche Deutung der Schrift hat keinen Einfluss auf die Validität des Urteils. Alles in allem betrachtet, gehört die Grafologie heute – neben der Astrologie – zu den am besten empirisch widerlegten Pseudowissenschaften."

Was die Handschrift aussagt

Eindeutige Hinweise gibt die Handschrift dagegen, wenn es um die Frühdiagnose neurologischer Erkrankungen geht. Bei Parkinson, Alzheimer oder multipler Sklerose kann sie sich verändern – laut dem Neurologen Dr. Georg Ebersbach von der Parkinson-Klinik in Beelitz-Heilstätten manchmal schon ein bis zwei Jahre bevor sich die klinischen Symptome wie Bewegungsarmut oder einseitiges Zittern zeigen. Denn das Schreiben ist eine sehr komplexe Tätigkeit. Dabei werden die für Motorik zuständigen Hirnareale aktiviert – jene Bereiche, die auch von Erkrankungen wie etwa Parkinson beeinflusst werden.

"Ein häufiges Frühsymptom für Parkinson ist beispielsweise, dass die Schrift immer kleiner wird. Der Patient beginnt einen Satz mit relativ großen Buchstaben. Je weiter er schreibt, desto kleiner wird dann die Schrift", sagt Ebersbach. Andere Veränderungen – zum Beispiel eine zittrige Schrift oder die sogenannte Ataxie-Schrift, bei der die Schreibbewegungen nicht in der gewollten Richtung verlaufen – seien dagegen wesentlich vieldeutiger. Sie können bei Erkrankungen des Nervensystems ebenso auftreten wie bei psychischen Störungen, etwa Schizophrenie oder Depressionen. Möglicherweise sind sie auch eine Folge von Drogenkonsum, Vergiftungen, Arzneimittelnebenwirkungen oder Kreislaufproblemen. Verschreibt man sich ungewöhnlich oft, lässt Buchstaben oder ganze Wörter aus, kann das wiederum auf eine Schädigung des Nervensystems hindeuten.

Nicht jedes Zittern ist bedenklich

Erste Anzeichen einer Ataxie- oder einer Tremor-Schrift zeigen sich beispielsweise beim Zeichnen eines Kreises oder einer Spirale – auch mit der nicht schreibgeübten Hand. Zittrige Wellenlinien können auf einen Tremor hindeuten, bei einer Ataxie kann der Kreis womöglich nicht geschlossen werden, weil die Linienführung nicht mehr korrekt
koordiniert wird. Umgekehrt vermögen Ärzte mit diesen Methoden sehr gut festzustellen, ob eine Therapie erfolgreich verläuft und Medikamente die gewünschte Wirkung zeigen.

Der Neurologe Ebersbach gibt jedoch auch Entwarnung: "Nicht jeder, der mal ein bisschen beim Schreiben zittert oder mit der Zeit eine etwas kleinere, knibbligere Schrift hat, muss gleich zum Facharzt und mit Medikamenten behandelt werden." Solche Auffälligkeiten können genauso gut "ganz normale Begleiterscheinungen des Alterns sein oder nur kurzzeitig auftreten und rasch wieder verschwinden", betont Ebersbach. Im Einzelfall müsse ein Arzt abklären, ob die Schreibstörungen näher untersucht werden müssen.



Bildnachweis: W&B, Shotshop/Farbzauber

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