Warum Plastiktüten kostenpflichtig werden

Ab dem 1. April geben Händler Plastiktüten nicht mehr kostenlos ab – mit nur wenigen Ausnahmen. Die EU will den Verbrauch damit drastisch reduzieren

von Daniela Frank, aktualisiert am 29.03.2016

Müll aus dem Meer: Plastiktüten verschmutzen die Umwelt

Mauritius images / Maciej Bledowski / Alamy

Eine Plastiktüte wird vom Wind aufgebläht, zusammen mit ein paar Blättern vor einem Garagentor in die Luft gewirbelt, sinkt wieder zurück zu Boden, wo sie sanft entlanggleitet, dazu spielt melancholische Musik – mit dieser Szene hat es ein Stückchen Müll im Film "American Beauty" aus dem Jahr 1999 zu zweifelhaftem Ruhm gebracht.

Denn eigentlich ist die Tüte ein Symbol für Umweltverschmutzung: Von den laut Europäischer Kommission rund hundert Milliarden Plastiktüten, die pro Jahr in der EU ausgegeben werden, gelangen etwa acht Milliarden durch achtloses Wegwerfen in die Weltmeere. Dort können sie Tieren schaden oder diese sogar töten. Außerdem gerät schadstoffhaltiges Mikroplastik über Fische und andere Tiere in Nahrungsmittel.


Deshalb hat die EU im Frühjahr 2015 eine Richtlinie herausgegeben, die die Nutzung von herkömmlichen Plastiktüten begrenzt: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktüten mit einer Wandstärke bis 50 Mikrometer soll bis 2019 auf 90 und bis 2025 auf maximal 40 pro Jahr sinken. Zwar ist Deutschland schon recht vorbildlich: 2010 lag der Verbrauch bei 71 Tüten pro Bürger – weit unter dem EU-Schnitt von 200 Tüten. Doch um das Ziel von maximal 40 verbrauchten Tüten bis 2025 zu erreichen, muss sich auch hierzulande noch einiges ändern.


Plastiktüten: Wer verbraucht wie viele?

Deutsche verbrauchen im Schnitt 71 Plastiktüten pro Jahr, 64 davon werden nur einmal verwendet. Länder wie Ungarn oder Polen treiben mit schätzungsweise 466 Tüten den EU-Schnitt nach oben, der bei 200 Tüten liegt. Vorbilder sind zum Beispiel Irland, das es durch einen gesetzlichen Festpreis auf 18 einmal verwendete Tüten gebracht hat, sowie Dänemark, das den Verbrauch einmal verwendeter Tüten durch eine Materialsteuer auf vier senken konnte.


Plastiktüten kosten künftig zwischen 5 und 50 Cent

"Seit es die EU-Richtlinie gibt, sind wir im Gespräch mit den Handelsverbänden", sagt Andreas Kübler, Sprecher des Umweltministeriums. Doch erst als der Druck größer wurde, hat der Handelsverband (HDE) dem Ministerium eine freiwillige Selbstverpflichtung vorgelegt, um ein Gesetz zu vermeiden. Diese setzen viele Händler nun zum 1. April 2016 um: Sie geben künftig Plastiktüten nicht mehr kostenlos ab. Der Preis wird voraussichtlich zwischen fünf und 50 Cent liegen – also sehr unterschiedlich sein. Aus kartellrechtlichen Gründen dürfen sich die Händler nicht absprechen.

Zunächst sollen 60 Prozent, bis zum Jahr 2018 ganze 80 Prozent der Händler, die Plastiktüten ausgeben, mitmachen. "Klappt das nicht, müssen wir doch noch ein Gesetz auf den Weg bringen", sagt Kübler. Weil aber nur 72 Prozent der Händler, die Plastiktüten ausgeben, im HDE Mitglied sind, muss dieser beispielsweise bei Bäckern und Apothekern fürs Mitmachen werben. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) hat bereits angekündigt, das Ziel zu unterstützen.

Wie wirksam wird die Maßnahme sein?

Warum ist eine freiwillige Lösung besser als ein Gesetz? "Eine freiwillige Verpflichtung ist für Politiker einfacher und für die Industrie gewinnbringender, weil Letztere die Gebühren einstreichen kann", sagt Rolf Buschmann, Referent für technischen Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). "Besser wäre eine Abgabe, die dann für den Umweltschutz verwendet wird." Kübler erklärt aber: "Eine Steuer auf Tüten wäre nicht möglich, da es in dieser Legislaturperiode keine Steuererhöhungen geben wird." Das Gesetz würde lediglich regeln, dass Tüten kostenpflichtig sein müssen. Doch dann könnte man laut Buschmann wenigstens den Preis flächendeckend vereinheitlichen.

"Plastiktüten kosten im Supermarkt bereits jetzt schon zehn, 15 oder 20 Cent. Wenn das jetzt noch in Textilläden eingeführt wird, macht das keinen so großen Unterschied für die Leute", sagt Buschmann. Es gebe zwar keine Studien dazu, welcher Preis den Verbrauch wirksam reduziere. "Aber ich gehe davon aus: Wenn es wehtut, verzichte ich", sagt Buschmann. Irland hätte zum Beispiel bis vor Kurzem gar keine Gebühr auf Plastiktüten erhoben. Dann wurde sie auf 22 Cent festgelegt. "Das hat gut gewirkt", sagt Buschmann. "Ich würde für 50 Cent plädieren, da denken sich viele Menschen: Dafür kriege ich eineinhalb Brötchen, da überlege ich mir eine Alternative."

Diese Ausnahmen wird es geben

Einige Tüten bleiben allerdings kostenlos: Aus Hygienegründen sind leichte Tüten für frisches Fleisch, Aufschnitt, Fisch oder Käse von der Regelung ausgenommen. Auch Obst- und Gemüsetüten sollen weiterhin gebührenfrei erhältlich sein, um noch ungünstigere Verpackungen zu vermeiden. "Zur Abfallvermeidung gibt es weitere Ausnahmen, beispielsweise für Tütchen zum Kauf von einzelnen Schrauben oder Nägeln", sagt Kübler.

Eine Alternative zu den sehr leichten Plastiktüten zu finden, verlangt einiges an Know-how – wenn man nicht nur das Müllproblem im Meer beachtet. Umweltverbänden wie dem BUND geht es hauptsächlich um den Verbrauch von Ressourcen: "In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dass wir gar nicht so stark zur Umweltverschmutzung durch Plastiktüten beitragen", sagt Buschmann. "Wir haben keine Deponien, von denen Tüten in die Natur geweht werden." Beim Recyceln und Verbrennen gelangen wenige Tüten in die Umwelt – wenn doch, dann vor allem sehr leichte Tüten.

Was sind bessere Alternativen zu Plastiktüten?

Wer stattdessen künftig Papiertüten nimmt, tue der Umwelt laut Buschmann keinen Gefallen: "Einwegtüten sind generell schlecht, da sie kurzlebige Produkte sind. Da gibt es bessere Lösungen." Der BUND empfiehlt Supermarktbetreibern, über Alternativen nachzudenken: An der Fleisch- und Käsetheke könnte man zum Beispiel wieder Papier als Verpackung verwenden. "Das ist hygienisch einwandfrei und war schon viele Jahrzehnte im Einsatz, bevor Plastik aufkam", sagt Buschmann. "Außerdem könnten Supermärkte standardisierte Transportdosen einführen, die auf der Waage mitberücksichtigt werden können – eventuell auch unternehmensübergreifend." Diese könnten mit einem Pfand versehen werden. Dasselbe sei für Tragetaschen vorstellbar. "Ein Drogeriemarkt betreibt das schon sehr erfolgreich", sagt Buschmann. "Selbst kaputte Taschen werden ersetzt."

Von kompostierbarem Plastik hält der Experte dagegen wenig. "Es ist schlecht von normalem Plastik zu unterscheiden, deshalb sieht es in der Bio-Tonne fehl am Platz aus", sagt er. "Gelangt es ins normale Recycling-Plastik, verschlechtert es dessen Qualität." Wollte man es einführen, wäre ein separates Abfall-System nötig. Außerdem zeigte kürzlich eine Studie: Kompostierbares Plastik ist zwar im Prinzip biologisch abbaubar – im Meer, wo es abgebaut werden sollte, funktioniert dieser Prozess jedoch nicht.



Bildnachweis: Mauritius images / Maciej Bledowski / Alamy

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