Reizklima: Warum Meeresluft gesund ist

Sonne, Salzwasser und Wind: Diese Faktoren machen das Klima an der See so einzigartig. Wie es sich auf Haut und Atemwege auswirkt, welche Besonderheiten Sie beachten sollten

von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 27.11.2015

Salzige Seeluft und kühler Wind: Gesunde Herausforderung

Thinkstock/Digital Vision

Die Lippen schmecken nach Salz. Der Wind zerzaust die Haare, er ist kühl. Doch die Sonne strahlt so intensiv, dass sie die Haut aufwärmt… So kann sich ein Strandspaziergang am Meer anfühlen, zum Beispiel an der Nordsee.

An der See herrscht ein spezielles Klima. Experten nennen es: Reizklima. Es setzt sich unter anderem aus den Faktoren Wind, UV-Strahlung, Salz, Temperatur und Luftfeuchtigkeit zusammen. "Diese Faktoren wirken auf komplexe Weise zusammen und reizen den Körper einerseits, andererseits schonen sie ihn auch", erklärt Reinhard Patzke, Oberarzt an der DRK-Nordsee-Reha-Klinik Goldene Schlüssel in St. Peter-Ording.


Wie wirken Wind, Salz und Sonne auf den Körper?

Die kühle, teils intensive Brise an der Küste fordert den Organismus: Er muss sich dem Kältereiz anpassen und mehr Wärme bilden, damit er nicht auskühlt. Empfehlenswert sind ausgedehnte Spaziergänge am Meer. Durch die Bewegung erhöht sich der Energieumsatz und dabei wird Wärme erzeugt. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit passt sich der Körper schneller an das raue Klima an – er ist abgehärteter. Der Wind wirkt sich aber auch schonend aus. Er kühlt die Haut und kann Juckreiz mindern. Außerdem wird es am Meer oft nicht so schwül, was Herz und Kreislauf entlastet.

Halten Sie sich in der Brandungszone auf, etwa bei einem Spaziergang direkt am Meer, dann atmen Sie das maritime Aerosol ein. "Es enthält Salzwassertröpfchen, die sich je nach Größe im Nasen-Rachenraum anreichern oder bis in die Lungenbläschen vordringen", erläutert Patzke, der unter anderem Allergologe, Umweltmediziner und Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin ist. Der Salzgehalt ist in der Luft am höchsten, wenn Sie direkt in der Brandungszone stehen. "15 Meter weiter auf dem Strand ist die Salzkonzentration nur noch halb so hoch", sagt Patzke.


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Das Salzgemisch ist ein Reizfaktor, durch den sich Schleim aus den Atemwegen löst und Sie tiefer Luft holen lässt. Haben Sie Asthma, eine chronische Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung, dann kann das Meeresklima die Beschwerden lindern. Allergikern kommt zugute, dass die Luft am Meer arm an Pollen und Schadstoffen ist – ein schonender Effekt.

Das Salz schlägt sich auch auf der Haut nieder. Bis zu zwei Gramm können sich dort nach einem Strandspaziergang anreichern. Der Salzbelag löst Schuppen und wirkt leicht entzündungshemmend. Gleichzeitig beeinflusst das Sonnenlicht bestimmte Prozesse in der Haut. Die UV-Strahlung fördert unter anderem die Ausschüttung von körpereigenem Kortisol, das Entzündungen eindämmt. Zusätzlich wird Vitamin D in der Haut gebildet, welches mit dem Immunsystem interagiert. "Durch diese Effekte können sich die Symptome einer Schuppenflechte oder einer Neurodermitis bessern", sagt Professor Carsten Stick, Direktor des Instituts für medizinische Klimatologie an der Universität Kiel.

Birgt das Meeresklima auch Risiken?

Gefährlich kann die UV-Strahlung werden – vor allem UVB-Strahlen, die kurzfristig zu Sonnenbrand und auf lange Sicht zu Hautkrebs führen können. An der See ist die Gefahr, einen Sonnenbrand zu erleiden, besonders groß. Denn erstens bewirkt der freie Horizont, dass die UVB-Strahlung aus dem gesamten Himmelsgewölbe einstrahlen kann. "Zweitens täuscht der kühlende Wind über die wahre Stärke der Sonnenstrahlung hinweg", meint Stick. Tipp: Halten Sie sich anfangs nur für kurze Zeit in der Sonne auf und schützen Sie die Haut mit Kleidung oder Sonnencreme. Klären Sie mit dem Hausarzt, welcher Hauttyp Sie sind und wie Sie sich entsprechend verhalten sollten, wenn Sie sich unsicher sind. Wichtig: Auch durch Sonnenschutzmittel und Medikamente kann es zu Hautreaktionen kommen, wenn Sie sich der Sonne aussetzen. Lassen Sie sich dazu vom Arzt oder in der Apotheke beraten.

Neben dem Sonnenlicht können sich auch andere Klimafaktoren negativ auswirken – besonders anfangs. Denn das Reizklima belastet den Organismus zunächst. "Es gibt Asthma-Patienten, die an der See so gut wie beschwerdefrei werden, andere bekommen schlechter Luft", gibt der Arzt und Physiologe Stick zu bedenken. Haben Sie überempfindliche Bronchien, kann Ihnen die kalte Meeresluft Probleme bereiten. Auch akute Infekte wie Erkältungen und entzündete Nebenhöhlen können sich beim Wechsel ins Reizklima zunächst verschlimmern. Planen Sie ans Meer zu fahren, zum Beispiel an die Nord- oder Ostsee, um vom Reizklima gesundheitlich zu profitieren, dann besprechen Sie dies vorher mit dem Arzt. Möglicherweise können Sie sogar eine Kur in einer entsprechenden Einrichtung wahrnehmen. Dann werden Sie vor Ort medizinisch betreut.

Was sollten Sie bei einem Aufenthalt am Meer beachten?

Der Salzgehalt des Wassers variiert von Meer zu Meer. Binnenmeere enthalten zum Beispiel weniger Salz als offene Meere. So weist die Nordsee deutlich mehr Salz auf als die Ostsee. Dadurch herrscht an der Nordsee aber auch ein intensiveres Reizklima, das manche Menschen zu sehr belastet. Am Mittelmeer fehlt laut Expertenmeinung der Kältereiz und die Luft ist oft nicht so rein wie etwa an der Nordsee. "Außerdem neigt man im warmen Süden aufgrund der Hitze eher dazu, sich unter einen Sonnenschirm zu legen als stundelang am Strand spazieren zu gehen", merkt Stick an. Doch gerade die Bewegung im Seeklima wirkt sich vorteilhaft auf den Organismus aus und trägt entscheidend zur Erholung bei.

Um vom Reizklima zu profitieren, sollten Sie einen längeren Urlaub am Meer einplanen – am besten drei bis vier Wochen. "Dann können sich Atembeschwerden und Hautkrankheiten für mehrere Monate anhaltend bessern", ermutigt Experte Patzke. Welche Jahreszeit die beste ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Viele Menschen empfinden die wärmeren Sommermonate von Anfang Mai bis Mitte August am angenehmsten.



Bildnachweis: Thinkstock/Digital Vision

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