„Kälte auszuhalten kann man trainieren“

Warum sind manche Menschen weniger kälteempfindlich als andere? Was tun bei einer Unterkühlung? Physiologe Rüdiger Köhling gibt Tipps zum Frieren und Aufwärmen

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 12.01.2016

Der eine badet, den anderen friert es: Kälte empfinden Menschen unterschiedlich

Fotolia/Levranii

Herr Professor Köhling, wie nehmen wir Temperatur eigentlich wahr?

Die meisten Kälte- und Wärmerezeptoren sitzen in der Haut und den Schleimhäuten, sie sind der Umwelt unmittelbar ausgesetzt. Sinkt die Temperatur der Haut auf 20 bis 24 Grad, werden die Kälterezeptoren maximal angeregt. Steigt die Hauttemperatur auf 40 Grad, sind die Wärmerezeptoren am aktivsten. Es gibt allerdings auch im Gehirn und im Rückenmark sehr empfindliche Rezeptoren, welche die Kerntemperatur des Körpers messen.

Können die Hautrezeptoren auch anders beeinflusst werden?

Ja, und das hat sicherlich jeder schon mal erlebt: Inhaltsstoffe von Chilischoten aktivieren die Wärmerezeptoren. Deshalb fühlt sich Schärfe ähnlich wie Hitze an. Und Menthol aktiviert die Kälterezeptoren, weshalb Pfefferminzöl erfrischend wirkt.


Bei welcher Temperatur fühlen sich Menschen normalerweise wohl?

Das kommt darauf an, wie stark sie bekleidet sind und ob sie sich bewegen. Wer in Unterwäsche herumsitzt, findet 29 bis 32 Grad Celsius angenehm. Beim Gehen sind es 26 Grad, beim Erklimmen einer Steigung 22 Grad. Vollständig angezogen sind die Werte deutlich niedriger: Sitzend finden wir dann 21 Grad ideal, gehend 13 Grad und bergauf steigend vier Grad.

Wann frieren Menschen?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Erstens natürlich, wenn es tatsächlich zu kalt ist. Zweitens bei der Fieberreaktion des Körpers auf eine Infektion: Dann erhöhen die bei der Entzündung anfallenden Stoffe den Sollwert der Körpertemperatur. Wir reagieren unter Umständen sogar mit Schüttelfrost, bis der höhere Sollwert erreicht ist. Das ist dann unsere Fiebertemperatur. Und drittens kann auch eine Zentralisierung des Kreislaufs, zum Beispiel als Reaktion auf Angst, Frieren auslösen.


Rüdiger Köhling vom Oscar-Langendoff-Institut für Physiologie an der Universitätsmedizin Rostock

privat

Was ist die Zentralisierung des Kreislaufs?

Das ist eine Schutzreaktion des Körpers. Sie soll gewährleisten, dass unter allen Umständen lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge und Gehirn gut durchblutet werden. Deshalb drosselt der Körper die Durchblutung der Peripherie. So können Hände und Füße auskühlen, und wir frieren an diesen Stellen. Bei Angst soll die Zentralisierung uns vor einem größeren Blutverlust schützen, falls wir verletzt werden. Aber auch bei Kälte stellt sich der Kreislauf so um, damit die Kerntemperatur nicht absinkt.

Warum haben Frauen eher kalte Füße?

Bei Frauen zentralisiert der Kreislauf leichter, wodurch die Extremitäten und besonders die Füße schneller auskühlen. Dafür können sie aber bei großer Kälte länger die Kerntemperatur aufrechterhalten. Vermutlich steckt da die Evolution in der Frühgeschichte des Menschen dahinter: Männer mussten beim Jagen kilometerweit Wild hetzen und dabei vor allem gut Wärme abführen können. Deshalb zentralisieren sie weniger, schwitzen vermehrt und haben vergleichsweise ein geringeres isolierendes Unterhautfettgewebe. Frauen haben eher gesammelt und Kinder gehütet, deshalb ist ihr Körper auf Wärmeerhaltung optimiert.

Kann ich den Körper gegenüber Kälte abhärten?

Ja. Das Gefäßsystem, das die Durchblutung reguliert, lässt sich trainieren. Zum Beispiel, indem wir Sport treiben. Auch Wechselbäder, Kalt-Warm-Duschen oder Saunabesuche sind nützlich. Je besser die Durchblutungsregulation, desto besser kann sich die Haut anpassen. Die Perlentaucherinnen Asiens, die sich täglich stundenlang im Meer aufhalten, sind zum Beispiel sehr gut an Kälte gewöhnt. Außerdem wird das braune Fettgewebe stärker aktiviert, wenn wir uns öfter niedrigen Temperaturen aussetzen.

Was hat es mit dem braunen Fettgewebe auf sich?

Dieses Gewebe hat eine besondere Fähigkeit: Es kann Wärme erzeugen – und zwar entkoppelt von der Herstellung energiereicher Verbindungen. Das nennen wir die zitterfreie Wärmebildung. Bei Säuglingen spielt das eine große Rolle, weil sie schnell auskühlen können. Bei Erwachsenen finden wir braunes Fettgewebe zum Beispiel noch im Schulter- und Nackenbereich. Wärmekameras zeigen, dass bei Aufenthalten in der Kälte nachweislich an diesen Stellen Wärme generiert wird.

Was tun mit unterkühlten Menschen? Direkt vor den Kamin setzen?

Vorsicht, stark ausgekühlte Menschen brauchen eine besondere medizinische Betreuung: Sie einfach an die Heizung zu setzen, kann sogar lebensgefährlich sein! Denn dann öffnen sich die vorher durchs Zentralisieren gedrosselten Blutgefäße wieder. Dadurch fließt abgekühltes Blut aus den Extremitäten zurück zum Herz und kann dort schlimmstenfalls einen Herzstillstand herbeiführen.


Die Rettungsdecke mit der silbernen Seite nach innen um den Betroffenen wickeln, damit sich die Wärmeabgabe minimiert

W&B / Rettungsdeck C.Beckmann

Wie sollte man stark unterkühlte Menschen dann aufwärmen?

Wenn sie ansprechbar und dazu in der Lage sind, am besten Wärme von innen zuführen in Form von Suppen oder heißen Getränken. Sind sie bewusstlos, gibt der Notarzt ihnen angewärmte Infusionen, möglichst über einen zentralen Zugang. Außerdem ist es wichtig, die Wärmeabgabe zu minimieren, indem man den Betroffenen beispielsweise in eine Aluminium-Rettungsdecke wickelt.

Wäre auch Glühwein für die Wärmezufuhr geeignet?

Achtung, Alkohol kann aus zwei Gründen gefährlich werden: Erstens bewirkt er eine Erweiterung der Gefäße, wodurch der Körper leichter auskühlen kann. Und zweitens sorgt er dafür, dass wir die Kälte nicht mehr so stark wahrnehmen. Es sind schon einige Menschen erfroren, weil sie sich im Winter beschwipst auf eine Parkbank gelegt haben.

Frieren Menschen aus warmen Ländern generell leichter?

Das sollte man meinen. Aber hier in Mitteleuropa leben wir in Häusern, die sehr gut geheizt sind. Das ist in südlichen Ländern oft nicht der Fall, und auch da kann es zwischendurch richtig kalt werden. Ich selbst habe beispielsweise noch nie so gefroren wie im Winter in Florenz in einem Haus ohne Heizung. Deshalb sind die Einwohner dort unter Umständen besser abgehärtet als wir.



Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Haben Sie schon einmal Blut gespendet?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages