Ab wann Übergewicht zum Problem wird

Dick ist gleich ungesund. Oder doch nicht? Zwei Experten erklären, warum es so schwierig ist, Übergewicht zu definieren und wann es wirklich schadet

von Nina Himmer, aktualisiert am 29.06.2016

Dick, normal, dünn: Die Grenzen sind fließend

Fotolia/Valentina R.

Deutschland ist zu dick. Laut Robert Koch-Institut sind hierzulande rund 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Bei den Männern sind es sogar 67 Prozent. Doch was heißt das eigentlich? Und ist es überhaupt ein Problem? Professor Martin Wabitsch seufzt, wenn er diese Frage hört. "Das größte Problem ist, dass Übergewicht oft nicht als Problem betrachtet wird", sagt der Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm und Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). Übermäßige Fettpolster würden nicht als Risiko wahrgenommen, weil man sich zunächst nicht krank fühle oder Schmerzen habe. Tatsächlich kann man sich darüber streiten, ob Übergewicht selbst eine Krankheit ist oder nicht.

Sicher ist aber, dass die Liste der möglichen Folgekrankheiten lang ist: Diabetes, Arteriosklerose, Herz- und Kreislaufleiden wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall stehen ebenso darauf wie Gelenkbeschwerden, verminderte Fruchtbarkeit, hormonelle Veränderungen, Erkrankungen von Leber und Galle, Atemaussetzer im Schlaf und ein erhöhtes Krebsrisiko für Darm, Gebärmutter, Brust, Prostata und Gallenblase. Vom psychischen Leidensdruck der Betroffenen und den häufig vorkommenden Depressionen einmal ganz abgesehen. "Wenn man sich das verdeutlicht, wird klar, warum Übergewicht ein sehr ernstes Problem ist", so Wabitsch. Professor Jürgen Ordemann, Leiter des Zentrums für Adipositas und Metabolische Chirurgie der Charité Berlin, findet noch deutlichere Worte: "Fettleibigkeit ist eine Katastrophe von globalem Ausmaß."


Der BMI: Mittel der Wahl, aber nicht unfehlbar

Doch wann werden die Kilos eigentlich von einem kosmetischen zu einem medizinischen Problem? Und wo verläuft die Grenze zwischen Übergewicht und Fettleibigkeit? Eine erste Orientierung bieten Zahlen: Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 gilt man als übergewichtig, ab 30 als fettleibig. Ermittelt wird dieser Wert, indem man das Gewicht durch die Größe im Quadrat teilt. Das Ergebnis ist nicht unfehlbar, hat sich aber im Vergleich zu anderen Methoden als genauer erwiesen und deshalb durchgesetzt.

Auch die Weltgesundheitsorganisation arbeitet mit dem BMI als Indikator für die Körperfülle. Daneben haben sich lediglich zwei andere Verfahren bewährt: Zum einen der Taillenumfang, bei dem knapp über dem Bauchnabel Maß genommen wird und der bei Männern nicht mehr als 94 und bei Frauen nicht mehr als 80 Zentimeter betragen sollte. Diese Grenzwerte markieren Übergewicht, ab 102 und 88 Zentimetern spricht man von Fettleibigkeit. Zum anderen gibt es das "Taille-Hüft-Verhältnis", bei dem der Bauchumfang durch den Hüftumfang geteilt wird. Als Normalgewicht gilt für Frauen ein Wert von 0,8, für Männer von 0,9.

Aber: "All diese Werte taugen eher für Studien und Statistiken als für einzelne Menschen", gibt Ordemann zu bedenken. Zwar hat sich der BMI als Indikator für Übergewicht durchgesetzt, doch er habe seine Schwächen. Wer zum Beispiel außergewöhnlich groß, klein oder trainiert sei, könne durch das Raster fallen. Der Wert unterscheidet nämlich nicht zwischen Fett- und Muskelmasse und geht von Durchschnittgrößen aus. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass Menschen mit leicht erhöhtem BMI eine höhere Lebenserwartung haben. "Schon deshalb sollte man nie einen Wert isoliert betrachten, sondern immer eine ergänzende Diagnostik durchführen", sagt Ordemann.

Das Blut verrät mehr als der BMI

Nur so lässt sich herausfinden, ob ein potenziell gesundheitsgefährdendes Übergewicht besteht oder nicht. Die wichtigsten Informationen liefert dabei das Blut: "Vor allem der Blutdruck und die Zucker- und Fettwerte im Blut sind aufschlussreich", erklärt Wabitsch. Berücksichtigt man dann noch Alter, Geschlecht, Lebensweise, Vorerkrankungen und genetische Faktoren, kommt man der Sache näher. Ärzte interessiert außerdem, wo im Körper das Fett gespeichert ist. Studien haben gezeigt, dass Bauchfett schädlicher ist als solches in Gesäß oder Oberschenkeln und dass Fettzellen unterschiedlich arbeiten. Wer glaubt, ein Gewichtsproblem zu haben, sollte sich beim Arzt gründlich durchchecken lassen. "Erst anhand der Blutwerte kann man bestimmen, ob es sich um krankmachendes Übergewicht handelt und ob eine Therapie notwendig ist", so Ordemann.

Manchmal reicht eine konservative Therapie, die von den Kassen unterstützt wird. Dabei wird das Essverhalten analysiert, ein individueller Ernährungsplan erstellt und ein Bewegungsprogramm erarbeitet. Eine begleitende Psychotherapie kann helfen, das Verhalten dauerhaft umzustellen. Doch dieser Weg hat selbst bei bestem Willen und eiserner Selbstdisziplin seine Grenzen: "Ob wir dick werden oder nicht, hat viel mit unserem Stoffwechsel, erblichen Anlagen und der Art und Weise, wie unser Körper auf unsere Umwelt reagiert zu tun", erklärt Wabitsch und zieht als Vergleich Asthma heran: "Wir wissen, dass manche Menschen aufgrund von Allergien Asthma entwickeln und andere nicht." Ähnlich verhalte es sich mit der Neigung zur Fettleibigkeit. Manche Menschen stecken Bewegungsmangel und ein Überangebot an kalorienreichem Essen einfach besser weg als andere.

Letzter Ausweg Operation?

Versagen konservative Therapien, kann eine Operation helfen. "Manchmal ist eine Magenverkleinerung das einzig wirksame Mittel, um Betroffenen zu helfen", sagt Ordemann. Dabei wird der Magen durch einen chirurgischen Eingriff verkleinert. Es gibt verschiedene Methoden wie Magenband, Magen-Bypass oder Schlauchmagen. Im Idealfall ändert sich durch den Eingriff nicht nur die Größe des Magens oder Verdauungstraktes, sondern auch der Hormonhaushalt und die Verdrahtung von Gehirn und Magen. "Dann sind die Chancen, echte Erfolge zu erzielen am größten", so Spezialist Ordemann. Allerdings bergen solche Operationen auch Risiken.

So oder so: "Wir sind nicht für die Welt gemacht, in der wir leben", sind sich die Experten einig. In unserem Alltag mangelt es an Bewegung, gleichzeitig besteht ein Überangebot an Nahrung, deren Energiedichte hoch ist, die aber an jeder Ecke verfügbar ist und von der Industrie beworben wird. Eine Kombination, auf die viele Menschen mit einer deutlichen Gewichtszunahme reagieren. Mit mangelnder Selbstdisziplin hat das nur in den wenigsten Fällen zu tun: "Dicke Menschen werden völlig zu Unrecht stigmatisiert", stellt Wabitsch klar, "das Letzte was sie brauchen, ist die Verachtung der Gesellschaft."


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