So finden Sie einen Psychotherapeuten

Wer Depressionen hat, braucht einen Psychotherapeuten, dem er vertraut. Diesen zu finden, kann schwierig sein. Wir geben Tipps – auch für die Überbrückung einer Wartezeit
von Silke Droll, aktualisiert am 04.04.2017

Problem vieler Depressionskranker: Wann bekomme ich einen Therapie-Termin?

W&B/Henrik Abrahams

Niedergeschlagen, innerlich leer, ohne Selbstvertrauen und Energie für einfachste Alltagsdinge. So fühlen sich oft Menschen mit einer Depression. Jeder zehnte Bundesbürger erlebt laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ein- oder mehrmals eine depressive Episode. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland erfüllen aktuell die Kriterien einer depressiven Störung. Neben Medikamenten kann eine Psychotherapie helfen. Doch die müssen sich Betroffene selbst organisieren. Wie geht man dabei vor? Welche Probleme können auftreten? Hier geben Experten Antworten.


Brauche ich überhaupt eine Psychotherapie?

Zunächst ist zu klären: Kommt für mich eine solche Behandlung infrage? Würde sie mir nützen? "Oft wissen die Menschen, sie haben ein Problem, aber noch nicht genau, was es eigentlich ist und wie ihnen geholfen werden kann", sagt die Psychologin Katrin Frick, die den Psychotherapie-Informationsdienst (PID) der Deutschen Psychologen-Akademie leitet. Betroffene können sich dort kostenlos am Telefon (0 30/ 2 09 16 3 30) beraten lassen. Häufig geht es dabei um Probleme in der Familie oder Schwierigkeiten im Beruf. Dann können Familientherapie, Erziehungsberatung oder ein Coaching eher helfen. Diese Formen der Unterstützung bezahlt aber die Krankenkasse nicht.

Welche Verfahren bezahlt die Kasse?

Gesetzlich Versicherte müssen einen Psychotherapeuten mit Approbation und Kassenzulassung aufsuchen. Nur dann werden die Kosten übernommen – für die sogenannten Richtlinienverfahren (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, analytische Psychotherapie). Bei Privatversicherten variieren die Leistungen je nach Vertrag, sie sind nicht unbedingt bessergestellt als Kassenpatienten.

Wie finde ich einen Therapeuten?

In Internetportalen findet man Therapeuten im Umkreis des eigenen Wohnorts, indem man in eine Suchmaske seine Postleitzahl eingibt. Das geht zum Beispiel auf den Seiten der Deutschen Psychologen-Akademie (www.psychotherapiesuche.de), der Bundestherapeutenkammer (www.bptk.de) oder der regional organisierten Kassenärztlichen Vereinigungen. Einige von ihnen bieten außerdem an, Patienten konkret Therapeuten mit freien Plätzen in ihrer Nähe zu nennen. "Die Psychotherapeuten können uns freie Plätze melden. Wir geben Betroffenen dann am Telefon die Kontaktdaten weiter", erklärt Reno Thoß, Regionalleiter Notdienste, Vermittlungs- und Beratungszentrale bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Dieser Service (Telefon 09 21/7 87 76  54 04 10) ist wichtig, weil viele Therapeuten voll ausgelastet sind. Hinweise auf Psychotherapeuten in der Nähe geben auch der Hausarzt, die Krankenkasse, Kliniken für psychische Erkrankungen oder psychiatrische Ambulanzen.

Wie nehme ich Kontakt auf?

Einfach direkt an einen Therapeuten wenden. "Jedes Mitglied in einer gesetzlichen Krankenversicherung hat Anspruch auf eine psychotherapeutische Behandlung und braucht keine Überweisung durch einen Arzt", sagt der Jurist Stephan Longard, Teamleiter im Bereich Recht der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Aber bitte nicht wundern: Viele Psychotherapeuten haben keine Sprechstundenhilfen. Beim ersten Anruf trifft man oft auf einen Anrufbeantworter, der Therapeut ruft zurück.

Die Aussichten, ihn gleich persönlich ans Telefon zu bekommen, sind in den letzten zehn Minuten vor der vollen Stunde am größten. Dann ist üblicherweise gerade eine Sitzung zu Ende. Viele Therapeuten haben auch eine Internetseite und können per Mail kontaktiert werden. Wer selbst nicht in der Lage ist, sollte einen Freund, Angehörigen oder den Hausarzt bitten, einen Termin zu vereinbaren. "Depressive schämen sich und möchten ihren Zustand verbergen. Aber man kann jedem nur raten: Öffne dich, sprich die Leute in deiner Umgebung an und sag, dass du Hilfe brauchst", empfiehlt Waltraud Rinke, Vorstandsmitglied des Selbsthilfevereins Depressionsliga.


Wie merke ich, ob der Therapeut zu mir passt?

Idealerweise sollte man Erstgespräche mit verschiedenen Therapeuten vereinbaren. Es ist wichtig, einen Psychologen zu finden, bei dem man sich wohlfühlt. "Die Beziehung muss stimmen. Man muss das Gefühl haben, hier kann ich Dinge erzählen, die mir vielleicht sonst nicht so leicht über die Lippen kommen, hier kann ich zeigen, was schambehaftet und schwierig ist", sagt Psychologin Frick. Und auch der Therapeut kann feststellen: Mit meiner Ausbildungsrichtung bin ich für diesen Patienten nicht der ideale Ansprechpartner.

Bevor die Behandlung beginnt, hat der Patient das Recht auf mehrere Vorgespräche, die sogenannten probatorischen Sitzungen. Wird eine Verhaltenstherapie oder das tiefenpsychologische Verfahren angestrebt, sind bis zu fünf Termine pro Therapeut möglich, vor einer Psychoanalyse sogar acht. Tatsächlich wissen Betroffene oft nach einem Treffen, ob sie sich vom jeweiligen Psychologen verstanden fühlen – oder nicht.

Wann kann es richtig losgehen?

In den Sitzungen vor dem Start sammelt der Therapeut Stoff für seine Diagnose und den Antrag bei der Kasse. "Darin muss er darlegen, was mit dem Menschen los ist und welche Therapie gemacht werden soll", so Frick. Der Bericht geht in einem verschlossenen Umschlag an die Kasse, sodass deren Mitarbeiter nichts von der Krankengeschichte erfahren. Ein externer Gutachter prüft den Bericht. Bevor die Kasse die Behandlung mit einem bestimmten Stundenkontingent genehmigt, muss der Patient noch einen Arzt – üblicherweise den Hausarzt – aufsuchen, der ebenfalls einen Bericht erstellt.

Wie kann ich eine lange Wartezeit auf die Therapie überbrücken?

Leider kann es Wochen oder sogar Monate dauern, bis eine Therapie beginnt. "Am schlimmsten ist es in ländlichen Gebieten", weiß Rinke. Besonders begehrt sind Termine am Abend oder am Wochenende. Wer zeitlich flexibler ist, hat höhere Chancen. "Eine gute Möglichkeit, Wartezeiten zu überbrücken, sind die Krisendienste, die es in vielen Regionen gibt", sagt Expertin Frick. Dort bieten Psychologen telefonische und persönliche Gespräche bei akuten Problemen an. Adressen findet man über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe (www.deutsche-depressionshilfe.de) oder unter www.neuhland.net. Die Nummer der kostenfreien Telefonseelsorge lautet 08 00/1 11 02 22.

Vielen tut es in dieser Zeit auch gut, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, die mit der Diagnose bereits länger leben, Ratschläge geben und Mut machen können. Adressen von Selbsthilfegruppen finden Interessierte online unter www.nakos.de oder www.depressionsliga.de. Beim Seelefon unterstützen ehrenamtliche Berater die Anrufer durch Zuhören und konkrete Tipps. Sie waren selbst psychisch erkrankt oder haben Angehörige mit psychischen Erkrankungen. Das Angebot ist unter 02 28/71 00 24 24 (Festnetztarif) sowie per E-Mail (seelefon@psychiatrie.de) erreichbar.

"Manchen hilft es auch, sich schriftlich und anonym mit anderen Betroffenen in einem Online-Forum auszutauschen. Dann sieht man, dass man nicht allein ist", sagt Rinke. Ein solches Forum gibt es zum Beispiel auf www.deutsche-depressionshilfe.de.

Was kann ich tun, wenn ich keinen Therapeuten in meiner Nähe finde?

In Ausnahmefällen finanzieren die Kassen die Behandlung bei einem approbierten Therapeuten ohne Kassenzulassung. "Jede Wartezeit von mehr als drei Monaten ist unzumutbar. Das sagt die Rechtsprechung", erklärt Patientenberater Longard.

Dennoch sind dann mehrere bürokratische Schritte notwendig. Zunächst sollten Betroffene ihre Suche protokollieren und mindestens drei kassenzugelassene Therapeuten erfolglos kontaktiert haben. "Man sollte aufschreiben, bei welchen Therapeuten man es versucht hat, was dabei herausgekommen ist und wie lange die Wartezeit dauert", so Longard.

Als Nächstes stellt sich die Frage: Gibt es einen approbierten Therapeuten ohne Kassenzulassung in der Nähe, der die Behandlung zeitnah durchführen könnte? "Wenn ja, sollte dieser aufgesucht werden. Er sollte eine Bescheinigung ausstellen, welche Therapie notwendig ist, was konkret gemacht werden soll und dass die Behandlung kurzfristig übernommen wird", sagt Longard. Außerdem solle der Hausarzt schriftlich versichern, dass auch er eine Psychotherapie für notwendig und unaufschiebbar erachtet. Mit diesen beiden Bescheinigungen habe die Kasse alle Informationen, um eine Kostenübernahme zu gestatten.

Möglicherweise wird das Problem auch schneller gelöst. "Die Kasse kann dem Versicherten zunächst noch weitere Therapeuten nennen, die er aufsuchen kann", sagt Longard. Eventuell hat die Kasse spezielle Verträge mit einzelnen Therapeuten, die die Versicherten vorzugsweise behandeln.

Wie kann ich während einer laufenden Behandlung den Therapeuten wechseln?

Einen geplanten Abbruch sollte der Patient beim Therapeuten ansprechen. "Vielleicht gibt es ein Missverständnis, oder der Grund für seine Unzufriedenheit ist Teil seines psychischen Problems", sagt Katrin Frick. Wichtig ist, Termine frühzeitig abzusagen. Tut der Patient das nicht fristgerecht, muss er das Ausfallhonorar zahlen. "Es kommt auf die Vereinbarung zwischen Patient und Therapeut an. Üblich sind ein oder zwei Tage vorher", erklärt Stephan Longard. Auch die Kasse sollte über Änderungen im Behandlungsverlauf informiert werden. Das Gleiche gilt für eine Unterbrechung von mehr als einem halben Jahr.

"Es ist möglich, zu einem anderen Therapeuten zu wechseln. Aber dann beginnt das ganze Verfahren von vorne. Man macht wieder probatorische Sitzungen, der Antrag bei der Kasse muss erneut gestellt werden", gibt Longard zu bedenken. Bereits genehmigte Stunden können auch nicht einfach auf einen anderen Therapeuten übertragen werden.


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