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Internet-Kaufsucht: Gefährlicher Zwang

Einkaufen rund um die Uhr, egal wo, ohne Bargeld: Das Internet macht es möglich. Vielen wird das zum Verhängnis


Gefährlich: Mit einem Laptop kann man immer und überall einkaufen

Er holte sich keine Kontoauszüge, öffnete keine Briefe, ging nicht mehr ans Telefon – und wenn es an der Tür klingelte, rechnete Daniel Maurer (Name von der Redaktion geändert) mit dem Gerichtsvollzieher – oder der Polizei. Der heute 24-Jährige war kaufsüchtig, machte 40.000 Euro Schulden. „Beim Einkaufen war ich glücklich“, erzählt er. Darüber, ob er die Dinge irgendwann auch bezahlen könne, habe er nicht nachgedacht.

Aus drei Wohnungen musste Daniel Maurer ausziehen, für die Miete war nie Geld übrig. Mehrmals stand er bereits wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht. Er verlor seine Arbeit und entging nur knapp einer Gefängnisstrafe. „Das hat mich wachgerüttelt“, erinnert sich der junge Herforder. Er begann eine Therapie, nach mehreren Jahren Sucht.


Daniel Maurers Familie ahnte die ganze Zeit über nichts, seine Freunde bemerkten nichts. „Einkaufen ist sozial anerkannt, im Gegensatz etwa zu Alkohol oder Glücksspiel“, erläutert Privatdozentin Dr. Astrid Müller, Leiterin der Psychosomatischen Ambulanz am Uniklinikum Erlangen.

Kaufsüchtige würden daher nicht so schnell an den Rand der Gesellschaft abrutschen, könnten ihr Problem oft sehr lange vertuschen. „Hinzu kommt, dass Einkaufen, ohne vorher groß nachzudenken, immer leichter wird“, so Expertin Müller weiter. Bar bezahlen etwa müsse man heute kaum noch irgendwo. Dank Internet ist es sogar möglich, sieben Tage die Woche alles rund um die Uhr zu ordern – ohne das Haus zu verlassen, ganz einfach per Mausklick.

Auch Daniel Maurer bestellte online. Sein Weg in die Sucht begann, als er mit 18 Jahren eine Ausbildung anfing und zu Hause auszog: „Plötzlich musste ich alleine klarkommen, Freunde hatte ich nur wenige, und der Lohn reichte kaum für Miete und Essen.“

Der junge Mann nahm einen Nebenjob in einem Internetcafé an und entdeckte das Online-Shopping: „Ich habe vor nichts halt gemacht, mir neue Klamotten genauso gekauft wie Bettwäsche, Geschirr oder einen Umluftofen.“ Die Stunden am Computer verdrängten Einsamkeit und Langeweile. Das Einkaufen ließ Maurer vergessen, wie unglücklich er war.

Dass die Fülle des Warenangebots und erleichterte Einkaufsbedingungen das Risiko für Kaufsucht stark beeinflussen, zeigen die Zahlen von Professor Gerhard Raab. Der Experte für Psychologie und Marketing lehrt an der Fachhochschule in Ludwigshafen und untersucht seit vielen Jahren regelmäßig, wie viele Deutsche gefährdet sind, die Kontrolle über ihr Kaufverhalten zu verlieren.

„Eineinhalb Jahre nach dem Fall der Mauer lag die Zahl in Westdeutschland bei etwa fünf, in Ostdeutschland nur bei einem Prozent“, erläutert Raab. „Zehn Jahre später gab es kaum noch einen Unterschied.“ Der neuesten Studie zufolge laufen sieben Prozent der Deutschen Gefahr, eventuell eine Kaufsucht zu entwickeln.

Schulden in fünf Aktenordnern

Bei einer repräsentativen GfK-Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau gaben sogar 15 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren an, sie würden oft nur aus Lust am Einkaufen etwas erwerben. Bei drei Prozent kreisen die Gedanken ständig nur um das Shoppen, und finanzielle Schwierigkeiten wegen ihrer regelmäßigen Kaufattacken hatten bereits vier Prozent der Befragten.

Daniel Maurer geht seit zwei Jahren zur Schuldnerberatung; die Forderungen seiner Gläubiger füllen fünf dicke Ordner. „Weil ich mir nicht zutraue, mein Geld zu verwalten, habe ich mich für einen gesetzlichen Betreuer entschieden“, sagt er. „Will ich mir neben Essen, Miete und so weiter noch etwas anderes leisten, muss ich vorher fragen.“

Mit einer EC-Karte verlässt er gar nicht mehr das Haus. Nur fünf Euro steckt er in die Hosentasche, sodass er nicht in Versuchung kommt, mehr auszugeben. Daniel Maurer weiß: Die Sucht kann ihn immer wieder einholen – trotz der Therapie.

Abstinent bleiben geht nicht

Bisher ist Kaufsucht nicht als eigenständige Krankheit klassifiziert. Tatsächlich tritt sie oft in Kombination mit anderen seelischen Problemen auf, etwa – wie bei Maurer – Depressionen. Speziell qualifizierte Therapeuten und Behandlungsplätze sind daher rar.

In der Verhaltenstherapie in Erlangen analysieren Betroffene ihre Kaufattacken: Was will ich kompensieren? Einsamkeit? Langeweile? Welche Gefühle ruft Einkaufen bei mir hervor? „Die Patienten entwickeln Strategien, anders auf Situationen wie depressive Phasen zu reagieren“, erläutert Astrid Müller. „Außerdem müssen sie lernen, kompetent und verantwortlich mit Geld umzugehen“, ergänzt Gerhard Raab.

Nach der Behandlung abstinent zu bleiben ist schwierig. Das wissen auch die Experten. Eine Spielhalle kann man meiden, aber jeder muss sich etwas zu essen oder zum Anziehen kaufen. Müller rät Betroffenen deshalb, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Wer ein Angebot in seiner Nähe sucht, erhält Informationen bei Selbsthilfe-Kontaktstellen (www.nakos.de) oder im Gesundheitsamt. Daniel Maurer hat in Herford eine eigene Gruppe gegründet (E-Mail: shg-kaufsucht-herford@gmx.de). Das Warten auf einen Therapieplatz wollte er nicht alleine überbrücken.

Von all den Dingen, die er bestellt hat, besitzt Maurer nicht mehr viele: „Das meiste davon habe ich ja gar nicht gebraucht.“ Die Sucht war durch den Akt des Kaufens bereits befriedigt, die Pakete, die der Postbote Tage später lieferte, interessierten schon nicht mehr: „Kaufen war wie ein Rausch. Es löste in mir ein unglaubliches Glücksgefühl aus – und danach fiel ich in ein tiefes Loch. Was mich dort herausholte? Einkaufen.“

Heute braucht Daniel Maurer diesen Rausch nicht mehr. Wegen der Depressionen macht er eine Therapie. Er hat eine neue Arbeitsstelle und Freunde, die ihn beim Einkauf begleiten, wenn er mal eine neue Jeans braucht.


Warnsignale:

  • Dinge werden gekauft, obwohl man sie nicht braucht – und gar nicht oder nur kurz benutzt.
  • Sie verheimlichen Einkäufe oder rechtfertigen sie mit merkwürdigen Begründungen. So behaupten Sie etwa, die eben erstandene Jeans habe schon lange in Ihrem Schrank gelegen.
  • Die Einkäufe verursachen finanzielle Schwierigkeiten. Geld für andere Dinge, etwa einen Kinoabend mit Freunden, ist nicht mehr übrig. Soziale Kontakte leiden darunter
  • Trotzdem wollen Sie sich mit Ihren Finanzen nicht (mehr) auseinandersetzen. Kontoauszüge bleiben unkontrolliert, Rechnungen unbezahlt.
  • Wenn Sie länger nichts einkaufen, werden Sie unruhig.

Tipp unserer Experten: Führen Sie ein Kauftagebuch. Tragen Sie ein, was Sie wann kaufen und wie oft Sie den erworbenen Gegenstand benutzen.



Julia Rotherbl / Apotheken Umschau; 22.08.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera

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