Wie viel Urlaub reicht zum Stressabbau?

Der Erholungseffekt ist zu Beginn des Urlaubs am größten. Zu kurz sollte die freie Zeit aber auch nicht sein. Ideal: Einmal im Jahr zwei bis drei Wochen kombiniert mit kürzeren Auszeiten zwischendurch

von Sandra Schmid, 08.07.2014

Endlich ausspannen! Aber leider hält die Erholung oft nicht lange vor

Fotolia/Ryf

Balkonien oder Fernreise? Den ganzen Tag am Strand liegen oder sich möglichst viel sportlich betätigen? Wann bringt Urlaub wirklich die ersehnte Erholung? Professor Thomas Rigotti ist Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Wechselwirkung zwischen Arbeit und Gesundheit. Im Interview gibt er Tipps zur Planung, Organisation und Gestaltung der schönsten Wochen des Jahres.

Woran erkennen wir, dass wir urlaubsreif sind?

Meist gönnen wir uns erst dann eine Pause, wenn wir eine deutliche Erschöpfung wahrnehmen. Besser wäre, erst gar nicht so lange zu warten. Denn: Erholung findet nicht nur im Urlaub statt, sondern bereits in den Pausen während der Arbeit, am Feierabend und am Wochenende. Die massive Zunahme psychischer Erkrankungen als Gründe für Krankheitstage in den letzten Jahren liegt auch an der zunehmend mangelhaften Erholung im Alltag. In vielen Arbeitsbereichen verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Idealerweise sollten Erholungspausen eingelegt werden, bevor es zur Ermüdung und Erschöpfung gekommen ist. Egal ob es Sport ist, Zeit mit der Familie, ein Saunabesuch oder der Kneipenabend mit Freunden.

Wie starte ich am besten in den Urlaub, damit ich mich wirklich erhole?

Vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub: Unerledigte Aufgaben bleiben uns eher im Gedächtnis und erwarten uns dann geballt, wenn wir aus den Ferien zurückkommen. Der gedankliche Abstand zur Arbeit fällt uns schwerer. Solches Nachdenken über Probleme bei der Arbeit auch am Wochenende oder sogar im Urlaub kann nachweislich das Risiko depressiver Erkrankungen erhöhen. Vor dem Urlaub empfiehlt es sich daher mit Kolleginnen und Kollegen eine Vertretungsregelung zu klären und unerledigte Aufgaben auch mal abzugeben. Auch sollten nicht gleich die ersten Tage nach dem Urlaub mit Terminen vollgestopft werden.

Viele Menschen krempeln im Urlaub ihren Lebensrhythmus um. Sie machen die Nächte durch, liegen am Tag am Strand. Ist das empfehlenswert?

In der Erholungsforschung werden Aktivitäten von Erlebnisqualitäten unterschieden. Soziale Aktivitäten sind zum Beispiel nicht für alle Menschen gleich erholsam. Die Forschung hat gezeigt, dass vier Erlebnisqualitäten eine Rolle spielen: das gedankliche Abschalten von der Arbeit, Entspannung, das Erleben von Herausforderungen und die Selbstbestimmung in der Freizeit. Durch welche Aktivitäten diese Erlebnisse beeinflusst werden, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Erholung ist ein Prozess, der Zeit benötigt. Man kann Erholung also nicht nach Belieben aus- und einschalten.

Lieber kürzer und öfter oder seltener und lang. Was ist die beste Urlaubslänge, um sich richtig zu erholen?

Ähnlich wie bei Arbeitspausen gilt auch beim Urlaub, dass der Erholungseffekt zu Beginn am größten ist. Gleichzeitig ist es schwer, nicht an das Ende des Urlaubs zu denken und das gelingt natürlich besser je länger der Urlaub ist. Einmal im Jahr sollte man sich also schon eine Auszeit von mindestens zwei bis drei Arbeitswochen gönnen.

Wie lange hält der Erholungswert eines Urlaubes an?

Aus der Erholungsforschung ist bekannt, dass der Erholungseffekt von Urlaub recht schnell wieder verfliegt – dies wird auch als "fading out" bezeichnet. Bereits nach wenigen Tagen zurück in der Arbeit ist bei vielen subjektiv der Erholungseffekt wieder weg. Die Abstände zwischen den Auszeiten sollten daher auch nicht zu lange sein. Also auch zwischendurch mal kürzere Pausen einstreuen.

Fernreise oder Balkonien – wo erholt man sich besser?

Es gibt viele Möglichkeiten, den Urlaub zu gestalten und jeder Mensch hat andere Vorlieben und Bedürfnisse. Mit dem Partner oder Freunden müssen hier Kompromisse gefunden werden. Dabei sollte vor allem in einer Partnerschaft darauf geachtet werden, dass verschiedene Urlaubsbedürfnisse ausgeglichen befriedigt werden. Allgemein lässt sich aber sagen, dass Natur einen größeren Erholungswert hat als bebaute Umgebung.
Gerade bei weiteren Reisen sollte man bei der Rückreise noch zumindest zwei freie Tage zu Hause einplanen und nicht gleich am nächsten Tag nach der Ankunft wieder in die Arbeit gehen.

Wir kennen das alle: Endlich Urlaub und Erholung – und dann wird man krank. Warum ist das so?

Dies hängt vor allem mit den Belastungen in der Arbeit zusammen und hat weniger mit dem Stress in der Freizeit zu tun, als mit den biophysiologischen Prozessen im Körper. Die Anforderungen und der Stress bei der Arbeit sorgen dafür, dass alle Körperfunktionen dauerhaft unter Hochspannung laufen. Mit der plötzlichen Umstellung im Urlaub ist der menschliche Organismus dann überfordert. Hinzu können ein ungewohntes Klima und Ernährung kommen. Man kann sich das vorstellen, wie ein heißes Glas, das springt, wenn man kaltes Wasser einfüllt. Bei chronisch gestressten Menschen ist das Herzinfarktrisiko im Urlaub daher auch besonders groß. Die beste Vorbeugung ist daher im Alltag auf ausreichend Erholung und eine gesunde Lebensweise zu achten.



Bildnachweis: Fotolia/Ryf

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