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Lesen und Schreiben lernen als Erwachsener

Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Was Angehörige tun können und wo sogenannte funktionale Analphabeten Hilfe finden


Zeitung lesen: Längere Texte verstehen ist für Funktionale Analphabeten schwierig

Sie können ihren Kindern keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen oder Anträge ausfüllen: Ungefähr siebeneinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten. Das kam 2011 in einer groß angelegten Studie der Universität Hamburg heraus. ,„Das heißt nicht, dass die Betroffenen gar nicht lesen und schreiben können“, erklärt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung e.V.. Der Verband setzt sich dafür ein, Erwachsenen Lesen und Schreiben beizubringen. Einige Funktionale Analphabeten können lediglich Buchstaben entziffern, andere können ihren Namen und einige Wörter schreiben und kommen mit einfachen Sätzen zurecht. Längere Texte lesen beziehungsweise schnell genug verstehen können die Betroffenen nicht.


Was ist funktionaler Analphabetismus?

Funktionale Analphabeten haben die Schule besucht und als Kind Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben erworben. Darin unterscheiden sie sich von Analphabeten, etwa aus Entwicklungsländern, die Schreiben und Lesen gar nicht beherrschen. Erwachsene, die sehr schlecht oder kaum lesen und schreiben können, haben teilweise genau diese Tätigkeiten nach der Schule vermieden. So verblasste ihr ohnehin spärliches Wissen und sie wurden immer unsicherer.

Den Betroffenen ist die Situation häufig sehr peinlich. Totzdem bleibt sie zum Teil lange unentdeckt. Dafür gibt es verschiedene Gründe: „Lesen findet im Kopf statt. Kein Außenstehender bemerkt, wenn man dafür länger braucht oder raten muss“, sagt Hubertus. Rechtschreibfehler fallen hingegen auf. Daher üben Betroffene oft Berufe aus, in denen sie wenig mit Texten zu tun haben, etwa als Arbeiter am Bau. „Es ist ein Vorurteil, dass sie dumm seien“, sagt Hubertus. „Funktionale Analphabeten müssen sehr clever sein, damit sie im Alltag nicht auffallen.“ Der Trick mit der vergessenen Lesebrille zieht heutzutage nicht mehr. Dann bewahrt zum Beispiel eine verbundene „verletzte“ Hand vor dem gefürchteten Schreiben.

Wie Angehörige helfen können

„Funktionale Analphabeten haben oft Freunde oder Partner, die ihnen die schweren Aufgaben abnehmen“, sagt Hubertus. „Das hat Ähnlichkeit mit einer Ko-Abhängigkeit bei Suchtkranken.“ Die Vertrauensperson meint es gut und will helfen: Sie liest hier die Speisekarte vor, füllt dort einen Antrag aus. So muss der funktionale Analphabet nicht selbst lesen und schreiben lernen. „Viele suchen erst Hilfe, wenn sich der Partner trennt oder für den Arbeitsplatz bessere Lese- und Schreibkenntnisse nötig sind“, sagt Hubertus. Andere Betroffene erkennen ihre schwierige Situation, wenn das erste Kind eingeschult wird.

Wer einen funktionalen Analphabeten im Familien- oder Freundeskreis kennt, sollte behutsam reagieren. Direkte Konfrontation – „Kannst du nicht lesen?“ – ist keine Lösung. Warten Sie lieber eine Situation ab, in der Sie um Hilfe gebeten werden. „Man sollte vorsichtig fragen, ob es sein kann, dass der andere damit Schwierigkeiten hat“, sagt Hubertus. Bestehen Sie aber nicht auf eine Antwort. Bei der nächsten Gelegenheit wird der Betroffene die Situation vielleichtvon sich aus ansprechen. Am besten ist es, wenn Sie dann eine Perspektive geben können. Etwa indem Sie sich vorher beim Alfa-Telefon des Bundesverbandes für Alphabetisierung unter Telefon 0800 / 53 33 44 55 informieren.

Lese- und Schreibkurse für Erwachsene

Hilfe finden funktionale Analphabeten zum Beispiel in Volkshochschulen. Die Kurse finden meist zweimal in der Woche am Abend statt, oft müssen sie aus eigener Tasche bezahlt werden. Erwachsene lernen leichter, je jünger sie sind. Viele funktionale Analphabeten lernen zuerst die Ausspracheregeln, denn sie können aus einzelnen Buchstaben keine Worte bilden. Die Buchstabenfolge „S - T - U - H - L“ ergibt für sie keinen Sinn. Dass daraus „Stuhl“ wird, müssen sie erst lernen. Zudem üben die Schüler gezielt Wortfelder, die sie für den Alltag brauchen. Ein Handwerker lernt zum Beispiel alle Worte, die er für seinen Beruf benötigt.

Genauso wichtig ist es für funktionale Analphabeten, dass ihr Selbstvertrauen gestärkt wird. „Am Anfang raten wir ihnen noch zu Spickzetteln, auf denen sie heimlich nachschauen können“, erzählt Hubertus. Nach einer Weile hat der Betroffene den Zettel zwar dabei, benutzt ihn aber nicht mehr. Stück für Stück verringern sich die Krücken im Alltag. So werden die Teilnehmer souveräner im Umgang mit Fehlern. Ihre Lebensqualität steigt, selbst wenn am Ende nicht alle flüssig mit geschriebenen Texten umgehen können. „Man sollte sich schon auf zwei Jahre Lernzeit einstellen“, sagt Hubertus. Auch wenn es lange dauert: Im Leben kommt besser zurecht, wer lesen und schreiben kann.




Bildnachweis: Mauritius/Radius Images

Bettina Dobe / www.apotheken-umschau.de; 07.11.2013, aktualisiert am 07.11.2013
Bildnachweis: Mauritius/Radius Images

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