Die Vagina unter dem Messer

Die Zahl der operativen Eingriffe an der Vagina steigt. Viele Frauen scheinen mit dem eigenen Intimbereich unzufrieden zu sein. Welchem Ideal eifern sie eigentlich nach?

von Diana Engelmann, aktualisiert am 10.12.2015

Formvollendet? Der Intimbereich steht heute mehr denn je im Schönheits-Fokus

Fotolia/Alexey Rumyantsev

Schön ist, was gefällt. Aber wer legt fest, was gefällt? Das gilt auch für den weiblichen Intimbereich. Manche glauben, dieser solle wie die Oberseite eines länglich geformten Brötchens aussehen. Vor allem Form und Länge der inneren Schamlippen bestimmen die Ästhetik. Sind diese zu lang oder hängen herunter, empfinden das vor allem Frauen als hässlich. Und lassen sich operieren. "Die äußeren Schamlippen sollen die inneren überdecken. Das ist der häufigste Wunsch", sagt Dr. Juliane Bodo, plastische Chirurgin in Berlin.


Die Zahl der genitalchirurgischen Operationen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Verzeichnete die International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS), die internationale Vereinigung ­für ästhetisch-plastische Chirurgie, im Jahr 2010 in Deutschland noch 1683 Eingriffe, zählte sie 2013 bereits 9711 Schamlippenkorrekturen. Grundlage für diese Daten sind Mitgliederbefragungen. Da im Prinzip jeder Arzt solche Eingriffe vornehmen kann, liegt die tatsächliche Zahl wahrscheinlich sogar höher.

Der Einfluss von Rasur, Pornos und Kunst

Was ist passiert, dass immer mehr Frauen mit ihrer Vagina so unzufrieden sind, dass sie sich einer Schönheits-OP unterziehen? Manchmal bereiten die inneren Schamlippen tatsächlich körperliche Probleme: Sie scheuern, werden eingeklemmt oder reiben, zum Beispiel beim Radfahren. "Manche Frauen haben wunde oder gar offene Stellen", sagt Expertin Bodo. Allerdings machen diese Fälle wohl eher einen geringen Teil aus. Die gesetzlichen Krankenkassen beurteilen solche Probleme als medizinisch nicht relevant und bezahlen die Eingriffe in der Regel nicht. Die Kosten liegen zwischen 2000 und 3000 Euro.

Seit die Schamgrenze gesunken ist und das weib­liche Genital immer öfter gezeigt und gesehen wird, entwickelte sich schnell auch ein Schönheitsideal. Pornos, der Trend zur Intimrasur sowie die Vagina als Medienthema und Kunstobjekt trugen zusätzlich dazu bei. "Bis ins 20. Jahrhundert findet sich in der abendländischen Kunst keine ausgearbeitete Darstellung weiblicher Schamlippen. Das war zu schamvoll. Die Vagina blieb bis vor etwa 20 Jahren eine Blackbox", sagt Dr. Ada Borkenhagen von der Universität in Magdeburg. Die Psychoanalytikerin forscht zum Thema Körperbild von Frauen.

Gerade erst ins Blickfeld gerückt, wird das weibliche Genital also sofort mit einem ästhetischen Ideal belegt. Das mindert die noch relativ junge sexuelle Offenheit – die etwa Oralverkehr bei Frauen salonfähig gemacht hat. Denn wer glaubt, seine Schamlippen sei hässlich, hat selten entspannt Sex – und ist insgesamt eingeschränkt. "Einige Frauen vermeiden es sogar, ins Schwimmbad oder in die Sauna zu gehen", sagt Schönheitschirurgin Bodo. Ein neues Bewusstsein für einen möglichen Makel ist geschaffen.

Operation ohne Regeln

Oder bedeutet nicht die Möglichkeit, sich die Schamlippen verkleinern zu lassen, wiederum selbst ein Stück Freiheit? Immerhin scheinen die meisten Frauen, die den Eingriff machen ließen, mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Und das Risiko für Nebenwirkungen beschreiben plastische Chirurgen als vergleichsweise gering – vorausgesetzt, die OP wird sorgfältig und mit Sachverstand ausgeführt. Als häufigste Komplikation gelten Nachblutungen. Um die Sicherheit für Ärzte und Patientinnen zu erhöhen, werden derzeit Standards in Form einer Leitlinie formuliert. Bisher gibt es weder verbind­liche Schnittführungen für die OP noch allgemeine Regeln, nach denen Mediziner entscheiden, ob sie überhaupt zum Messer greifen.

Denn was genau heißt, die Schamlippen seien zu lang? "Zu Beginn meiner Forschung im Jahr 2005 operierte man bei mehr als fünf Zentimetern, heute sind es drei", sagt Borkenhagen. Tatsächlich gibt es keine Norm. Belastbare Daten fehlen. "Die durchschnittliche Länge der inneren Schamlippen hat nie jemand vermessen", so die Expertin. Eine britische Studie mit 50 Frauen zeigte: Ein einheitliches Erscheinungsbild gibt es nicht, jede Scham sieht offenbar anders aus. Die plastische Chi­rurgin Juliane Bodo geht davon aus, dass bei 80 bis 85 Prozent der erwachsenen Frauen die inneren Schamlippen herausschauen. Andere Schätzungen sprechen nur von zehn Prozent. Viele Annahmen, keine Gewissheit.

Ein Schönheitsideal, das sich von keiner Norm abhebt, gründet auf – ja, worauf genau? Auf den Vorstellungen, die Medien oder Pornos in uns erzeugen? Keine sehr klare Grundlage. Klar aber ist: Dass eine Frau nur mit ihrem Intimbereich zufrieden sein kann, wenn sie sich einer OP unterzogen hat – das ist nicht schön.


Länger und breiter, bitte!

Auch Männer können ihr Genital korrigieren lassen. 2786 Penisvergrößerungen hat die ISAPS 2013 in Deutschland gezählt. "Ich trenne den Penis­schaft vom Schambein und ziehe ihn quasi heraus", sagt Dr. Stefan Schill, plastischer Chirurg in Bonn. Zwischen drei und fünf Zentimetern zusätzliche Länge sind möglich. "Mehr geht in der Regel nicht." Dicker wird das männliche Genital, indem man Eigenfett (etwa aus dem Bauch) zwischen Penisschaft und Vorhaut spritzt. Wundheilungs­­störungen, Infektionen oder Blutungen können auftreten. Kosten: rund 7000 €.



Bildnachweis: Fotolia/Alexey Rumyantsev

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