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Morbus Sudeck: Das rätselhafte Schmerzsyndrom

Die schmerzhafte Krankheit Morbus Sudeck gibt den Ärzten immer noch einige Rätsel auf. Über die Ursachen ist noch wenig bekannt, die Therapie ist umfangreich


Ergotherapie kann bei Morbus Sudeck Schmerzlinderung verschaffen

Melissa Praun (Name geändert) hatte erst einmal ganz einfach Pech: Dreimal innerhalb von zwei Jahren verletzte sie sich an der linken Schulter. Muskeln, Sehnen und Bänder verheilten zwar, aber die Schmerzen blieben. „Mal ist es, als ob mir jemand ein Messer hineinstößt, mal kribbelt es, meist brennt es einfach unsäglich“, berichtet die heute 37-Jährige.

Schon bald war die junge Frau mit einer Diagnose konfrontiert, die in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Menschen bekommen: Morbus Sudeck. Die Erkrankung hat der Chirurg Paul Sudeck Anfang des 20. Jahrhunderts als Erster beschrieben. Algodystrophie und chronisch regionales Schmerzsyndrom sind andere Namen dafür.



Dr. Gereon Schiffer von der Universitätsklinik Köln

Die Krankheit tritt an Armen wie Beinen auf, „über die Ursachen ist noch wenig bekannt“, sagt Dr. Gereon Schiffer, geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universitätsklinik Köln. „Sie ist aber eher eine Folge leichter als schwerer Verletzungen.“ Ein geringfügiger Nervenschaden, ein Knochenbruch, eine Prellung oder eine kleine Operation reicht aus.

Hellhörig wird Schiffer bei Schmerzen, die für die jeweilige Verletzung untypisch sind. Dann fahndet er nach Erklärungen: entzündetem Gewebe, übersehenen Verletzungen oder verschobenem Reparaturmaterial. „Findet sich nichts, muss man an Morbus Sudeck denken. Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose.“

Die Beschwerden ändern sich: In den ersten vier bis sechs Wochen überwiegen Schmerzen, später schwillt der Arm oder das Bein an, ist weniger beweglich, und die Hauttemperatur schwankt. Schließlich nehmen Kraft und Umfang der Muskeln ab, der Knochen verliert an Stabilität – die Funktion der Gliedmaße ist dauerhaft eingeschränkt.

Früher galten Sudeck-Patienten als labile Persönlichkeiten, als Menschen mit psychischen Problemen. „In der Tat machen Betroffene häufig einen ängstlichen oder depressiven Eindruck. Doch wem ginge es nicht so, wenn er ständig von Schmerzen gepeinigt würde?“, fragt Schiffer. Heute hat sich die Einschätzung der Ärzte gewandelt. Morbus Sudeck gilt als schwere Erkrankung – mit ungewissem Ausgang.

Multimodale Behandlung hilft oft

Die Prognose hängt davon ab, wie schnell die richtige Behandlung einsetzt. Eine intensive, vielschichtig angelegte Schmerztherapie gilt als ideal und bietet echte Heilungschancen. Sie umfasst unter anderem den Einsatz von Schmerzmitteln und eine psychische Betreuung. „Weitere Eckpfeiler sind physikalische Maßnahmen wie Bäder und Massagen, Krankengymnastik und Ergotherapie“, sagt Schiffer. „Allerdings sollte stets unterhalb der Schmerzgrenze geübt werden.“

Auf ihre Leidensgeschichte zurückblickend, hält Melissa Praun das für den Wendepunkt. Eine Krankengymnastin meinte es zu gut, glaubt sie: „Viele Übungen haben mir starke Schmerzen bereitet, teilweise musste ich Sitzungen abbrechen.“

Ob die dramatischen Folgen wirklich auf eine übertrieben intensive Therapie zurückzuführen sind, lässt sich nicht klären. Tatsache ist: Seit Jahren plagen Praun ständig Schmerzen, den linken Arm kann sie kaum benutzen, und Besserung ist nicht in Sicht. Glücklicherweise ergeht es nicht allen Sudeck-Patienten so wie ihr. Mit einer multimodalen Schmerztherapie bekommen die meisten ihre Beschwerden in den Griff. Im besten Fall werden sie sogar geheilt.



Dr. Ralph Müller-Gesser / Apotheken Umschau; 29.03.2011, aktualisiert am 05.04.2011
Bildnachweis: W&B/Alekander Perkovic, W&B/Fotolia

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