Manuelle Therapie: Können Hände heilen?

Keine Medikamente, keine Apparate. Nur Handgriffe. Manuelle Behandlungen versprechen sanfte Linderung, aber sie können auch Schaden anrichten

von Christian Andrae, aktualisiert am 09.02.2016

Helfen manuelle Behandlungen gegen Verspannung und Schmerz?

Fotolia/artfocus

Er dreht ihren Kopf bis zum Anschlag und überdehnt mit einem ruckartigen Impuls kurz ihren Nacken. In 20 Sitzungen wurde Laurie Mathiason jeweils mit einer sogenannten Manipulation der Halswirbelsäule von ihrem Therapeuten behandelt. Den "Nacken einrenken" nennt das der Volksmund. Nach ihrer letzten Sitzung klagt die junge Kellnerin über Nackensteife und Schmerzen. Sie ist etwas konfus und lässt an jenem Abend in der Arbeit auch mehrere Teller fallen.

Tags darauf sucht sie deshalb erneut ihren Chiropraktor auf. Der manipuliert in Sitzung Nummer 21 wieder ihren Hals. Laurie Mathiason rollt daraufhin mit den Augen, hat Schaum vor dem Mund und zuckt am ganzen Körper. Im Krankenhaus angekommen, fällt sie ins Koma. Drei Tage später ist sie tot.

Laurie Mathiason wurde 20 Jahre alt. Sie starb am 7. Februar 1998 in Kanada infolge eines Schlaganfalls. Aber war das die Schuld des Therapeuten? Ihr Tod ist jedenfalls ein von Kritikern oft zitiertes Beispiel, wenn es um die Gefahren einer Manipulation der Halswirbelsäule geht. Dabei handelt es sich um eine Technik, die häufig in der Physiotherapie, Chiropraktik, Osteopathie, aber manchmal auch in der ärztlichen Praxis eingesetzt wird.


Verursacht wurde der Schlaganfall der Kanadierin laut Autopsie durch einen Riss der sogenannten Vertebral-Arterien im Bereich der Halswirbelsäule. Sie verlaufen rechts und links durch die Knochen der Halswirbelsäule und versorgen einen Teil des Gehirns mit Blut. Werden sie verletzt, können sich an der Arterie Blutpfropfen bilden. Lösen sich diese und werden ins Gehirn gespült, können sie dort ein Gefäß verstopfen und dadurch einen Schlag­­anfall auslösen. So war es auch bei Laurie Mathiason. Vor Gericht konnte dem Therapeuten keine Schuld nachgewiesen werden. Dennoch: Der Fall der jungen Kanadierin entfachte eine bis heute andauernde Diskussion.

Eine schwere Frage

Kann das impulsartige "Nackeneinrenken" einen Schlaganfall verursachen? Einer der Ersten, die in Deutschland nach einer Antwort darauf forschten, war der Neurologe Professor Peter Marx von der Charité Berlin. Inzwischen emeritiert, untersuchte der noch heute aktive medizinische Gutachter alle von 1996 bis 2005 der Norddeutschen Ärztekammer vorgelegten Fälle, bei denen Ärzten der Vorwurf gemacht wurde, durch eine Manipulation der Halswirbelsäule die Arterien eingerissen – Mediziner sagen "dissektiert" – zu haben. Insgesamt 16 Vorgänge. Und es stimmt. "Das Risiko für einen Schlag­­anfall ist durch eine impulsive Manipulation der Halswirbelsäule leicht erhöht", sagt Marx. Aber: "In keinem der Fälle konnte der Arterienriss den Therapeuten zugeordnet werden." Die Arterien seien schon zuvor beschädigt gewesen.

Ein Arterienriss durch Yoga

Gründe für die seltenen Arterienrisse gibt es viele. Sport, Nach-oben-Schauen, hektische Kopfbewegungen. Das New England Journal of Medicine berichtet auch von Yoga als Ursache von Dissektionen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Arterienriss ist aber sehr gering. Laut Bericht im Canadian Journal of Neurological Sciences liegt sie bei 1 bis 1,5 Fällen je 100 000 Personen im Jahr.

Und ebenjene Arterienrisse können auch Nacken- und Kopfschmerzen verursachen. Manche Betroffene suchen dann vermeintlich naheliegend einen Therapeuten auf, der sie mit einem Dreh von den Schmerzen befreit. "Aber dadurch lenkt der Therapeut den Blutpfropfen an der Halsarterie erst richtig in die Blutbahn ein", sagt Marx. "Und das kann tatsächlich ­einen Schlaganfall auslösen." Die Gefahr liegt also darin, dass der Therapeut den Arterienriss mit "gewöhnlichen" Nacken­- und Kopfschmerzen verwechselt.

"Gerade deshalb muss die Arterie vorher mit einem bildgebenden Verfahren wie Ultraschall auf Vorschäden hin untersucht werden", sagt Dietmar Daichendt. Wenn es sich nicht um einen von der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie ausgebildeten Arzt mit der Zusatzbezeichnung M.D.O.-DGCO handelt, ist das die Aufgabe eines Neurologen oder Angiologen.

Daichendt ist Deutschlands erster Professor für Osteopathische und Manuelle Medizin, Osteopathie und Chirotherapie an der Steinbeis-Hochschule Berlin sowie Allgemeinarzt in München. Er macht deutlich: "Ohne eine solche Vordiagnostik darf keine Manipulation an der Halswirbelsäule erfolgen." Auch bei Knochentumoren und -schwund kommen harte Techniken nicht infrage.

Sind entsprechende Risiken auszuschließen, können manipulative Verfahren an der Wirbelsäule tatsächlich schnell und effektiv Linderung verschaffen – bei Nacken- und Rückenschmerzen. Das belegen gleich drei Cochrane Reviews. Sie gelten interna­tional als höchster Standard, wenn es darum geht, Wirksamkeit und Eignung medizinischer Behandlungsmethoden zu überprüfen. Diese Untersuchungen zeigen: Bei Nacken- und Rückenschmer­­zen können Manipulationen an der Wirbelsäule ebenso wirksam sein wie andere konservative Therapien. Aber: Eine Manipulation sollte, betont Daichendt, nur von Ärzten mit osteopathischer oder chirotherapeutischer Ausbildung durchgeführt werden.

Eine umstrittene Behandlung

Bei Physiotherapeuten sind Manipulationen sehr umstritten. Vor allem weil sie eventuelle Vorschädigungen nicht diagnostizieren und somit Risiken nicht ausschließen können. Auch ob sie solche Eingriffe überhaupt durchführen dürfen, ist in Deutschland unklar. Als Kassenleistung anerkannt, dürfen Physiotherapeuten Patienten mit manueller Therapie behandeln. Laut Leistungsbeschreibung des Sozialgesetzbuchs ist die manuelle Therapie der Teil der manuellen Medizin, der die "impulslose Mobilisation", aber keine Manipulation enthält. Die Bewegung erfolgt dabei in der Regel nicht ruckhaft, sondern langsam und vorsichtig. Dadurch sollen muskuläre, reflektorische Fixierungen gelöst und das Gelenkspiel soll wiederhergestellt werden können.

Weitere Kassenleistungen von Physiotherapeuten – und somit als Heilmittel anerkannt – sind etwa Krankengymnastik, Massagen, manuelle Lymph­­drainagen oder Beckenbodenbehandlungen. Eingesetzt werden diese Methoden des Physiotherapeuten häufig zur Vorbeugung von berufsbedingten und chronischen Krankheiten wie Rückenschmerzen; bei der Therapie von rheumatischen Erkrankungen, Knochenbrüchen, Muskelrissen, bei neurologischen Erkrankungen sowie zur Rehabilitation nach Unfällen oder lang dauernden Erkrankungen.
Auch die Chirotherapie ist bei Rückenschmerzen als Heilmittel anerkannt. Die Grundidee: Körperliche Beschwerden lassen sich auf Blockaden oder Fehlstellungen der Gelenke zurückführen. Werden diese Probleme behoben, sollen die Symptome verschwinden.
Die Chirotherapie darf jedoch nicht mit der Chiropraktik verwechselt werden: Chirotherapeuten sind ausschließlich entsprechend ausgebildete Ärzte. Die Berufsbezeichnung ist gesetzlich geschützt. Chiropraktiker sind in der Regel keine Mediziner. Manche Krankenkassen übernehmen dennoch freiwillig zumindest anteilig die Behandlungskosten.

Eine schlechte Beweislage

Das ist aber wohl eher dem Wettbewerb unter den Kassen als der Wirksamkeit geschuldet. Denn Kritiker bemängeln, dass bei der Chiropraktik und der ihr sehr ähnlichen, aber sanfteren Osteopathie der wissenschaftliche Beweis der Wirksamkeit fehlt. Und daraus macht auch Professor Daichendt keinen Hehl.

Er hat für diesen Mangel aber eine Erklärung: "Wir haben das Problem, dass es keine dicke Beweislage gibt, die den typischen Kriterien der evidenzbasierten Medizin entspricht." Das würde jedoch in der Natur der Sache liegen. Denn diese Form der Medizin soll Ärzten die besten wissenschaftlichen Beweise liefern, damit sie sich gewissenhaft für oder gegen eine bestimmte Behandlung oder ein bestimmtes Medikament entscheiden können. Um diese Beweise zu liefern, braucht es ein hohes Maß an Vergleichbarkeit. Sie ist die Grundlage für eine wissenschaftliche Aussagekraft. Alles muss reproduzierbar sein.

Zum Beispiel bei einer Studie, die zeitgleich an verschiedenen Stand­orten durchgeführt wird. Trotzdem müssen alle Beteiligten exakt das Gleiche tun. So ist das etwa in der Pharmaforschung üblich. Alle Probanden bekommen gleich verpackte Medikamente. Niemand weiß, ob und wer ein Placebo, also ein Medikament ohne Wirkstoff, erhält – ein sogenanntes doppelblindes, randomisiertes Verfahren. "Das können wir in der manuellen Medizin nicht bewerkstelligen", sagt Daichendt. Denn der Therapeut wisse schließlich immer, wo er hindrückt. Wie fest er drückt, kann nicht ermittelt werden. Das schließe doppelblinde und reproduzierbare Studien aus.

"Schon dadurch haben wir die Kriterien der evidenzbasierten Medizin nicht erfüllt", sagt Daichendt. Das gleiche Problem hätte die Akupunktur gehabt, als sie sich wissenschaftlich durchsetzen wollte. Gelöst wurde es durch eigene Studien-Kriterien, die teilweise auch in der Welt der Wissenschaft akzeptiert wurden.

Ähnliches hat Dietmar Daichendt für die Anerkennung der Chirotherapie und Osteopathie in Deutschland vor. "Aber wir werden uns immer wieder rechtfertigen müssen, weil die Medizinerschaft heute extrem pharmakologisch-wissenschaftlich geprägt ist."


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