Es ist ein klarer Wintermorgen, als Christina Schröder (Name geändert) ihren Tränen freien Lauf lässt. Die 29-Jährige sitzt in einem hellen Raum im Psychologischen Institut der Universität Mainz. „Stellen Sie sich vor, Sie haben eben erfahren, dass Sie Lymphdrüsenkrebs haben“, hat ihre Therapeutin gerade gesagt. „Was sehen Sie? Was hören Sie? Wie fühlt sich das an?“ Christina Schröder versetzt sich in ihrer Vorstellung in das Sprechzimmer eines Onkologen. Sie spürt ihren Puls rasen, sieht den besorgten Blick des Arztes. Und fängt plötzlich an zu weinen, heftig und ganz real.
Als die Angst nach einer halben Stunde nachlässt, beendet die Therapeutin die Sitzung, Schröder ist erschöpft. Die Psychologin bietet ihr an, erst einmal gemeinsam eine Runde spazieren zu gehen.
Erfolg durch Konfrontation
„Ich dachte, ich halte es nicht aus“, erklärt Christina Schröder heute. „Aber diese Konfrontation mit der Angst war eine der wichtigsten Erfahrungen in meiner Therapie.“ Ein Dreivierteljahr später sitzt die studierte Juristin wieder im selben Raum des Psychologischen Instituts. Es ist schon dunkel draußen, als sie die Geschichte ihrer Hypochondrie erzählt.
Rund sieben Prozent der Deutschen haben wiederkehrende Krankheitsängste. Ein halbes Prozent gilt als Hypochonder im klinischen Sinn, Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen.
Der Ablauf variiert
Die Weltgesundheitsorganisation definiert Hypochondrie als eigenständige psychische Krankheit. Im Einzelfall verläuft diese recht unterschiedlich: Fürchtet sich der eine Patient wochenlang fast durchgehend vor einem bestimmten Leiden, kommen die Ängste bei anderen in Schüben. Treibt die Angst den einen regelmäßig ins Wartezimmer, gehen andere Betroffene wie Christina Schröder nur sehr ungern zum Arzt – die Diagnose könnte ja den befürchteten Verdacht bestätigen. Gemeinsam ist fast allen Hypochondern, dass sie Jahre brauchen, bis sie erkennen, dass die Angst ihr Problem ist – nicht eine tödliche Krankheit.
„Hypochonder werden in der Gesellschaft häufig belächelt“, sagt Maria Gropalis, Therapeutin am Psychologischen Institut der Universität Mainz. „Es gibt das Bild des eingebildeten Kranken, der es liebt, sich im Selbstmitleid zu suhlen.“ Die Realität sehe anders aus, meint die Psychologin. Hypochonder brauchten nach Ausbruch der Störung im Schnitt ein Jahrzehnt, bis sie in eine Therapie kämen. Davor lägen Jahre der Angst und der Scham, nicht ernst genommen zu werden.
Auch Christina Schröder spricht bis heute mit kaum jemandem über ihr Leiden. Ihre erste Erfahrung damit liegt bereits 16 Jahre zurück.
Ständig wechselnde Ängste
Mit 13 sah sie in einer Fernsehserie eine Figur, die an einem Hirntumor starb. „Kurz danach entdeckte ich bei mir selbst Anzeichen für einen Tumor“, erinnert sich Schröder. „Das waren Allerweltssymptome wie Kopfschmerzen und Druck im Kopf. Aber damals brachte ich das sofort mit der tödlichen Erkrankung in Verbindung und bekam Angst, dass ich bald sterben muss.“
Nach einigen Tagen verschwanden die Ängste – um regelmäßig in immer neuem Gewand zurückzukehren. Oft führten äußere Auslöser zu einem weiteren Schub: eine Erkrankung im Verwandtenkreis, ein Artikel in der Zeitung. „Das fing dann mit körperlichen Symptomen an“, berichtet Schröder. „Ich bekam einen hohen Puls, fing an zu schwitzen, mir wurde übel. Schließlich fühlte ich mich wie jemand, der im Flugzeug ein komisches Geräusch hört und glaubt, er stürzt ab. Das ging so über Tage und Wochen.“ Immer machten ihr unterschiedliche Krankheiten Angst.
Stets das Schlimmste im Sinn
Leichte Schübe ebbten von selbst ab, andere erst im Untersuchungszimmer eines Arztes. „Die ersten Jahre ging es meist um Krebs, später auch um anderes wie Herzrhythmusstörungen oder multiple Sklerose.“ Alle Erkrankungen hatten gemein, dass sie ernsthaft oder sogar potenziell tödlich waren. „Das ist typisch. Kein Hypochonder hat Angst vor einem Schnupfen“, erklärt Psychologin Gropalis.
Bei Lukas Hein begannen die Krankheitsängste im Sommer 2002. Wie Christina Schröder will er seinen richtigen Namen nicht öffentlich nennen. „Es fing damit an, dass ich dachte, ich hätte Hodenkrebs“, erzählt der 31-Jährige. Grund war eine Verhärtung am Hodensack. Im Internet las er, das könne ein Anzeichen für Krebs sein, und verbrachte das Wochenende grübelnd. Am Sonntagnachmittag hielt er die Unruhe nicht mehr aus und fuhr in die Universitätsklinik Münster. „Dort wurde extra ein Arzt angerufen, der mich abtastete und einen Ultraschall machte.“ Die Diagnose: eine harmlose Kalkablagerung.
Der Arzt nahm eine Gewebeprobe, zur Sicherheit. „Ich dachte: Akut Hodenkrebs habe ich zwar nicht, aber da ist etwas, das man beobachten muss.“ In der Folge ließ Hein sich regelmäßig untersuchen. Als der Urologe auch beim vierten Termin keinen Tumor bei ihm fand, ging er zu einem anderen, der ebenfalls nichts feststellte. „Erst danach war ich sicher, dass ich wirklich keinen Krebs habe.“
Was Außenstehende schwer verstehen, ist der Kern der Hypochondrie. „Bei Hypochondern lässt die Angst vor einer Krankheit nicht nach, auch wenn der Kopf eigentlich überzeugt sein müsste“, sagt Maria Gropalis. Die Betroffenen suchen in Medizinforen, recherchieren in Ratgebern und versichern sich schließlich bei Ärzten – in der Hoffnung, sie könnten die unangenehmen Ängste dadurch unterdrücken. Typisch ist auch das ständige Untersuchen des eigenen Körpers: Haben sich die Muttermale verändert? Sind die Lymphdrüsen geschwollen? Dabei bringt die ständige Selbstbeobachtung, die eigentlich die Angst unterdrücken soll, oft neue „Symptome“ zum Vorschein: „Ich war vor Jahren mal längere Zeit müde. Das deutete für mich klar darauf hin, dass ich Leukämie habe – als wenn es keine anderen Gründe für Müdigkeit gäbe“, erinnert sich Christina Schröder.
Das Internet sei in dieser Hinsicht ein Problem, sagt Birgit Mauler, leitende Psychologin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. „Wer ein unspezifisches Symptom eingibt, landet schon nach ein paar Klicks bei schweren Krankheiten. Man neigt dazu, sich erst mal das Spektakulärste anzusehen – schon weil man das Schlimmste ausschließen will.“ Studien zeigen, dass medizinisch uninformierte Patienten Ferndiagnosen aus dem Internet sehr ernst nehmen. „Trotzdem kann man nicht sagen, das Internet ‚macht‘ Hypochonder. Es verstärkt höchstens die Anlagen dazu“, sagt Mauler.
Die Gründe für den Ausbruch der Krankheit sind vielfältig. Man kommt nicht als Hypochonder zur Welt – darin sind sich die Experten einig, auch wenn einige Zwillingsstudien genetische Gründe nicht ausschließen. „Aber es gibt Risikofaktoren“, erklärt Birgit Mauler. So bekommen Menschen, die auch in anderer Beziehung eher furchtsam sind, häufiger Krankheitsängste. Schlimme Erfahrungen in der Kindheit, Todesfälle und schwere Krankheiten in der Familie können Hypochondrie auslösen. „Es müssen aber keine tragischen Ereignisse sein“, sagt Mauler. „Auch wer als Kind überbehütet erzogen wurde, neigt eher zu Angst vor Krankheiten.“
Verzerrte Aufmerksamkeit
Dass Hypochonder überall Krankheitssymptome sehen, ist Teil ihrer Erkrankung. Aufmerksamkeitsverzerrung nennen Psychologen das Phänomen. „Bei einer Hypochondrie werden normale Körperempfindungen fehlinterpretiert“, erklärt Maria Gropalis.
Dass solche Angstpatienten auf bestimmte Reize anders reagieren als üblich, hat die Forscherin gerade in einem Experiment nachgewiesen. Sie führte Freiwilligen auf einem Bildschirm Wörter in verschiedenen Farben vor, darunter harmlose Begriffe und solche wie „Herzrasen“ oder „Metastasen“. Sie bat die Teilnehmer, möglichst schnell die Farbe des jeweiligen Wortes zu nennen. Erstaunliches Ergebnis: Bei angstbesetzten Begriffen brauchten Hypochonder deutlich länger.
„Das deutet darauf hin, dass bei Hypochondern die Aufmerksamkeit verzerrt ist“, schließt Gropalis. Ein Patient könne sich oft auf kaum etwas anderes konzentrieren als auf die vorgestellte Krankheit. „In der Hochphase meiner Hypochondrie brauchte ich eine Zeitung nur zu überfliegen, um blitzschnell Worte wie ‚Krebs‘ oder ‚Vogelgrippe‘ zu finden“, berichtet auch Lukas Hein. So kreisen die Gedanken von Hypochondern oft einen Großteil des Tages um Krankheit oder Tod. Bei Christina Schröder führte das über die Jahre fast in eine Depression. „Ich war oft antriebslos. Die ganze Energie brauchte ich dafür, die Ängste zu unterdrücken.“ Mit Freunden zu reden half ihr nicht weiter. „Die sagten nur: ,Du bist doch so jung – warum solltest du Lymphdrüsenkrebs haben?‘ Ich kam mir irgendwann vor, als sei ich von einer anderen Art. Keiner konnte verstehen, was ich fühle.“
Dass ihre Ängste das Problem sind, wurde Christina schon mit 18 klar. Sie brauchte aber neun Jahre, um eine erste Therapie zu beginnen. „Ich versuchte es mit Tiefenpsychologie, aber das half mir nicht weiter. Ich wusste nachher, woher die Ängste kommen, aber nicht, wie ich ihnen begegnen kann.“
Vermeiden bringt nichts
Diese Strategien wurden ihr in einer Verhaltenstherapie vermittelt, die sie im Juli 2008 im Psychologischen Institut der Universität Mainz begann. Zentrales Element: die Konfrontation mit der Angst. Was bringt es, sich seinen Ängsten in ihrer schlimmsten Form zu stellen? „Jede Angst kriegt Futter dadurch, dass ich vermeide“, erklärt Therapeutin Gropalis. „Bei der Krankheitsangst ist es die Vermeidung der bildlichen, intensiven Auseinandersetzung mit bestimmten Befürchtungen. Die Konfrontation hindert einen daran. Man macht die Erfahrung: Ich überlebe das.“ Es entstehe eine Angstkurve, die zuerst steil ansteigt, um nach einer Weile abzuflachen. „Und man kann sich mit dem auseinandersetzen, was hinter der Angst steht.“
Auch Lukas Hein erfuhr 2007 in einer Verhaltenstherapie die positive Wirkung der Konfrontation. Die behandelnde Psychologin gab ihm den Auftrag, verschiedene Krebsarten auf Zetteln zu notieren und diese in seinem Zimmer aufzuhängen. Im Therapiegespräch sollte er Horrorszenarien aufschreiben, wie die Welt nach einer Virus-Pandemie aussähe. „Heute versuche ich, Beruhigungsstrategien zu vermeiden, etwa das Surfen auf Medizinseiten“, erklärt Hein. Angstschübe träten nach der Therapie viel seltener auf. Und wenn sie kommen, habe er gelernt, damit umzugehen.
Hohe Erfolgschancen
Christina Schröder hat noch zwei Sitzungen vor sich. Zurzeit arbeitet sie mit ihrer Therapeutin an dem, was sie als Kern ihrer Angst identifiziert hat: dem Annehmen negativer Gefühle. Eine Studie der Universität Mainz könnte ihr Mut machen: Demnach sagen 80 Prozent der behandelten Hypochonder, ihre Situation habe sich nach der Therapie „deutlich gebessert“.
Michael Aust / Apotheken Umschau; 19.01.2010, aktualisiert am 12.01.2012
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
BABY und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung