Wenn die Trauer nicht aufhört

Zu trauern ist normal. Wenn man den Prozess aber nicht abschließen kann, sprechen Ärzte von pathologischer Trauer. Eine Therapie kann helfen

von Diana Engelmann, aktualisiert am 12.01.2016

Wenn Einsamkeit und Trauer nicht aufhören, brauchen Betroffene Hilfe

istock/northlightimages

Wir trauern in Wellen. Zeiten, in denen uns der Verlust schier die Luft zum Atmen raubt, wechseln sich ab mit Zeiten, in denen wir an morgen denken. "Es ist ein Bewältigungsprozess mit zwei Schwerpunkten, der da stattfindet", erklärt Professorin Anette Kersting, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Je mehr Zeit vergeht, desto kürzer werden die Phasen, in denen der Verlust alles beherrscht, und umso länger solche, in denen wir unser neues Leben gestalten.

Bei manchen Menschen aber werden die Phasen der Trauer nicht kürzer. Die Betroffenen stecken im Trauerprozess fest und schaffen es nicht, den Verlust des geliebten Menschen zu bewältigen. Psychotherapeuten sprechen dann von pathologischer Trauer. Sie tritt ein, wenn sich jemand zwölf Monate lang mehr als die Hälfte der Tage stark nach dem Verstorbenen sehnt, sich intensiv sorgt, gedanklich beim Tod des geliebten Menschen verhaftet bleibt oder sich übermäßig mit den Umständen des Ablebens beschäftigt. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, schöne Erinnerungen zuzulassen, sich wie betäubt fühlt oder stark verbittert.


So werden jedenfalls im Anhang von DSM-5, dem Diagnosehandbuch für psychische Krankheiten der amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, einige Symptome des noch jungen Krankheitsbildes beschrieben. Derzeit formt sich die Definition der anhaltenden, komplexen Trauerreaktion – wie es unter Fachleuten heißt – auch bei uns. Es wird diskutiert, pathologische Trauer in die ICD-11 aufzunehmen, die nächste Version des Klassifikationssystems für Krankheiten für Deutschland. Sie soll 2018 erscheinen.

Risiko für Krankheiten steigt

Denn neben der seelischen Belastung, zeigten Studien, haben Menschen mit Symptomen pathologischer Trauer auch ein erhöhtes Risiko, früher zu sterben. Außerdem steigt die Gefahr für Herz-Kreislauf-Leiden und psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen.

Anette Kersting forscht seit 15 Jahren zum Thema Trauer. Damit war sie in Deutschland eine der Ersten, die diesen Bereich für die Wissenschaft öffneten. "Ich war Oberärztin in der Psychiatrie der Uniklinik in Münster, als ich zu einer Patientin gerufen wurde. Sie hatte ihr Baby tot auf die Welt gebracht und hörte es im Nebenzimmer weinen. Ganz deutlich – obwohl die Frau sehr wohl wusste, dass es nicht lebte." Diese Trauerhalluzination der Patientin berührte Anette Kersting so sehr, dass sie mehr über die Prozesse nach einem Verlust erfahren wollte. Sie wollte besser helfen können.

Menschen trauern unterschiedlich

Neben dem anfangs beschriebenen, prozessorientieren Wellenmodell, mit dem Forscher das Phänomen Trauer zu erfassen versuchen, gibt es sogenannte Phasenmodelle. Demnach folgen auf eine Zeit des Nicht-wahrhaben-Wollens Zorn und Ärger. Dann eine Phase, in der man mit sich selbst und dem Schicksal hadert, darauf Depressionen. Bis der Prozess schließlich in Akzeptanz zur Situation mündet – und der Verlust verarbeitet wurde. So weit die Theorie.

"Der Vorteil dieser Konzepte ist, dass vieles so in der Realität passiert. Der Nachteil, dass die Leute denken, es müsse so sein", sagt Kersting. Denn das stimmt nicht. Menschen trauern unterschiedlich. Und wenn jemand nach fünf oder zehn Jahren an Weihnachten wieder weint, ist das auch ganz normal.

Internettherapie zeigt Erfolge

Weil die Trauer so viele Gesichter hat, ist es schwierig, normale Verläufe von pathologischen zu unterscheiden. Für pathologische Fälle hat Anette Kersting eine Internettherapie entwickelt. Sie testete ihr Konzept 2010 bis 2013 in einer Studie mit 228 Männern und Frauen, die ein Kind verloren hatten. Die Internet­therapie half den überwiegend weiblichen Probanden. Ein Jahr nach der Behandlung berichteten sie in Fragebögen, wie es ihnen geht. "Sie trauerten weniger, waren weniger traumatisch belastet und litten weniger an psychischen Beschwerden wie ­Depressionen", sagt Kersting.

Eine derzeit laufende Therapie-Studie richtet sich an Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Fünf Wochen dauert die Schreibtherapie via Internet, bei der sich die Patienten in Briefen mit dem Therapeuten über den Verlust austauschen. Dabei beantworten sie dessen Fragen oder schreiben einen Abschieds­brief an die Person, die sie verloren haben. "Wir schauen, wo Aspekte nicht verarbeitet sind. Darauf gehen wir ein", erläutert Kersting.

Von Schuldgefühlen loskommen

Beispielsweise bleiben beim Tod eines geliebten Menschen in der Regel Konflikte bestehen, die sich nun nicht mehr klären lassen. Der Zurückgebliebene macht sich Vorwürfe, erinnert sich an den letzten Streit und bereut, so verletzend gewesen zu sein. "Dass es Konflikte zwischen den Menschen gibt, ist aber normal. Beziehungen sind ambivalent", sagt Expertin Anette Kers­ting. Hat der Hinterbliebene das verstanden, nagen Schuldgefühle vielleicht weniger heftig an ihm.

Die Internettherapie ist unabhängig von Praxissprechzeiten und vom Wohnort. Das ist praktisch. Sie eignet sich aber nicht für jeden: Für Patienten, die an schweren Depressionen leiden oder Selbstmordgedanken hegen, kommt sie nicht infrage.

Ein weiterer Vorteil der Online-Behandlung: Wer will, kann anonym bleiben. "Viele schämen sich nach wie vor, eine Psychotherapie zu beginnen", sagt Kersting. Einige könnten so die Schwelle, sich in Behandlung zu begeben, leichter überwinden. Gerade bei Angehörigen von Menschen, die sich das Leben genommen haben, scheint diese Schwelle besonders hoch zu sein. "Suizide sind stigmatisiert", sagt Kersting.

Hinzu kommt, dass wir wenig Erfahrung im Umgang mit Trauer haben. Früher signalisierte etwa schwarze Kleidung im Trauerjahr, dass man sich in einer besonderen Situation befand. "Heute gibt es wenige Regeln und so auch kaum Platz für die Trauer", sagt Kersting. Da ist es gut zu wissen, dass uns Trauer manchmal schubartig überfällt. Und uns kurz darauf der Gedanke an ein Morgen mit Hoffnung erfüllen kann.


Hier finden Sie Hilfe

Bei der Telefonseelsorge (08 00/1 11 01 11) kann man jederzeit anrufen und Trost suchen.

In Selbsthilfegruppen können sich Trauernde mit anderen austauschen, die Ähnliches erlebt haben. Wer pathologisch trauert und keine Internettherapie machen möchte, für den eignen sich Behandlungsformen wie kognitive Verhaltenstherapie oder psychodynamische Therapie.


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