Wann ist jemand hochbegabt?

IQ-Tests sind immer noch das einzige Instrument, um Hochbegabung festzustellen. Doch was ist mit Talenten, die damit nicht erfasst – und so nicht gefördert werden?

von Dr. Achim G. Schneider, aktualisiert am 25.02.2016

Kunstturnerin Pauline Schäfer bekam WM-Bronze – ist sie hochbegabt?

Imago Sportfotodienst GmbH/Schreyer

Seit er denken kann, liebt Gero ­Gode den Wettbewerb. Schon als Sechsjähriger lernt er Schach – und setzt bald darauf seinen älteren Bruder und seinen Vater matt. Im Alter von elf beherrscht er das Brettspiel so gut, dass er Thüringer Meister wird. Jetzt, als Erwachsener, wetteifert Gode im Beruf um Erfolg. Er hat bereits mehre Internetplattformen gegründet, drei davon gewinnbringend verkauft. Mit den Erlösen wagt er sich an neue Projekte. "Es reizt mich, meine Ideen schnell umzusetzen und wachsen zu lassen", erklärt der 29-Jährige.

Gode ist einer von rund 1,6 Millionen Hochbegabten in Deutschland. Dazu zählen definitionsgemäß die rund zwei Prozent der Bevölkerung, die standardisierte Aufgaben etwa mit Zahlen, Wörtern und geometrischen ­­Figuren am besten bewältigen. Alle ­Ergebnisse werden zu einem Intelligenzquotienten (IQ) verrechnet, dem etablierten Maß für das "allgemeine ­intellektuelle Leistungsvermögen".


Wer 85 bis 115 erreicht, denkt durchschnittlich. Ab 115 gilt man als überdurchschnittlich intelligent und ab 130 als hochbegabt. Gode hat einen IQ von 132. Das weiß er, seitdem er vor ein paar Jahren aus reiner Neugier einen Test absolvierte. Der IQ-Wert allein sagt allerdings noch nicht besonders viel darüber aus, worin die Stärken einer Person liegen.

Jeder hat ein individuelles Intelligenzprofil

Erziehungswissenschaftler Professor Thomas Trautmann von der Universität Hamburg hält es sogar "für Unfug", von den Begabten als Gruppe zu sprechen, als gehörten sie zu einer besonderen Klasse von Menschen. Zu unterschiedlich sei das Intelligenzprofil jedes Einzelnen. Gode etwa erzielte Spitzenergebnisse bei Aufgaben zum logisch-abstrakten Denken und Zahlenverständnis. Andere Personen zeichnen sich durch hervorragendes Sprachtalent aus, wieder andere durch ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Nur rund jeder fünfte Hochbegabte zählt in allen getesteten Bereichen zu den zwei Prozent der besten Deutschen.

Manche Menschen haben Inselbegabungen

Aber auch manche Menschen mit nur durchschnittlichen IQ-Werten können auf bestimmten Gebieten hervorragend denken. Experten sprechen dann von einer Inselbegabung. Wie unterschiedlich die geistigen Fähigkeiten eines einzigen Gehirns sein können, zeigen Menschen mit dem sogenannten Savant-Syndrom. Sie sind – meist schon von Geburt an – geistig behindert, und ihre IQ-Werte liegen oft weit unter 70. Trotzdem vollbringen diese Personen Erstaunliches bis Fantastisches: etwa im Musizieren, Rechnen oder Auswendiglernen. Der 36-jährige Brite Daniel Tammet (siehe unten) kann kaum rechts und links unterscheiden. Doch geht es um Zahlen, macht ihm so gut wie keiner etwas vor.

IQ-Tests zeigen versteckte Begabungen

Viele Menschen entdecken ihre besonderen geistigen Fähigkeiten früh und finden auch die nötige Unterstützung, um sie zu entfalten. Doch nicht selten schlummern Begabungen im Verborgenen. "Intelligenz drückt sich längst nicht immer in Leistung aus. Intelligenztests können dann dazu beitragen, das Potenzial eines Menschen zu erkennen", erklärt Professorin Franzis Preckel, die an der Universität Trier die Abteilung für Hochbegabtenforschung und -förderung leitet. So gibt es hochintelligente Kinder, die völlig unterschätzt werden, weil sie nicht mit den anderen spielen, sich am Schulunterricht nicht beteiligen, generell kaum etwas sagen. Doch auch kleine Dauerquassler, die bereits wie Erwachsene reden, werden von Kindergärtnern und Lehrern oft verkannt. Daraus können sich Nachteile für den weiteren Lebensweg ergeben. Preckel: "Nicht alles lässt sich später aufholen. Manche Talente verkümmern sogar, wenn sie nicht gepflegt werden." Zum Beispiel ein besonderes Sprachtalent.

Und Schüler, die die ersten Klassen mühelos mit Bestnoten absolvieren, können später schulische Probleme bekommen. Denn auch das Lernen will erlernt sein. "Wer nicht schriftlich rechnen kann oder seine Vokabeln nicht beherrscht, stößt irgendwann an Grenzen", sagt Dr. Rüdiger Hossiep, Eignungsdiagnostiker und Personalpsychologe an der Uni Bochum. In höheren Klassen genüge es nicht mehr, sich allein auf seine Intelligenz zu verlassen. "Einige Hochbegabte erreichen keinen hohen Schulabschluss, weil sie sich nie angestrengt haben."

Auch Intelligenztests haben Grenzen

All das spricht dafür, schon sehr junge Menschen auf ihre Intelligenz hin zu testen, wenn sie sich auffällig verhalten. Allerdings gibt es dafür auch ganz andere Gründe: Überforderung, eine Entwicklungsstörung oder familiäre Probleme etwa. Die Nachricht, dass ihr Sprössling nicht zu den Hochbegabten zählt, kann daher für Eltern sehr enttäuschend sein. Pädagoge Thomas Trautmann hat mit seinem Team bereits fast 900 Hochbegabtentests an Kindern durchgeführt. Er empfiehlt, dabei sehr sorgfältig vorzugehen. Liegt ihm ein Ergebnis vor, folgen Gespräche mit den Lehrern, den Eltern und dem Kind selbst. So lässt sich miteinander klären, welchen Beitrag jeder aus dem Umfeld leisten kann, um das Kind bestmöglich zu fördern. Manche Mädchen und Jungen bekommen danach die Chance, eine zusätzliche Sprache zu erlernen, andere überspringen eine Klasse oder erhalten Extraunterricht. Die Versetzung in Klassen oder Schulen für Hochbegabte ist ebenfalls eine Option.

Doch Trautmann weiß auch um die Grenzen jeder Begabtendiagnostik. Denn es gibt viele Potenziale, die dadurch nicht aufgespürt werden. "Intelligenztests sind schlechte Instrumente, doch wir haben keine besseren", so der Experte.

Hochbegabungen nicht immer intellektueller Natur

Professor Kurt Heller von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München wollte sich damit nicht begnügen. In den 80er-Jahren entwickelte der damalige Leiter des LMU-Zentrums für Begabungsforschung ein Modell, das neben intellektuellen noch andere Talente berücksichtigt: kreative, soziale, musische, sportliche und handwerkliche etwa. Im Jahr 2007 präsentierten Forscher um Heller Testserien, die auch bestimmte Charaktermerkmale und das soziale Umfeld von Schülern erfassen.

Ziel: herauszufinden, was im Einzelnen die Entfaltung von Begabungen hemmt oder fördert. "Bleibt ein Kind hinter seinen Möglichkeiten zurück, kann man versuchen, die Hindernisse zu beseitigen oder zumindest zu reduzieren", sagt Heller. Etwa Ängste, Konzentrationsprobleme oder den Unwillen zu lernen. So lassen sich Kinder viel umfassender fördern, als wenn man sich dabei nur nach ihrem intellektuellen Denkvermögen richtet. Allerdings dürfte sich dieses aufwendige Vorgehen in der Praxis nur bedingt umsetzen lassen.

Gibt es verschiedene Arten von Intelligenz?

Heller und Trautmann sind davon überzeugt, dass Menschen multiple Intelligenzen haben. Eine Theorie, die der US-amerikanische Erziehungswissenschaftler und Psychologe Howard Gardner in den 80er-Jahren entwickelte. Ihm zufolge haben etwa Spitzensportler wie die Turnerin Pauline Schäfer (siehe unten) eine hervorragende motorische Intelligenz und Menschen wie Felix Finkbeiner (unten), die andere für ihre Sache gewinnen, eine hohe interpersonale Intelligenz.

Andere Experten lehnen Gardners Theorie ab, weil sie sich wissenschaftlich kaum fassen lässt. Bislang konnte noch niemand Tests für weitere Intel­­ligenzen eta­blieren. Preckel: "Unbe­stritten gibt es vielerlei Begabungen. Doch für mich sind sie kein Thema der Intelligenzforschung." Dennoch räumt sie ein: "Natürlich halte ich es für wichtig, ­Fähigkeiten in anderen Bereichen ebenso wertzuschätzen."

Ein Aufruf, sich nicht auf Intelligenztests zu fixieren. Auch ohne einen hohen IQ-Wert kann jemand besondere Talente haben. Es lohnt sich, diese zu entdecken und weiterzuentwickeln. Denn wer sich entfalten kann, lebt zufriedener. Und auch die Mitmenschen profitieren von den erstaunlichen Fähigkeiten anderer.


Hochbegabt oder einfach ein Ausnahmetalent?

  • Portrait
    W&B/Stefan Thomas Kröger

    Schnellstarter

    Gero Gode will immer der Erste sein, wenn ihn etwas packt. Seinen Wetteifer lebt er auf mehreren Feldern aus: beim Gokartfahren, Computerspielen und Firmengründen. Der 29-Jährige hat bereits mehrere Internetplattformen auf die Erfolgsspur gebracht und gewinnbringend verkauft. Godes hoher IQ ist dafür sicher eine gute Basis. Doch der Betriebswirt arbeitet auch hart, wenn es darauf ankommt.

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  • Hochbegabter
    Laif/Polaris/Murdo Macleod

    Zahlenakrobat

    3,1415926535 ... Vielen dürfte es schwerfallen, sich die ersten zehn Nachkommastellen der Kreiszahl Pi zu merken. Der Brite Daniel Tammet schaffte 22.504 weitere Ziffern und gewann so einen europäischen Pi-Wettbewerb. Zudem multipliziert und dividiert er hohe Zahlen, als wäre es das kleine Einmaleins. Tammet ist ein Savant, also ein Hochbegabter auf einem bestimmten Gebiet. Wie viele Savants hat auch er ein Asperger-Syndrom, das mit einem auffälligen Verhalten einhergeht.

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  • Hochbegabte Frau
    Imago Sportfotodienst GmbH/Schreyer

    Sportskanone

    Talent gehört immer dazu, um es im Sport an die Spitze zu bringen. Beim Kunstturnen zählen vor allem Schnellkraft, Beweglichkeit, Koordination, Gleichgewicht. Und die Fähigkeit, beste Leistung auch unter Wettbewerbsbedingungen zu erbringen. Pauline Schäfer hat diese perfektioniert und wurde dafür vor Kurzem mit der Weltmeisterschafts-Bronzemedaille am Schwebe­balken ­belohnt. Manche Forscher halten Bewegungs­begabung für eine eigene Form von Intelligenz.

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  • Preisverleihung
    dpa Picture-Alliance GmbH/Caroline Seidel

    Überzeugungskünstler

    Was braucht ein Neunjähriger, um weltweit Kinder dafür zu gewinnen, Bäume zu pflanzen? Außer der guten Idee ­sicher sehr viel Überzeugungstalent, Durchhaltewillen und Selbstbewusstsein – Qualitäten, die kein Intelligenztest erfasst und die dem inzwischen 18-jährigen Felix Finkbeiner wohl in die Wiege gelegt wurden. Die von ihm gegründete Umweltinitiative Plant for the Planet ist zu einer globalen Bewegung geworden. Kinder und Jugendliche in aller Welt haben dafür bislang bereits mehr als 14 Milliarden Bäume gepflanzt.

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Bildnachweis: Laif/Polaris/Murdo Macleod, dpa Picture-Alliance GmbH/Caroline Seidel, W&B/Stefan Thomas Kröger, Imago Sportfotodienst GmbH/Schreyer

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