West-Ost-Differenz: Überall auf der Welt erkranken Männer an Prostatakrebs. Doch das Risiko unterscheidet sich deutlich, wie der Vergleich von China, Europa und den USA zeigt
An Prostatakrebs erkranken in Deutschland jedes Jahr 60.000 Männer – mehr als an jedem anderen Tumor. Auch in den meisten übrigen Ländern Europas und in den USA belegt er den Spitzenplatz. In Asien dagegen kommen Tumore der Vorsteherdrüse vergleichsweise selten vor. Ihre Häufigkeit, bezogen auf die Einwohnerzahl, war 1990 in den USA etwa 80-mal höher als in China.
Mit dem Alterseffekt lässt sich dieser große Unterschied nicht erklären, obwohl das Alter bei Prostatakrebs eine wichtige Rolle spielt, da das Erkrankungsrisiko mit den Lebensjahren steigt. Die Mehrzahl der Patienten ist zum Zeitpunkt der Diagnose älter als 65. Doch in vielen Regionen der Welt sterben die meisten Männer weit früher, lange bevor sich bei ihnen ein Prostatakarzinom entwickeln könnte.
Um Bevölkerungen mit unterschiedlichen Altersstrukturen zu vergleichen, greifen Statistiker zu einem Trick. Sie bestimmen den Anteil der Erkrankten für jeden Geburtsjahrgang und errechnen dann die Häufigkeit für eine Standardbevölkerung. So ermittelten Epidemiologen auch die 80-fache Differenz zwischen den USA und China. Ohne diese statistische Bereinigung wäre sie noch viel höher ausgefallen.
Sind Europäer und US-Amerikaner also von Natur aus besonders anfällig für Prostatakrebs? Beobachtungen an Asiaten, die vor Jahrzehnten in die USA auswanderten, sprechen dagegen. Dort erkranken nämlich Chinesen und Japaner öfter an Prostatakrebs als in ihrem Herkunftsland. Und die Söhne der Migranten trifft es fast mit der gleichen Häufigkeit wie den Durchschnitt der US-Bürger.
„Allerdings hat ein Amerikaner asiatischer Herkunft immer noch ein etwas niedrigeres Risiko als einer mit europäischen Wurzeln“, sagt Professor Alexander Katalinic, Vorsitzender der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland an der Universität zu Lübeck.
Also spielen erbliche Faktoren wohl ebenfalls eine Rolle. Dafür spricht auch, dass es Afro-Amerikaner häufiger trifft als Migranten aus Europa. In den USA macht der Unterschied zwischen den Volksgruppen immerhin den Faktor 2,5 aus. Zudem hängt auch das persönliche Risiko von den Genen ab. Aber: Verschiedene Erbanlagen alleine erklären nicht, warum in westlichen Ländern so viel mehr Männer an Prostatakrebs erkranken als in China.
Tumore bleiben unentdeckt
Dr. Joachim Bertz sieht den Hauptgrund in den unterschiedlichen Gesundheitssystemen. „Je weniger entwickelt ein Land ist, desto niedriger liegt die Prostatakrebs-Rate“, sagt der Wissenschaftler vom Robert-Koch-Institut in Berlin. So wird die Mehrzahl der Bewohner armer Länder kaum ärztlich untersucht und behandelt. „Bei einem Mann, der medizinisch schlecht versorgt ist, bleibt später die wahre Todesursache häufig unentdeckt“, sagt Bertz.
Katalinic nennt ein weiteres Argument. „Deutschland und die USA haben ausgezeichnete Krebsregister. Ich bezweifle, dass die Qualität der Dokumentation in China ebenso hoch ist.“ So unterschätzen ärmere Länder die Zahl ihrer Krebskranken und -toten. Viele Prostatatumore bleiben unentdeckt, oder die Patienten erscheinen nicht in den Statistiken.
Bessere Diagnostik, mehr Fälle
In Europa und den USA ist dies anders. Kritiker bemängeln dort sogar, dass zu viele Männer eine Prostatakrebs-Diagnose erhalten. So verdreifachte sich in Deutschland die Zahl von 20.000 Patienten im Jahr 1980 auf mehr als 60.000 im Jahr 2006. Ein Grund: Der Anteil älterer Männer stieg stetig.
Doch auch altersbereinigt hat sich die Zahl der Diagnosen mehr als verdoppelt. „Das liegt fast ausschließlich daran, dass zunehmend mehr Männer die Früherkennungsuntersuchung in Anspruch nehmen“, urteilt Bertz.
So rät die Deutsche Gesellschaft für Urologie Männern ab dem 40. Lebensjahr zu einem regelmäßigen PSA-Test. Denn ein erhöhter Gehalt des sogenannten prostataspezifischen Antigens (PSA) im Blut ist ein Indiz für Prostatakrebs. Finden die Ärzte anschließend in einer Gewebeprobe Tumorzellen, stellen sie die Krebsdiagnose. Männer mit einem aggressiven Tumor profitieren davon. Früh erkannt, lässt sich das kranke Gewebe schonend entfernen.
Allerdings entdecken die Pathologen auch weniger gefährliche Karzinome, darunter solche, die den Patienten nie Beschwerden bereiten würden. Doch sind sie erst einmal diagnostiziert, zählen sie zu den Krebsfällen. Deren Anzahl stieg in allen Ländern mit der Einführung des PSA-Tests.
„Die höchsten Raten Europas gibt es in Tirol“, sagt Bertz. Das österreichische Bundesland bietet Männern ab 45 Jahren bereits seit 1988 den Bluttest kostenlos an. In Deutschland und fast überall sonst müssen Männer ihn zur Früherkennung selbst bezahlen. Noch höher als in Tirol ist die Erkrankungsrate in den USA, wo fast jeder Mann seinen PSA-Wert bestimmen lässt.
Dr. Achim Schneider / Apotheken Umschau;
18.02.2011
Bildnachweis: Avenue Images GmbH/Aurora Photos/Philip Gostelow/Aurora Select, Corbis GmbH , W&B/Astrid Zacharias
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