Wie neutral ist die Unabhängige Patientenberatung?

Eine pharmanahe Firma führt jetzt die Unabhängige Patientenberatung. Das wird den Geist der Organisation verändern. Ob zum Guten, ist allerdings fraglich

von Diana Engelmann, aktualisiert am 15.02.2016

Die Unabhängige Patientenberatung ist seit 2016 in privater Hand. Ist das gut für den Patienten?

Plainpicture/Tom Merton

Probleme mit Krankenkassen, Behandlungsfehler, Fehldiagnosen – deswegen melden sich Menschen bei der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). Sie benötigen Hilfe – unabhängig und in ihrem Sinne. Ab jetzt organisiert das Duisburger Unternehmen Sanvartis diesen Service. Kritiker waren fassungslos. Denn Sanvartis ist eine auf Medizinwissen spezialisierte Callcenter-Firma, die ihre Dienste allen zahlenden Kunden anbietet – also auch Kassen, Pharmaunternehmen, Kliniken. Vertreter aus Politik und von Sozialverbänden bezweifeln, dass ein solcher Anbieter neutral berät.

Zehn Jahre lang organisierten der Sozialverband Vdk Deutschland, der Verbraucherzentrale Bundesverband und der Verbund unabhängige Patienten­beratung die UPD. "Das war eine Organisation mit Geschichte. Wer dort gearbeitet hat, war Überzeugungstäter im besten Sinn", sagt Professor David Klemperer, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der UPD. "Das kann man von den neuen Betreibern nicht erwarten." Die Neuen, das sind etwa 50 Berater, die Fragen von Patienten derzeit in der frisch gebauten Geschäftszentrale in Berlin entgegennehmen.


Sanvartis hat für die UPD eine eigenständige gemeinnützige Gesellschaft gegründet, um zu gewährleisten, dass die Stelle unabhängig arbeitet. Und dass nicht dieselben Mitarbeiter, die für Krankenkassen zuständig sind, auch Patienten beraten. Angestrebt ist, mit 120 Mitarbeitern deutschlandweit Patienten zu unterstützen. Die ehemalige UPD hatte auch 120 Mitarbeiter. Statt rund 80 000 Gespräche pro Jahr wie bisher will die neue UPD 220 000 bewältigen. Mit einer Erreichbarkeit von 8 bis 22 Uhr wochentags, samstags bis 18 Uhr. Ein ambitioniertes Projekt, das sich die Betreiber vorgenommen haben. Denn sie müssen die Strukturen komplett neu aufsetzen.

Zwei UPD-Beiräte zurückgetreten

Nachdem bei der regelmäßig per Gesetz fälligen Ausschreibung Sanvartis vergangenen Herbst den Zuschlag erhalten hatte, traten zwei Mitglieder des UPD-Beirats zurück. "Ich glaube nicht, dass die alte Herangehensweise in die neue hinübergerettet werden kann – allen Zusicherungen zum Trotz", sagt Professor Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und Ex-Mitglied des Beirats. Die UPD hat immer großen Wert darauf gelegt, Pa­tienten ausführlich zu beraten und deren Interessen ernst zu nehmen. Vor allem bei Auseinandersetzungen mit den Kassen. Das zeigen die Monitor-Berichte der letzten Jahre, die dokumentieren, warum Patienten anrufen.

Die neue UPD legt Wert auf Effizienz. Mehr Gespräche, länger erreichbar sein. "Unser Anspruch ist, evidenzbasiertes Wissen im Medizinbereich zur Verfügung zu stellen", sagt Thorben Krumwiede, Geschäftsführer der neuen UPD. Also Empfehlungen zu geben, die von der Wissenschaft gestützt sind. Ein hehres Ziel. Hätte nicht die Vergangenheit gezeigt, dass Patienten sich eher wegen sozialrechtlicher Probleme melden.

Hinzu kommt ein finanzieller Aspekt. Die UPD wird mit Versichertenbeiträgen finanziert. Professorin ­Marie-Luise Dierks von der Medizinischen Hochschule Hannover, die ebenfalls ihr Amt im Beirat niedergelegt hat, sagt: "Es geht nicht, dass privatwirtschaftliche Unternehmen mit Versichertengeldern unterstützt werden." Denn auch wenn die neue UPD als gemeinnützige Gesellschaft so wie ihre Vorgängerin kein Geld verdienen darf, hat sie doch an Sanvartis eine Gebühr bezahlt – für deren Beratungssoftware.

"Wettbewerb um Innovation"

Trotzdem hat Sanvartis den Zuschlag bekommen. Wie kann das sein, wenn die ehemalige UPD doch so gut gearbeitet hat? "Sanvartis hat das bessere, umfangreichere Angebot abgegeben", sagt Karl-Josef Laumann, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. Der Gesetzgeber will die Ausschreibung, um die Strukturen stetig zu verbessern. "Es soll ein Wettbewerb um Innovation und das beste Konzept stattfinden", so Laumann. Damit nimmt der Gesetzgeber in Kauf, eine vorhandene, gewachsene Struktur zu ersetzen. Ob die erhofften Innovationen Aufwand und Hürden eines Trägerwechsels überwiegen, ist fraglich. Allerdings könnte auch eine gewisse Trägheit der Verbände dazu beigetragen haben, dass der Auftrag verloren ging. Das sagen Gesundheitsexperten, die ihre Namen hier nicht lesen wollen. Mit ihrem Angebot jedenfalls konnten die ehemaligen Betreiber nicht überzeugen.

Dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) dürfte das gelegen kommen. "Dass sie mit der UPD Probleme hatten, ist bekannt", sagt Professorin Doris Schaeffer, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld. Die UPD ist auch ein Instrument, um Missstände im Gesundheitswesen aufzudecken. Der Monitor-Bericht 2014 etwa zeigte, dass die Kassen Krankengeld oft nicht zahlten. Sie reagierten mit Formularen, Verordnungen und Druck auf lange krank Geschriebene, anstatt sie zu versorgen. "Jetzt haben die Kassen diesbezüglich wohl nicht mehr viel zu befürchten", meint Rosenbrock. Sanvartis gilt als kassennaher Dienstleister.

Neue Position: Neutralitätswächter

Die Rolle des GKV-Spitzenverbands bei der UPD war schon immer schwierig. Denn per Gesetz muss er die UPD fördern. Auch entscheidet er mit darüber, wer die auf neun Millionen Euro erhöhten Fördermittel pro Jahr erhält. "Ein Geburtsfehler des Gesetzes", sagt Beiratsmitglied Klemperer. "Wenn man eine von Kostenträgern und Leistungserbringern unabhängige Beratungsstelle haben möchte, ist es ein Problem, wenn der Kostenträger diese Einrichtung fördert."

Neu bei der UPD ist nicht nur der Betreiber, sondern auch, dass eine zusätzliche Person über die Neutralität wacht. "Ein Auditor stellt die Unabhängigkeit der Beratung sicher", betont Geschäftsführer Krumwiede. Damit will man Kritikern wohl den Wind aus den Segeln nehmen. Bisher war solch eine Instanz nicht nötig. Es lohnt sich auf jeden Fall gut hinzuschauen, wie die UPD in Zukunft arbeitet. Ob sie für die Kassen unbequem bleibt. Rosenbrock: "Wenn wir nichts mehr von ihr hören, sollten wir aufhorchen."



Bildnachweis: Plainpicture/Tom Merton

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