Ein Passbild brauchte man bislang vor allem aus diesen Anlässen: für Personalausweis, Reisepass, Führerschein, Bewerbung und eventuell die Bahncard. Die 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland haben jetzt einen weiteren Grund, vor die Kamera zu treten: Seit Kurzem verlangen die gesetzlichen Krankenkassen ein Lichtbild ihrer Versicherten. Es soll auf die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK) gedruckt werden.
Einige Versicherte, vor allem im eGK-Testland Nordrhein-Westfalen, haben die neue Karte schon im Portemonnaie. Bis Ende 2011 mussten die Kassen zehn Prozent ihrer Mitglieder damit ausstatten, bis Ende 2012 sollen es 70 Prozent sein. Was die neue Karte kann und in Zukunft können soll, ist vielen Versicherten allerdings unklar. „Einige Kassen tun so, als sei das einzig Neue an der Karte der Name“, kritisiert etwa Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg.
Ausbau in Stufen
Tatsächlich sind auf dem Mikrochip der eGK bisher nur die sogenannten Stammdaten des Versicherten hinterlegt, also Name, Alter, Anschrift und Kassenzugehörigkeit – nicht mehr als auf der bisherigen Karte. Man habe aber eine „stufenweise Einführung“ geplant, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Hinter der Karte stecke ein „lernendes System“.
Verbraucherschützer kritisieren diese schrittweise Systemumstellung. In Zukunft sollen auf dem Chip etwa elektronische Rezepte gespeichert werden, die der Apotheker dann von der Karte ablesen kann. Sofern es der Versicherte will, lassen sich zudem individuelle Notfalldaten wie chronische Krankheiten, Blutgruppe oder Arzneimittelunverträglichkeiten erfassen. Auch, welche Medikamente ein Patient verschrieben bekommen hat, soll auf dem Chip hinterlegt werden. Ärzte und Apotheker könnten so mit einem Blick auf die Daten entscheiden, ob sich Arzneien vertragen oder beeinträchtigen. Ob und wann die Karte diese Funktionen erhält, ist noch unklar.
Der Weg zur elektronischen Gesundheitskarte
1995: Einführung der Versichertenkarte
Die Krankenversicherungskarte ersetzt den Krankenschein. Datenschützer verhindern einen Chip zur Datenspeicherung
1/5
2003: Modernisierungs-Gesetz
Die rot-grüne Bundesregierung verabschiedet ihr „Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenkassen“. Darin vorgesehen: die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte zum 1. Januar 2006.
2/5
2005: Gründung der gematik
Die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens gründen die gematik Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte. Sie soll die eGK vorantreiben.
3/5
2008 Stopp-Forderung
Die FDP-Bundestagsfraktion, Ärzteverbände und die Gesellschaft für Informatik fordern, die Einführung der Karte zu stoppen, „bis sichergestellt ist, dass die Voraussetzungen für Datensicherheit erfüllt sind“. Auch technisch-organisatorische Probleme verzögern die Einführung.
4/5
2011: Einführung der eGK
Seit Oktober 2011 verschicken die Krankenkassen die zunächst abgespeckte Karte.
5/5
Noch unsicherer – und umstrittener – ist die Freischaltung des Telematik-Systems im Hintergrund. Der Chip auf der eGK soll nämlich einmal Zugriff auf einen Datenspeicher bieten, auf dem die „elektronische Patientenakte“ zentral verwahrt wird. Dazu gehören etwa Diagnosen, digitale Röntgenbilder oder Laborbefunde. Zunächst will man nur einzelne Daten wie zum Beispiel Klinikaufenthalte aufnehmen. Wann das System freigeschaltet und genutzt werden kann, darüber diskutieren laut Gesundheitsministerium noch Ärzte, Krankenkassen und Datenschützer.
Die Debatte um den Schutz der sensiblen Patientendaten schwelt seit Jahren. Noch 2010 sprachen sich die Delegierten des Deutschen Ärztetags mit großer Mehrheit dafür aus, „das verfehlte Projekt“ aufzugeben. Zumindest die Bundesärztekammer sieht den angestrebten Systemwechsel inzwischen positiv. Dazu meint Samir Rabbata, stellvertretender Pressesprecher der Ärztevereinigung: „Die elektronische Gesundheitskarte wird zukünftig das Instrument in der Hand des Patienten sein, mit dem er – wenn er es wünscht – seinen Ärzten Zugriff auf Vorerkrankungen ermöglicht.“
Michael Aust / Apotheken Umschau;
20.02.2012
Bildnachweis: W&B/Marcel Weber
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung