Laute Musik macht zwar gute Laune, schadet aber den Ohren
"Wer seinen Ohren Gutes tun will, muss möglichst alle schädigenden Einflüsse vermeiden“, sagt Professor Friedrich Bootz, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Universitätsklinikum Bonn. „Dazu gehört vor allem der Schutz vor Lärm sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit.“ Zwar haben sich in den vergangenen Jahren vielerorts Früherkennungsuntersuchungen des Hörorgans von Neugeborenen etabliert, Vorsorgeuntersuchungen für Erwachsene werden jedoch nicht angeboten. Und Medikamente, mit denen wir uns vorbeugend vor Schwerhörigkeit schützen können, gibt es nicht.
Wer zu starker Bildung von Ohrenschmalz (Cerumen) neigt, sollte die gelegentlich entstehenden Pfropfe unbedingt von einem HNO-Arzt entfernen lassen. „Führen Sie weder Wattestäbchen noch sonstige Gegenstände selber in den Gehörgang ein“, warnt Bootz. Immer wieder passiert es, dass dabei das Trommelfell verletzt oder gar durchstoßen wird. In manchen Fällen kommt es bei diesen riskanten Reinigungsarbeiten sogar zu einer Verschiebung (Luxation) der Gehörknöchelchen: Das „Werkzeug“ gleitet dann so tief in das Mittelohr, dass das winzige Gelenk zwischen Amboss und Steigbügel ausgerenkt wird.
Auch bei einer Explosion in unmittelbarer Nähe, einem heftigen Schlag auf das Ohr oder einem unglücklichen Aufprall auf die Wasseroberfläche beim Sprung in ein Schwimmbecken kann das Trommelfell platzen. „Diese Verletzungen sind zwar äußerst schmerzhaft, aber heilbar“, sagt der HNO-Arzt. Sie verschwinden entweder von selbst, oder sie lassen sich operativ beheben. Nur in seltenen Fällen kommt es zu einer bleibenden Schädigung des Innenohrs.
Anders stellt sich die Situation dar, wenn sich eine chronische Lärmschwerhörigkeit entwickelt hat. „Gutachter stufen eine akustische Dauerbelastung ab 85 Dezibel als schädigende Lautstärke ein. Trotzdem tragen immer noch erschreckend viele Berufstätige bei der Arbeit mit lauten Maschinen keinen Gehörschutz“, beklagt Bootz.
In der Freizeit setzen vor allem junge Menschen ihre sensiblen Sinnesorgane zu lange zu lauter Musik aus – diese dröhnt aus MP3-Playern, Auto-Sound-Systemen und Diskotheken-Boxen. Auch aktives Musizieren – sei es als Symphoniker im Orchestergraben oder als Rockgitarrist auf der Bühne – kann den feinen Haarzellen in der Hörschnecke (Cochlea) bleibende Schäden zufügen.
Wer aufgrund dieser unterschiedlichen Einflüsse im Lauf seines Lebens eine Schwerhörigkeit entwickelt – meistens im Bereich der hohen Töne –, sollte dringend einen Ohrenarzt aufsuchen. Bootz: „Eine frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten ist wichtig, nicht nur, um die Ohren zu unterstützen, sondern um die Verarbeitung des Gehörten im Gehirn zu trainieren.“
„Das normale Hören lässt sich mit Hörgeräten nicht wiedererlangen“, erklärt der Rostocker Hörgeräteakustikermeister Lars-Uwe Hartig. „Aber dank der rasanten technischen Entwicklung kommen wir dem natürlichen Hören immer näher.“ Die Vorurteile, Hörgeräte seien groß, laut und pfeifen, man müsse daran herumstellen und sie taugten nichts, treffen auf die heutige Gerätegeneration nicht mehr zu, so Hartig. „Hörgeräte können sehr unauffällig und einfach in der Handhabung sein.“ Viele arbeiten vollautomatisch.
„Mit dem Zweiten hört man besser“, fährt der Akustik-Experte fort. „Für das Hören und Verstehen sind beide Ohren wichtig, denn das eigentliche Hören geschieht im Gehirn. Die Ohren sind unsere Mikrofone und stellen dem Gehirn die nötigen Informationen zur Verfügung.“ So allein könne man ein räumliches Hören erreichen. Das sei nicht nur wichtig für das Richtungshören, sondern ebenso für das Verstehen von Sprache in geräuschvoller Umgebung. "Die beidohrige Versorgung ist heute die Regel“, fügt Bootz hinzu. Wenn ein Rezept vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt vorliegt, erstatten die gesetzlichen Krankenversicherungen alle sechs Jahre einen Festbetrag zwischen 360 und 420 Euro pro Seite.
Zu den wichtigsten Neuerungen der vergangenen Jahre zählt Hörgeräte-Spezialist Lars-Uwe Hartig die sogenannte Frequenzkompression. Er erklärt: „Gerade die hohen Konsonanten wie ,s‘ und ,f‘ sind für Deutlichkeit und Unterscheidung ähnlich klingender Wörter wichtig. Deshalb wandelt ein Prozessor diese hohen Töne, die wegen des Hörschadens nicht mehr so gut oder gar nicht mehr wahrgenommen würden, in einen tieferen, besser verständlichen Frequenzbereich um.“
Für die ideale Lösung hält Hartig in den meisten Fällen die sogenannte offene Versorgung. Die Geräte sitzen hinter den Ohrmuscheln, der Schall wird über einen dünnen Hörschlauch in das Ohr geleitet. Bei vielen Modellen befindet sich der Lautsprecher im Ohr, sodass der Schall direkt abgegeben werden kann. „Wichtig bei all diesen Systemen ist die Ankoppelung“, erklärt er. „Sie wird vor allen Dingen durch ein individuell geformtes Ohrpassstück gewährleistet. Es lässt das Ohr offen, erleichtert die Handhabung und garantiert einen perfekten Sitz.“
Während sich der Tragekomfort ständig verbessert, stellt die Energieversorgung für viele Hörgerätebesitzer nach wie vor ein Problem dar. Warum halten die Batterien nur so kurze Zeit? Diese Frage wird Lars-Uwe Hartig immer wieder gestellt. „Sie dürfen ein Hörsystem nicht mit einer Digitaluhr vergleichen, wo die Batterie lediglich jede Sekunde einen minimalen Impuls geben muss“, erläutert Hartig. „Bei Hörgeräten handelt es sich um zwei winzige komplette Stereoanlagen mit Mikrofon, Verstärker und Lautsprechern.“ Die besondere Technik der Hörgerätebatterie stellt eine stets gleichbleibende Spannung für den digitalen Chip zur Verfügung. Kann sie diese nicht mehr aufrechterhalten, weist bei vielen Geräten ein Warnton darauf hin, dass die Batterie ausgewechselt werden muss.
Aber inzwischen hat die bei größeren Batterien schon lange angewandte Wiederauflade-Technologie auch bei Hörgeräten Einzug gehalten. Es gibt verschiedene Modelle, deren Akkusysteme nachts in eine Ladestation gegeben werden, sodass sie am nächsten Tag wieder zwölf bis vierzehn Stunden betriebsbereit sind.
Auch bei den Implantaten sind neue Produkte auf dem Markt. Neben den teilimplantierbaren gibt es inzwischen auch vollimplantierbare Hörgeräte. Sie werden operativ in den Warzenfortsatz hinter der Ohrmuschel eingesetzt. Den Schall leiten sie mittels einer Schwingmasse direkt an die Gehörknöchelchen im Mittelohr weiter.
Dass der Akku, der durch die Haut aufgeladen werden muss, keine unbegrenzte Lebensdauer hat, sieht Bootz nicht als Nachteil: „Die Entwicklung schreitet zügig voran. Was jetzt implantiert wird, ist möglicherweise in wenigen Jahren wieder überholt und muss ohnehin ausgetauscht werden.“
Ullrich Jackus / Apotheken Umschau;
05.07.2010
Bildnachweis: W&B/Szczesny, Foto: Stockbyte
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