Was Therapien bei Tinnitus bringen

Behandlungsmethoden gegen das Geräusch im Ohr gibt es viele. Einige davon setzen auf Musik. Doch Experten warnen: Längst nicht alle Tinnitus-Therapien halten ihre Erfolgsversprechen

von Julia Rudorf, aktualisiert am 05.01.2017

Musik kann helfen, mit Tinnitus besser zurechtzukommen

plainpicture GmbH & Co KG/Felbert+Eickenberg, W&B/Astrid Zacharias

Einen Sommer ohne Musik kann Mirko sich nicht vorstellen. Jedes Jahr geht der Student auf mehrere Festivals: "Spannende Bands, neuer Sound – das ganze Lebensgefühl ist toll." Damit möglichst viele Menschen diese besondere Stimmung genießen können, ohne ihre Gesundheit zu gefährden, engagiert Mirko sich für die Deutsche Tinnitus-Stiftung der Berliner Charité: "Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie bei so einem Konzert etwas aufs Spiel setzen, das ihnen besonders wichtig ist: Musik gut hören zu können." Mirko klärt darüber auf, dass am Arbeitsplatz ab 85 Dezibel ein Gehörschutz Pflicht ist, Konzerte es jedoch auf mehr als 105 Dezibel bringen.

Tinnitus kann auf Disco-Schaden folgen

Im Rahmen der Aktion "Ich höre was, was du nicht hörst" verteilen Freiwillige auf Konzerten Ohrenstöpsel. Denn nach einem sogenannten "Disco-Schaden" kann ein Tinnitus zurückbleiben. Betroffene hören dann ein Fiepen, Brummen oder Pfeifen, auch wenn es eigentlich still ist. Niemand außer ihnen nimmt das Geräusch wahr.


Bleibt die Störung länger als drei Monate, gilt Tinnitus als chronisch. Nach Schätzungen der Deutschen Tinnitus-Liga leiden darunter in der Bundesrepublik etwa drei Mil­lionen Menschen. Auch jüngere sind gefährdet: Eine Untersuchung des bayerischen Gesundheitsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass gerade junge Erwachsene durch musikalischen "Freizeitlärm" Gehörschäden riskieren.

Tinnitus ist ein Symptom, keine Krankheit

"Chronischer Tinnitus geht oft mit einem anderen Gehörschaden einher. Den können ältere Menschen haben, aber auch junge", sagt Birgit Mazurek, Professorin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Direktorin des Tinnitus-Zentrums der Charité in Berlin. Stress, Bluthochdruck oder andere Erkrankungen können ebenfalls den Tinnitus hervorrufen. Die mysteriösen Geräusche sind keine eigene Krankheit, sondern eher ein Symptom.

Experten führen sie auf eine Störung des Hörprozesses zurück, an dem nicht nur das Ohr beteiligt ist, sondern auch das Gehirn. Hören wir etwa Musik, wandeln Haarzellen im Innenohr den Schall in elektrische Signale um. Über den Hörnerv gelangen diese ins Gehirn, wo sie schließlich verarbeitet werden. Doch den sehr empfindlichen Haarzellen setzt Krach genauso zu wie zunehmendes Alter. Sind sie defekt, läuft das Zusammenspiel von Ohr, Nervenbahnen und Gehirn aus dem Ruder. Der Hörnerv etwa wird überaktiv, feuert Signale, obwohl kein Schall am Ohr ankommt.

Signal-Feuerwerk löst Fehlalarm aus

Im Gehirn entsteht aus dem chaotischen Signalfeuerwerk eine falsche Wahrnehmung – nicht selten von Geräuschen, die wegen des Hörschadens eigentlich gar nicht mehr wahrgenommen werden können (siehe Infografik unten). Fachleute vergleichen den Tinnitus deshalb auch mit Phantomschmerz: Nach Amputationen fühlen Betroffene häufig Schmerzen in Gliedmaßen, die ihnen fehlen.


Phantomgeräusche im Kopf: An der Entstehung eines Tinnitus ist nicht nur das Ohr beteiligt – auch die Nerven der Hörbahn und das Hörzentrum im Gehirn spielen eine Rolle

W&B/Astrid Zacharias

Professor Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen

W&B/Carsten Behler

So komplex die Auslöser für das Pfeifen im Ohr, so vielfältig sind auch die Behandlungsansätze. "Die meisten unserer Patienten wissen, dass sich Tinnitus nicht einfach abschalten lässt", sagt Professor Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Doch Betroffene können lernen, mit dem Geräusch besser zurechtzukommen. Wissenschaftlich gut untersucht ist das sogenannte Retraining. Ziel des Behandlungskonzepts: den Tinnitus verstehen lernen, um ihn aus der Wahrnehmung zu verdrängen und möglichst gut zu ertragen.

Zunächst werden die Patienten in Einzelgesprächen über Tinnitus aufgeklärt. Darauf folgt eine Verhaltenstherapie, um Belastungen zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Da der Tinnitus oft mit Hörverlust zusammenhängt, können außerdem Hörgeräte entsprechend angepasst werden. Und es gibt die Möglichkeit spezieller Trainingsmethoden, die die Wahrnehmung der Betroffenen für ihre akustische Umwelt schulen sollen.

Das Retraining gilt in Deutschland als Therapie der Wahl für Menschen, die an einem nicht allzu schweren Tinnitus leiden. Die Erfolge sind nachhaltig, wie etwa eine Studie der Charité zeigte. Demnach können die Effekte über drei Jahre anhalten. Doch erst einmal müssen die Patienten Zeit investieren: Zwischen sechs und 24 Monate kann eine Behandlung dauern.

Großes Interesse an Musiktherapien bei Tinnitus

Eine Aussicht, die nicht immer attraktiv erscheint. Zumal der Leidensdruck hoch ist – gerade bei Patienten, die schon vieles erfolglos probiert haben. Da wundert es kaum, dass das Interesse an neuen Therapien und Forschungsansätzen ständig steigt, vor allem an solchen, die mit Musik arbeiten. Tinnitus ist ein akustisches Ereignis, Musik auch. Wieso der Störung also nicht mit Musik beikommen?

Tatsächlich kann sie Patienten mit einem Tinnitus helfen. Experte Hesse: "Hört man etwa ein Symphoniekonzert, kann man versuchen, nur auf die Geigen zu achten. Oder nur auf die Querflöte." Gezieltes Musikhören bringt etwas, weil das Gehirn dann zwischen Instrumenten unterscheidet und Klänge filtert. "Das hilft, auch Ohrgeräusche gezielt zu filtern", so Hesse.

"Den Tinnitus-Tönen aktiv etwas entgegensetzen"

Um das Gehör zu trainieren, müsse man nicht unbedingt Klassik hören. "Metal, Heino oder Mozart – das ist egal. Wichtig ist, sich nicht bedudeln zu lassen." Darauf, dass Tinnitus viel mit bewusstem Hören zu tun hat, setzt auch die Musiktherapie nach dem sogenannten Heidelberger Modell.

Das Programm besteht – ähnlich wie das Retraining – aus Beratung und Stressmanagement. Die wichtigste Komponente ist jedoch die Musik, wie Dr. Heike Argstatter vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg sagt: "Die Patienten lernen, wie sie den Tinnitus-Tönen aktiv etwas entgegensetzen können." Etwa indem sie den eigenen Tinnitus-Ton möglichst genau nachsingen. Auch Entspannungsübungen nutzen Musik: In Meditationsklänge wird dieser persönliche Ton gemischt – damit der Patient lernt, trotz Störgeräusch loszulassen.

Hyperaktive Gehörzellen wieder beruhigen

Fünf Tage dauert das Programm, danach müssen Betroffene zu Hause weiterüben. In den Behandlungsleitlinien steht eine Empfehlung für das Modell noch aus. Dennoch werten Experten das Gesamtkonzept als wirksame Möglichkeit. Nur: Nicht jeder kann sich vorstellen, einen Tinnitus zu singen. "Eine gewisse Offenheit sollte man mitbringen", räumt Argstatter ein.

Simpler klingt da der Ansatz, mit dem sich Professor Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus und Bio­signalanalyse der Uni Münster seit ­­Jahren beschäftigt. Er basiert auf der Idee, dass die hyperaktiven Nervenzellen im Hörzentrum von Tinnitus-Patienten umlernen können, ihr Signalfeuerwerk also wieder gehemmt werden kann.

Musik nach Maß

Zuerst muss dafür die genaue Frequenz des Tinnitus bestimmt werden. Anschließend wird sie aus einem Musikstück herausgefiltert. "Die Musik hat dann ein kleines Loch im Spektrum", erklärt Pantev. Wenn der Betroffene das bearbeitete Stück hört, werden die Nervenzellen im Hörzentrum gezielt geschont. Durch die veränderte Musik lernen die Nerven um, der Tinnitus lässt nach.

"Taylor-Made Notched Music" (Maßgeschneiderte gefilterte Musik) heißt das Verfahren. In einer aktuellen Studie wurde dessen Wirkung mit 100 Tinnitus-Patienten untersucht. Nach drei Monaten hatte sich die Belastung nicht signifikant geändert – weder in der Placebogruppe noch bei den Teilnehmern, die die Therapie erhalten hatten. ­Einen Monat später war bei Letzteren jedoch sowohl die Tinnitus-Lautstärke als auch die -Belastung geringer. ­Pantev: "Das sind Ergebnisse, die uns optimistisch stimmen."

Krankenkasse prescht vor

Das internationale Interesse war allerdings schon lange vor dieser Studie groß – auch von Geschäftsleuten, berichtet Pantev. Mittlerweile hat ein Start-up auf Grundlage der Forschungsergebnisse eine App entwickelt, die eine "Individuelle Tinnitus-Therapie" verspricht. Die Wissenschaftler aus Münster stehen mit dem Unternehmen in keinerlei Verbindung, wie Pantev berichtet: "Wir wurden zwar kontaktiert. Doch die Preisvorstellungen fanden wir als Forscher völlig überzogen."

Zwischen etwa 240 und 530 Euro kostet die Nutzung der App pro Jahr. Dass mittlerweile sogar eine Krankenkasse im Rahmen eines Hamburger Pilotprojektes die Kosten für die App übernimmt, findet Gerhard Hesse angesichts der aktuellen Datenlage "mehr als fragwürdig". Auch das Deutsche Cochrane-Zentrum an der Universität Freiburg kritisiert das Angebot der Krankenkasse.

Und Expertin Mazurek von der Charité kann vor Musik-Behandlungen in Eigenregie im Moment nur warnen: "Zu uns kamen auch schon Pa­tienten, bei denen sich der Tinnitus durch so eine App verschlimmert hatte."


Tipps gegen Tinnitus: Was tun bei Ohrgeräuschen?

1. Nicht aufschieben

Treten Ohrgeräusche erstmals und akut auf, sollten Sie möglichst bald zum Arzt gehen. In einem frühen Stadium kann Tinnitus am besten behandelt werden.

2. Nicht schämen

Ein Tinnitus belastet möglicherweise den Alltag. Vielen ­Betroffenen helfen psychotherapeutische Beratungsangebote.

3. Gut schlafen

Ein- und Durchschlafschwierigkeiten gehören zu den häufigsten Problemen bei Tinnitus. Rituale und feste Tagesabläufe können helfen.

4. Sich informieren

In der Regel sind die meisten Bestandteile eines Tinnitus-Retrainings Kassenleistungen. Informieren sie sich trotzdem vorab über Leistung und Kosten.

5. Lebensfroh bleiben

Überlassen Sie dem Tinnitus nicht die Bühne. Wer sein Leben aktiv lebt, dem fällt es leichter, den Tinnitus zu ignorieren.



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